Tonträger Rezensionen

GAFFA – Mach‘s gut CD

Diese Band existiert tatsächlich schon seit 24 Jahren. Doch auf meinen Plattenteller haben sie es bis heute nie geschafft. Vielmehr begegneten sie mir auf Flyern und Konzertankündigungen mit furchtbar dilettantischem Artwork und anderen Bands, die ich weder hören noch sehen wollte, also ließ ich GAFFA links liegen. Wenn man dann in einer Band spielt, die PANZERBAND heisst, haben es andere Klebebänder natürlich schwer. Mit Ausnahme von Isolierband natürlich. Mir also eine CD der Stuttgarter Band auf den Rezensionsstapel zu legen ist in etwa so, als würdest du den Tempo-Junior-Chef bitten, seinen Rotz in recycelte Zewa-Küchenrolle zu schnäuzen oder dem jahrelangem Uhu-Schnüffler einen billigen Klebestift von Woolworth unter die Nase hältst. Skepsis und Ablehnung. Die Aufmachung des mittlerweile fünften oder sechsten Albums ist ähnlich dürftig, wie die meisten Flyer auf denen die Band auftaucht. Ein Microsoft Paint Verbrechen ohne Textbeilage Das ist Nix Gut. Und auch auf der beiliegenden Daten-CD befinden sich neben einigen hochauflösenden Bandbildern, einem Anschreiben und einer kurzen Biografie nichts, was mich weiter bringt. Klar ist der Gesang gut zu verstehen und deutlich artikuliert, aber ich finde es immer schöner, wenn ich mir die Texte auch durchlesen kann. Wenn ich mich jetzt aber endlich mal aufs Wesentliche konzentrieren möchte, nämlich die Musik, stelle ich schnell fest, das mir das ganz gut reinläuft und ich tatsächlich deutlich Schlimmeres erwartet habe. Wenn du auf Dritte Wahl, Abstürzende Brieftauben oder Fahnenflucht stehst, darfst du hier gerne mal ein Ohr riskieren. Songs wie „Dieses Land“ oder „Aller außer dich“ hätten in den 90er Jahren problemlos auf einen Schlachtrufe oder Alptraum-Melodie Sampler gepasst. Wenn du deinen Deutschpunk aber ruppiger und mit mehr Aggression magst, solltest du dir lieber mit Gaffa die Ohren zukleben. Mach‘s gut ist wie ein 24 Jahre altes Klebeband. Für kleinere Reparaturen ohne hohe Ansprüche durchaus zu gebrauchen. Der gewissenhafte Deutschpunk greift zu Panzerband.

MENSCHENMÜLL – Demo CD

Wenn ich neue Sachen zum Besprechen zugeschickt bekomme, muss meistens mein Kumpi Arne herhalten, denn bei ihm im Arbeits-Auto hören wir uns die Silberlinge dann gemeinsam an. Eigentlich findet er immer alles scheiße, was ich anschleppe und fertigt es mit zwei, drei kurzen und knappen Sätzen ab. Sein Fazit: „Boah ist das langsam. Die sind bestimmt total bekifft. Was soll das sein? Monotoner Sesamstrassenpunk? Lass uns lieber wieder Death hören.“ Menschenmüll ist ein Punkduo aus Freiburg. Das scheint gerade sehr in Mode gekommen zu sein, eine Band nur zu zweit aufzuziehen. Kackschlacht als Trendsetter. Eigentlich haben Büchi und Micky sehr viel richtig gemacht. Kein Facebbok, kein Bandcamp. Kein Internet. Bandname, Artwork und Aufmachung sprechen mich an. Versprechen mir eine dreckige Ladung Deutschpunk, mit knackigen Songtiteln wie „Roboter“, „Kamera“ oder „Allein“. Aufs Wesentliche reduzierte Texte mit klarer Aussage, keine unnötigen Gitarrenfrickeleien, Drumsolis oder infationär verwendete ohohohs und ahahahs. Nach einem durchaus gelungenen gesprochenen Intro folgt mit „Menschenmüll“ der erste Track. Das scheint gerade sehr in Mode gekommen zu sein, einen Song im Repertoir zu haben, der den Bandnamen gebetsmühlenartig in deine Gehörgänge fräst. Mülheim Asozial als Trendsetter? Der Sound ist dann allerdings auf die komplette Distanz ein gutes Stück weit zu monoton, obwohl gerade dadurch eine ganz eigene Atmosphäre geschaffen wird. Wenn es dann im zweiten Song heisst: „Hier kommen die Roboter! Hier kommen die Roboter! Hier kommen die Roboter! Aah – aah – aah – ah!“ hängt es mir ziemlich schnell zu den Ohren raus und ich kann Arnes Assoziation zur Sesamstrasse sehr gut nachvollziehen. Ein Lied über den Überwachungsstaat mit seinen Kameras ist jetzt im Punksektor auch nicht gerade das neu erfundene Rad: „Ich werd gefilmt, beim Pinkeln gehen…“ und danach erklärt dir Kermit der Frosch, dass du dir nach dem Pinkeln die Hände waschen musst… Ein bisschen mehr Rotz, ein bisschen mehr Aggressivität und ein bisschen mehr Feinschliff bei den Texten würde dem Duo gut tun, da diese Aufnahmen sieben Wochen nach Bandgründung entstanden sind, habe ich aber die Hoffnung, dass sie sich bei weiteren Veröffentlichungen etwas mehr Zeit nehmen und mich dann auch vollends begeistern können. So schrammt dieses Demo knapp am Datenmüll und virtuellen Papierkorb vorbei, doch wenn die beiden auch nur einen annähernd hohen Unterhaltungswert auf der Bühne wie Kackschlacht bieten können, kann das schon noch was werden mit dem Menschenmüll. Potential dazu haben sie.

BOTTLES – Ohne Proben ganz nach oben!! CD

Baden-Württemberg. Dieses Bundesland wird mir immer unsympathischer. Wenn ich mir die letzten Scheiben angucke, die ich aus Stuttgart und meinetwegen auch Ludwigsburg hören musste, kräuseln sich meine Fußnägel. Die Bottles haben nun nach sieben Jahren erstmals ihre geistigen Ergüsse auf eine unschuldige Scheibe Plastik gebrannt. Sie nennen sich selber die Pioniere der „Pain“ stream Musik. Die Gründer der Rock´n Roll Hall of Shame, die Terminatoren der Ohrsmuschel usw. Sie sind quasi prädestiniert dafür, dass sie mal jemand richtig böse kaputt reviewt, was ihnen vollkommen egal wäre. Hauptsache sie bekommen eine Rezension für die Demo EP, welche seit letztem Jahr gratis auf dem Markt ist und damit die Weltmarktpreise für Musik ins jämmerliche Verderben stürzt. Wuahahaharrrrrr! Ich kann gar nicht so viel saufen, um diese sieben Lieder zu ertragen und lasse deswegen meinen Praktikanten Giovanni diese Rezension beenden: „Es gibt im Moment in diese Punkrock, oh, einige Leute vergessen ihnen Punk was sie sind. Ich lese nicht sehr viele Fanzines, aber ich habe gehört viele Situationen: Sie haben nicht gut gespielt. Es gibt keine deutsche Band spielt gut und die Lieder langweilig wie Bottles. Ist klar diese Wörter, ist möglich verstehen, was ich hab‘ gesagt? Danke. Ich habe erklärt mit diese fünf Männer: Ich habe auch andere Bands gesehen in Europa. Ich habe gesehen auch zwei Tage die Proben. In diese Band sind es zwei, drei oder vier, nein fünf Leute, die sind schwach wie eine Flasche leer! Haben Sie gesehen, welche Band hat gespielt? Hat gespielt der Scheiß Nils, oder gespielt Pusher, oder gespielt Fressi? Paaaaaaat! Pat ist sieben Jahre hier, hat gespielt viele Konzerte, ist immer schlecht. Was erlauben Pat? Muß respektieren die andere Kollegen! Haben keinen Mut an Worten, aber ich weiß, was denken über diese Band! Ich habe fertig!“

LEGUAN – EP1 CD

Wo fange ich an? Beim Bandnamen? Gibt es außer Rattus eine coole Punkband, die sich nach einem Tier benannt hat? Ich habe absolut überhaupt keinen Bezug zu Echsen oder Reptilien, die Facebook-Gruppe „Grüner Leguan“ hat mit 162 begeisterten Terrarianern auf jeden Fall mehr Follower als die vier alten Hasen aus dem Ruhrgebiet, die ihrer Band diesen komischen Namen gegeben haben. Komischer Name, komischer Titel für die EP. Wirkt nochmal einfallsloser als einfach gar keinen Titel zu verwenden. Als nächstes das Label. Kidnap Music ist ja eigentlich ein Garant für hochkarätige Veröffentlichungen, vor allem was das Drumherum, die Verpackung und den Mehrwert angeht. Pascow, Lygo oder Akne Kid Joe haben hier ihr zuhause und geben das musikalische Grundgerüst dieser Veröffentlichung vor. Was ist das eigentlich für eine Veröffentlichung? Ich habe zum Besprechen eine gebrannte CD ohne Cover, Hülle, Infos oder Textblatt erhalten, der traurige Rest muss sich mit einem Online-Release auf diversen Streaming-Diensten begnügen. Nix für Haptiker. Ist das die Zukunft? Ich hoffe nicht. Mir erschließt sich der Sinn hinter dieser Veröffentlichungspolitik und der Zusammenarbeit mit einem Label nicht. Die fünf Songs laufen hier schon dank You-Tube Repeat Modus eine ganze Weile in Dauerschleife und ich muss sagen, dass die vier es tatsächlich geschafft haben, verdammt abwechslungsreich und eingängig zu klingen, obwohl ich andauernd die eben schon erwähnten „Label“-Kollegen im Kopf habe. Vor allem zu Akne Kid Joe passen Leguan ganz gut. Mit „Hochhaus mit Antenne“ ist ihnen auch ein echter Hit gelungen, der sich schön festsetzt. In den Passagen, in denen der Text eher gesprochen als gesungen wird, lassen auch die Kaput Krauts mit ihrem Straße, Kreuze, Mittelfingerspielchen grüßen. Wären die fünf Songs hier auf Schallplatte erschienen, hätte ich ihnen wohl eine ähnlich rosige Zukunft vorhergesagt, wie vor einiger Zeit den pickeligen Nürnberger mit ihrer ersten Vinylveröffentlichung, so werden sie wahrscheinlich im Datennirvana verschwinden, denn der Konsum von Musik über Spotify oder YouTube zählt hier eher zu den Ausnahmen. Ich habe mir auf jeden Fall vorgenommen, Mitglied Nummer 163 beim „grünen Leguan“ zu werden, um alles über Iguana Iguana zu erfahren. Wahrscheinlich lege ich dabei eine Rattus, Baboon Show, Köter oder Ponys auf Pump Scheibe auf den Plattenspieler.

DEAD DISTRICT – Dancing In Ruins CD

Dus vanuit Heerlen. Nederland. MOC? Wie weet wat dat betekent? Omdat ik helemaal geen punk heb, zelfs als ik een groot deel van mijn pubertijd heel dicht bij de Nederlandse grens heb doorgebracht, zijn we er gewoon om te tanken, koffie en kaas te kopen en natuurlijk om gras te roken… das war niederländisch und hört sich immer ein bisschen nach besoffenem Kölner an, doch glücklicherweise singen die 5 Herrschaften aus Heerlen in einer Sprache, die ich besser verstehen kann. Vier Songs in Englisch liefern mir DEAD DISTRICT auf ihrem Debut. Ob sich der Bandname auf ihre Heimatstadt bezieht, kann ich nur mutmaßen, denn laut Wikipedia lohnt sich ein Besuch in Heerlen nur, wenn du auf alte Mühlen oder Bergbauromantik stehst. „I will bury my dreams in these dying streets…“ Heerlen gehört auch irgendwie zu Limburg, war mal Kohlekumpelstadt und hat nach Schließung der Zechen mit einer hohen Arbeitslosigkeit zu kämpfen. Das Schalke der Niederlande. Alles Käse. Hier soll es ja um DEAD DISTRICT gehen und die kloppen mir eine saustarke EP um die Ohren. Ich hör die Songs jetzt schon den halben Tag in Dauerschleife und stelle keine Ermüdungserscheinungen fest. Das erinnert mich an Strike Anywhere und Good Riddance, ein Sound, den ich schon sehr lange nicht mehr gehört habe und der sich gerade mit Nachdruck in meinen Gehörgängen fest beisst. Melodischer Hardcore, Gefühl und Härte, mal ruhig und verspielt und im nächsten Moment wieder mit Vollgas in die Fresse. Finde ich extrem abwechslungsreich und extrem geil. Gute gesellschaftskritische und persönliche Texte in perfektem Englisch runden den mehr als gelungenen Ersteindruck ab und ich bin gespannt, welchen Weg das Quintett gehen wird. Ich denke, dass ich von dieser Band noch viel hören werde…

GLOOMSTER / ABSTINENZX – Soli Tape

Diese Veröffentlichung ist in vielerlei Hinsicht wichtig. Wenn du in den letzten Wochen und Monaten nicht hinter dem Mond Urlaub gemacht hast, wird dir der Begriff „Seenotrettung“ schon einmal begegnet sein. In Zeiten, in denen alles verroht un immer abgestumpfter wird, ist Solidarität wichtiger denn je und auch wenn du mit dem Kauf dieser Kassette nur einen kleinen Beitrag leistest, denn die gesamten Erlöse gehen zu 100% an die zivile Seenotrettung im Mittelmeer, hilft jede noch so kleine Unterstützung weiter. So wurde dieses Projekt von Black Cat Tapes initiiert und von vielen verschiedenen Labeln, Initiativen und Konzertgruppen finanziert. Die schwarze Katze aus Potsdam mausert sich langsam aber sicher zu einem meiner Lieblingslabel. Zum Großteil werden hier Künstler und Bands aufs Magnetband gebannt, die mir gut reinlaufen, in Aufmachung und Layout stecken viel Liebe und Herzblut und Tini und Tobi sind Menschen, die die hohle Phrase DIY mit Leben füllen und dabei grundsympathisch und authentisch sind. Die Aufnahmen von GLOOMSTER, über die ich hier und im Human Parasit schon sehr viele Worte verloren habe und die mich seit knapp zehn Jahren und ihrem ersten Lebenszeichen begleiten und ABSTINENZX, deren erstes Lebenszeichen noch nicht so lange her ist und die mich hoffentlich noch zehn Jahre weiter begleiten werden, sind in der Gerberstrasse in Weimar entstanden. Ein Laden, den ich gerne und oft besucht habe, als ich noch im nahgelegenen Eisenach gewohnt habe und wo ich auch schon selbst auf der Bühne stehen durfte. In der ewigen Rangliste der geilsten Konzertlocations rangiert die Gerber 3 ganz oben locker unter den Top 3. Selten hab ich mich so gut aufgehoben und umsorgt gefühlt, wie bei der Lion Crew Konzertgruppe. Diese Aufnahmen dokumentieren leider auch ihre letzte Veranstaltung, aber wie Julian von Gloomster an dem Abend ganz treffend gesagt hat: „Es haben schon viele ihr letztes Konzert veranstaltet, es wäre toll, wenn es mit der Lion Crew weiter gehen würde.“ Das größte Manko einer Liveaufnahme ist meistens der Sound, der oft breiig oder schlecht abgemischt ist, ein besoffenes Publikum, das durch unqualifizierte Zwischenrufe oder stumpfes Gegröhle den Hörgenuss schmälert oder peinliche Ansagen oder Pausen zwischen den Liedern. Kennst du ein richtig gutes Live-Album? Das trifft auf diese Veröffentlichung glücklicherweise überhaupt nicht zu. Gute Quali für ne Liveaufnahme? O-Ton Tobi: „…für live ist das schon eher Bombe.“ Von GLOOMSTER gibt es einen guten Querschnitt ihres bisherigen Schaffens. Die Jungs sind sehr umtriebig und ich freue mich auf das bald erscheinende neue Split-Album mit Killbite. Mein klarer Gewinner sind aber ABSTINENZX aus Jena, die mit lustigen Ansagen und richtig geilen Songs punkten können. Die werden von Mal zu Mal besser und trauen sich sogar mal an ein Cover von Pascow ran, das sich qualitativ nahtlos in die eigenen Lieder einreiht. Gefällt mir richtig gut und hoffentlich kommt von den drei Jungs bald ein erstes Album raus. Diese Kassette ist eine richtig tolle Veröffentlichung, von der es sogar noch ein paar Exemplare zu kaufen gibt. Unterstütze die Seenotrettung, besuch die Gerber 3 in Weimar, geh zu GLOMMSTER und ABSTINENZX Konzerten, mach ne Platte mit ABSTINENZX und überrede die Lion Crew, weitere Konzerte zu veranstalten. Und drück Tobi und Tini, wenn du sie triffst.

CRACKMEIER – Crackmeier LP

Aller schlechten Assoziationen sind drei. Crack. Rauchbares Kokain. Drogen sind schlecht mkay? Hab ich im South Park gelernt. Dann Quagmire. Von dieser Serie, die genau beschissen geworden ist wie die Simpsons und die eigentlich nur einen geilen Charakter zu bieten hat: Adam West. Scheiß auf Giggity. Leider gibt es schon eine Kack-Band, die seinen Namen verunglimpft. Als letztes Hamburg. Großstadt. Moloch. Punkrock-Altersteil mit Oberguru Rachut und Rentnerbands wie Razors oder Razzia. Die sonst nichts zu bieten hat? Pustekuchen! Hier kommen CRACKMEIER, um das legitime Erbe von Bombenalarm anzutreten, die es ja leider nicht mehr gibt. Zudem sind die drei Säulen des engagierten deutschen Politpunks WWK, Recharge und Rawside (O-Ton Plastic Bomb) längst eingestürzt bzw. nur noch ein Schatten ihrer selbst und Amen81 sagen jedes zweite Konzert wegen Familienangelegenheiten ab. Was bleibt da noch? Na CRACKMEIER! Wenn du mit den bisher in dieser Rezension erwähnten Bands etwas anfangen kannst (nicht mit Adam West) darfst du jetzt in die Luft und im Kreise springen, denn die fünf Hamburger Jungs pusten dir ordentlich die Gehörgänge durch. Das versprüht Hass und Energie und Elan, auch wenn er nicht mehr ganz jugendlich ist. Musikalisch also eine durchaus anständige Sache, die sich nicht vor den genannten Referenzen verstecken braucht und die textlich und durchs überaus gelungene Artwork noch Bonuspunkte sammeln kann. Natürlich geht es in den 10 Liedern auch wieder um die Themen, die du von so einer Band erwartest. Kritik am blinden Konsum und der Stagnation, die den Willen zur Veränderung verdrängt oder den technischen Wahn, der dir als Fortschritt verkauft wird. Bullen, Europas Grenzen, innere Seehofer Sicherheit, Nazis, AFD und Grauzone werden im Song „Scheiß drauf“ mit der Pauschalisierungskeule zerlegt. Und zwar mit Schwung und Schmakkes, dass es jeden Walking Dead Stacheldraht Lucille Schläger in den Schatten stellt. „Doch du spielst es mit, gehst den Weg, den andere für dich malen. Der Wert deines Lebens ist berechenbar in Zahlen.“ Persönlich wird es dann in „Heimathafen“, einem Song, der das Gefühl beschriebt, nach vielen Jahren in das Kaff zurück zu kehren, in dem mensch aufgewachsen ist. Spricht mir aus der Seele. Geh kacken Erkelenz! Die Kritik an der Person Erdogan und seiner Politik kommt im Song „Egoman“ zwar extrem verkürzt daher, aber hat sich seit OHL überhaupt mal wieder eine Band an diese Thematik herangewagt? Auch der Song „Gepäck“, in dem es um die RAF-Rentner Klette und Garweg geht (was habt ihr mit Ernst-Volker gemacht?), die mit Ü60 immer noch Geldtransporte mit Panzerfäusten überfallen, wartet mit einer Thematik auf, die eher selten den Weg auf eine Punkplatte schaffen und so haben mich CRACKMEIER vor allem textlich begeistert. Da hat Bolzkow Records eine richtig feine Scheibe rausgehauen und ich bin sehr gespannt, wie sich das Quintett so auf den Bühnenbrettern präsentiert. Die werde ich definitiv im Auge behalten. Giggity.

BLANKER HOHN – Die letzten unserer Art LP

Ich habe selten ein sympathischeres Anschreiben bekommen, als zu dieser CD. Da habe ich gerne zugesagt, etwas über den am 15.06.2019 erscheinenden Tonträger „Die letzten unserer Art“ von BLANKER HOHN zu schreiben. Irgendwie ist mir der Name auch ein Begriff, denn tatsächlich hat die Band aus Hamburg-Harburg schon 1984 ihre erste und bis dato einzige LP veröffentlicht. Aber sie tauchten nie auf den einschlägig bekannten Samplern auf und löste sich schon ein Jahr später wieder auf. Sie erlangten nie den Kultstatus anderer Bands aus dieser Zeit, deren Scheiben heute zu astronomischen Preisen gehandelt werden. Ende der 90er erschien nochmal eine CD „Punks ist unser Hobby“ mit allen Songs, die sie im Repertoire haben. Immerhin 33 Songs inklusive ihrer Hits „Clausthaler“, „Feuerwehrlied“ uns „Essen, Trinken, Rauchen“. Kennst du nicht? Kannte ich vorher auch nicht. Da sich einige Songs doppelt auf dieser Compilation befinden, die ich jetzt gelinde gesagt nicht unbedingt als „Hits“ bezeichnen würde, ist der „Genuss“ dieses Silberlings ähnlich anstrengend, wie drei Tage Feuerwehrfest in Heinde mit alkoholfreiem Bier. Und nun, über 30 Jahre später, gibt es tatsächlich ein neues Album, mit neuen Songs, auf Vinyl. Musikalisch haben sich die vier kein Stück weiter entwickelt. Volles Brett simpler und rumpeliger 80er Deutschpunk, der sehr wenig Variationen und Abwechslung bietet, mit einer immer ähnlich klingenden Gesangsmelodie ausgestattet ist und trotzdem irgendwie im Ohr hängen bleibt. Manchmal genügen ja die einfachen Dinge und wo das bei vielen Bands konstruiert, aufgesetzt und gewollt limitiert erscheint, punkten BLANKER HOHN mit Authentizität. Die können es einfach nicht anders und das empfinde ich als sehr sympathisch. Jetzt könntest du denken, dass sich die Herrschaften nach so langer Zeit wieder zusammen gerauft haben, weil sie ordentlich was zu sagen haben, ihrem Hass und der Wut ein Ventil geben müssen, aber Pustekuchen. Textlich reicht das vom Schmunzeln zu peinlich berührt. Der Spaß steht im Vordergrund, wobei sie es aber größtenteils schaffen, keine stumpfen Funpunk Klischees zu bedienen. „Deinen Hund den nennst du Klassenfeind und kommandierst ihn rum…“ oder „Es gibt heut Fisch, Fisch, Fisch, Fisch, Fisch, Fisch, Fiiiihhhisch“ sind keine lyrischen Glanzleistungen, aber selbst da können sie noch einen drauf setzen: „Was macht dicke Eier und nen langen Pimmel? Faaaaahrbier, Fahrbier!“ Jawoll. Hier wird gern gesoffen und darüber gesungen. Auf einer Ü50-Party würde ich die betagten Punker jetzt nicht erwarten, aber ebenso wenig auf einem DIY-Konzert im schummrigen AZ. Irgendwo dazwischen, irgendwie hängen geblieben, aber mit Spaß dabei. Und das steckt an. Besser als Oidorno!

KATASTROPHEN KOMMANDO – Das Leben ist bunt und granatenstark CD

Geiler Bandname. Klingt nach angepisstem Deutschpunk mit wütenden Texten gegen dich, gegen mich und Hass auf Alles. Geiler Albumtitel. Wann hab ich das letzte Mal das Wort granatenstark gehört? Leider keine geile Mucke. Böswillige Rezensenten schreiben von Larifari Kinderpunk, der Killerpilze Autogrammkarten sammelt, die Ärzte für die beste Band der Welt hält und einen ähnlich debilen Humor wie die Abstürzende Brieftauben hat. Zu viel Lalala und Schalala und Nanana und Bababa und Tralala. Die letzten drei sind tatsächlich Zitate aus dem beiliegenden Textblatt. Lieder über Pippi Langstrumpf, eine Vogelscheuche oder ein tolles Lied aus dem Radio sind so belanglos, wie du jetzt vermutest. „Wir halten uns an Reime, einfach und korrekt. Unser einfältiges Schema zeigt, was alles in uns steckt.“ Zumindest geben sie sich selber keinen Illusionen hin. Ich krieg richtig schlechte Laune bei diesem Eititeiti, gute Laune Gedudel. Zum Glück sind die drei Dortmunder Jungs noch ganz am Anfang ihrer Adoleszenz und können das Katastrophen Kommando in ein paar Jahren als spätpubertäre Jugendsünde verharmlosen. Diese CD ist alles andere als granatenstark. Wohlwollende Rezensenten schreiben nichts über diese Veröffentlichung, oder verlieren sich in inhaltslosen Plattitüden. Ordentlich gespielter Punk, der sich ein wenig an ZSK orientiert. Die Jungs haben das Herz am richtigen Fleck, nehmen sich selbst nicht ganz so ernst und haben mit „Straßen aus Zucker“ und „Fette Jahre“ zwei eingängige, politische Songs mit Ohrwurmcharakter aufgenommen. Dabei lassen sie aber auch den Spaß auf ihrem ersten Longplayer nicht außen vor und huldigen mit „Pippi Langstrumpf“ einer Heldin ihrer Kindheit. Das Album versprüht Optimismus, macht einfach gute Laune und ist granatenstark. Doch wer will schon wohlwollende Rezensionen lesen. Punk muss böswillig.

RAINBOW DASH – Demo 2019 Tape

Rainbow Dash ist ein Pegasus und hat die Aufgabe, den Himmel von Wolken freizuhalten, sofern dies erwünscht ist. Sie legt zwar oft eine gewisse Arroganz und Angeberei an den Tag und trifft übereilte Entscheidungen, steht am Ende aber stets loyal zu ihren Freunden. Ihr Haustier ist eine Schildkröte namens Schildi, die durch einen Propeller an ihrem Panzer fliegen kann. Von den sechs Elementen der Harmonie verkörpert sie den Punk. Denn ich rezensiere ja hier kein Hasbro-Spielzeug, sondern das erste musikalische Lebenszeichen von vier Kölner Punks mittleren Alters, die nicht das erste Mal hinter ihren Instrumenten lärmen. Tatsächlich sind Rainbow Dash für mich schwer zu greifen. Auf ihrer Bandcamp-Seite werden mir die Petrol Girls empfohlen und da du ja nach Querverweisen und Referenzen gierst, nimm eben die. Ähnlich wie beim Londoner Quartett ist mein erster Eindruck eher gedämpft, wirken die Songs recht sperrig und wenig eingängig. Inhaltlich hätte ich mir Geschichten über das Leben im magischen Land Equestria, Einhörner und generell etwas mehr Pony content gewünscht, aber wie es sich für eine Punkband gehört geht es immer wieder gegen die üblichen Verdächtigen. Arbeit ist scheiße, Nazis auch. Glücklicherweise verpacken sie ihre Message dann doch etwas subtiler und hier und da komme ich auch auf meine My Little Pony Kosten. Gerade textlich ist das nämlich oberste Güteklasse, was hier abgeliefert wird, sehr persönlich und das gibt dann im Zusammenspiel mit der Musik ein recht stimmiges und buntes Bild, denn die Vier sind in ihren sieben Songs auch noch recht abwechslungsreich. Für mich sind der Titeltrack mit der starken ersten Textzeile: „In the fear of going to far is making me sick. first step out of bed feels like i step into shit.“ und der letzte Song „Black Cat“ mit geilem Crust-Part deutliche Ausreißer nach Oben in einem durch und durch gelungen Debüt, das auf lange Sicht bis zum letzten Detail des ansprechenden Artworks voll überzeugen kann. Ich freue mich die Bande nächsten Donnerstag im Stumpf live zu erleben und würde mir bei einem Cover des unten geposteten Songs den Arsch abfreuen. Ich nehme gerne eine Prise Regenbogen.

WALDGEIST KARTELL – Poesie CD

Wo sind die verzerrten Gitarren, wo der treibende Schlagzeug-Beat, der angepisste und aggressive Gesang? Ist das Waldmeister Kartell für diesen fürchterlichen grünen Wackelpudding verantwortlich? Ach so, das ist Akustik-Punk. Liedermacher mit Band. Lagerfeuerromantik. Also noch mal von vorne. Waldgeist und nicht Waldmeister. Baumbart ist ein Waldgeist. Das ist mein liebster Charakter vom Herrn der Ringe. Auch Groot von den Guardians Of The Galaxy finde ich cool. Bäume sind die besten Schauspieler. 6 Träumer aus Hamburg nennen sich das Waldgeist-Kartell. Dreckige Füße und Ponchos statt Springerstiefel und Nietenkutte, aber dann doch irgendwie Punk. Denn Punk hat viele Facetten. So Singer- und Songwriter Kram ist schwere Kost für mich. Das kann ich mir in der Badewanne aber gut anhören. Da höre ich auch gerne Früchte des Zorns, die mir textlich aber ein bisschen näher sind, weil radikaler. Und trotzdem ertappe ich mich dabei, wie mir die 6 Lieder dieser CD immer besser gefallen. Die persönlichen und melancholischen Texte über das Leben und den Wahnsinn, mit schöner Stimme, getragen von der Akkustik-Gitarre sind mal ganz was anderes als das, was hier sonst aus den Boxen dröhnt. „Leben dreht sich um den Kick von Drogen, Sex und Alk. Wie der Anfang wird das Ende wohl ein großer Knall.“ Ich merke wie sich beim Hören ein Gefühl der tiefen Entspannung breit macht, ich schalte ab, wie ein einsamer Wolf in der endlosen Prärie und ich drücke den Repeat-Knopf. „Keinen Mut zum Träumen, heißt keine Kraft zum Kampf.“ Das Waldgeist-Kartell ist sicher nichts für Punk im Pott oder den Kassettenrekorder auf dem Punkertreffen in der Fußgängerzone, aber für die ganz besonderen Momente funktioniert „Poesie“ erstaunlich gut. Ich sollte öfter in die Badewanne steigen. Und mehr Wackelpudding essen.

DER GANZE REST – Wir waren schon mal weiter! CD

Reste saufen, Restalkohol. Rest in Peace. Der ganze Rest. Der Name ist ja oft das Erste, was du von einer Band mitkriegst, ein erster Eindruck, der dir vielleicht schon verrät, wohin die musikalische Reise geht. Namen können Türen öffnen, aber auch verschließen. In Kombination mit dem Artwork der mittlerweile zweiten Scheibe der jungen Punks aus Stuttgart wirkt das auf mich erst ein mal abschreckend und ich schließe sogar zweimal ab. Wirkt ein bisschen wie ein Liebesbrief aus der fünften Klasse mit ganz vielen Stickern aus der Bravo verschlimmschönert, kindlich und kitschig. Musikalisch klingt das aber schon deutlich erwachsener. Gut gespielter, melodischer Punkrock, der seine Referenzen bei den ganz Großen hat. Das passt hervorragend zu den Donots, ZSK oder Alarmsignal. Und obwohl sie in ihren Texten die gesellschaftlichen Missstände anprangern, über Klimawandel, das Elend in der dritten Welt, besorgte Wutbürger oder die immer größer werdende Schere zwischen Arm und Reich singen, lassen sie sich ihr positives Denken nicht nehmen. „Ich glaube, dass der Mensch sich ändern kann. Und das Gute siegt – irgendwann“. Und das steckt an. Die Platte versprüht ungebremsten Optimismus, knapp über der Schwelle zur Naivität, auch wenn viele Passagen etwas holprig wirken und mir im Gesamten zu Allgemein gehalten sind. „Sturz ohne Landung, erst schießen dann rennen. In der Ferne ein Licht am Brennen.“ Larifari, denn auf der einen Seite prangern sie Phrasendrescherei an, bedienen sich selber aber oft genug dieses Stilmittels. Das soll jetzt aber nicht zu negativ klingen, denn „Wir waren schon mal weiter“ macht tatsächlich gute Laune, der etwas raue Reibeisengesang verleiht den Songs das nötige Etwas, sogar die gelegentlichen Ska-Einlagen passen hier ganz gut. Sie scheuen auch nicht vor einer Ballade zurück und live machen die Jungs bestimmt ordentlich Stimmung. Ich passe wahrscheinlich nicht mehr ganz in die Zielgruppe und vermisse Wut, Hass und Aggressivität, aber die Vier werden mit ihrem Punk sicherlich viele Freunde finden. Vielleicht spielen die Jungs als DGR in ein paar Jahren zur besten Sendezeit bei Punk im Pott oder anderen großen Festivals. Bei ZSK weiß ja auch niemand mehr, was die drei Buchstaben bedeuten und auch die haben mal klein angefangen.

KRACHMAKERS – Single 2019 EP

Ich zitiere mal den ersten Satz aus dem Begleitschreiben: „Deutschsprachigen Punkrock gibt es wie Sand am Meer! Aber eine Band, die wie wir klingt, fällt uns partout nicht ein“. Nach dem Genuss der beiden Lieder kann ich dieser Aussage nicht widersprechen. Es rumpelt und pumpelt an allen Ecken und klingt nach erster Probe einer jungen, unbekümmerten und unerfahrenen Band, die sich vom Taschengeld gerade ihre ersten Instrumente gekauft hat. Das sich hier ein paar alte Männer, 25 Jahre nach Bandgründung wieder zusammen gefunden haben und eine erste Veröffentlichung eingerumpelt haben, hat mich dann doch überrascht. Zumindest haben sie im letzten Vierteljahrhundert nicht an ihren Instrumenten geübt, so dass ich wohlwollend von keiner Weiterentwicklung sprechen kann. Authentisch wäre auch so ein Wort, was aber zu viel positive Assoziationen wecken würde, denn diese beiden Lieder sind mit das Schlimmste, was ich meinem Plattenspieler seit langem angetan habe. Eintönig. Monoton. Unmusikalisch. Disharmonisch. Dabei könnten das durchaus Attribute bei einer positiven Plattenbesprechung sein, aber „The Anti Patience Song“ (ein Lied über verschiedene Warte-Situationen) und „Stanislaw Petrow“ (ein Lied über einen russischen General, der einen Atomkrieg verhindert hat) sind mit das Schlimmste, was ich meinem Plattenspieler seit langem angetan habe. Ein weiteres Zitat aus dem Begeleitschreiben: „Ein echter Schlag ins Gesicht, für den häufig glattgebügelten Kommerzpunk der heutigen Zeit.“ Mehr ein Schlag auf die Ohren. Die beiden Lieder verursachen einen ordentlicher Satz heißer Ohren und wecken das Verlangen nach glattgebügeltem Kommerzpunk der heutigen Zeit. Mit vier bzw. fünf Minuten sind sie auch viel zu lang. Komm ich sing einfach noch zwanzig Mal den Refrain. „Warten, immer warten, warten, immer nur warten…“ auf das Ende des Liedes, auf das Ende der Single. Auf das Ende der Krachmakers. Meine Ohren bluten. Das ist mit das Schlimmste, was ich meinem Plattenspieler seit langem angetan habe. Im Begleitschreiben heißt es weiter: „…so basteln wir dennoch wieder mit sehr viel Freude an neuen Liedern, die in allererster Linie erst einmal uns selbst gefallen sollen.“ Leider kann ich an der Freude der vier Herren aus Wetzlar nicht teilhaben und bei der Ankündigung von neuen Liedern bekomme ich es mit der Angst zu tun, denn die Krachmakers sind mit das Schlimmste, was ich meinem Plattenspieler seit langem angetan habe. Das Begleitschreiben endet dann mit folgendem Satz: „Die schicke Vinyl Single ist limitiert auf 200 handnummerierte Einheiten…“ und wird bestimmt auch in zwanzig Jahren keine Wertsteigerung auf Discogs erfahren. Positiv bleibt zu erwähnen, dass außer mir nur noch 199 weitere Menschen in den fragwürdigen Genuss dieser Single kommen, denn sie ist mit das Schlimmste, was ich meinem Plattenspieler seit langem angetan habe.

PADDELNOHNEKANU – My Button Is Bigger Than Yours LP

Ich bin jetzt nicht so der große Wassersportfan. Vorm Schulschwimmen hab ich mich immer gedrückt. In der neunten Klasse haben wir einen Kanuausflug gemacht. Das war auch eher kacke, obwohl wir Paddel dabei hatten. Ich bin jetzt nicht so der große Fan von Flachwitzen und lasse alle weiteren Anspielungen auf den dämlichen Bandnamen sein. Ich bin jetzt auch nicht so der große Fan von frickeligem deutschsprachigen Punk, der gerne auf einer Welle mit Turbostaat und Pascow und anderen schlauen Studentenbands surft, aber an seiner Mittelmäßigkeit scheitert und lediglich Kielwasser schluckt und ich werde auch auf den ersten Anhieb kein Fan dieser Platte und Band, weil sie sehr sperrig, verkopft und wie ein drei Stunden lang gekautes Hubba Bubba schmeckt. Zäh und ohne Geschmack. Doch hoppla, mit dem zweiten Ohr gehört, offenbart sich dann doch eine ganze Menge, die hängen bleibt, die durchaus gute Assoziation weckt und die mich dazu veranlasst, auch ein drittes und viertes Ohr zu riskieren und ein frisches Kaugummi zu nehmen. Denn da ist etwas Spezielles an „My Button Is Bigger…“, am Songwriting, an den Texten, etwas, das heraus sticht aus der Masse an Lygos und Freiburgs und trotzdem überlege ich permanent, an wen und was mich das hier erinnert. Da ist ein bisschen Oma Hans, etwas Kryptik aus der alten Pascow Schule und auch mal etwas Arschtritt und Rotz von Krank. Eigenwillig. Aber irgendwie auch geil. Beim Random Play auf meinem MP3 Spieler neige ich eher dazu, die Lieder dieser Platte wegzuskippen, aber für sich gesehen und am Stück gehört, macht mir „My Button…“ von mal zu mal mehr Spaß. Auch wenn ich musikalisch keinen Song hervorheben kann und ein eindeutiger Hit mit Ohrwurmcharakter nicht auszumachen ist hat die zum Trio geschrumpfte Band aus Baden-Baden hier einen sehr stimmigen Longplayer abgeliefert. Vielleicht sind manche Songs eine Idee zu lang, aber als Gesamtkonzept funktioniert diese Platte sehr gut, denn gerade textlich heben sie sich deutlich von den üblichen Genrevertretern ab. Sie haben ihren ganz eigenen Stil und wenn du dich an die eher gesprochenen als gesungenen schwermütigen und persönlichen Zeilen gewöhnt hast, wirst du sie ein weiteres Mal hören wollen. Und obwohl ich Kindergesang überhaupt nicht leiden kann, geht sogar der letzte Song klar. Meine Favoriten sind dann aber eher „Nicht Hier, nicht Jetzt, nicht Du“ und „Übel & Gefährlich“ in denen mal auf eine ganz andere Art mit dem gesellschaftlichen Rechtsruck abgerechnet wird. Gefällt mir gut. Auch das Textheft und Artwork der Scheibe fügen sich zu einem stimmigen Gesamtbild. Auch wenn ich mich eher zum Stinkstiefel des Punk hingezogen fühle, sind Tulle, Felix und Ole keineswegs Blödmannsgehilfen und ihre Platte werde ich bestimmt noch öfter hören.

INSPECTOR BOWSER & DIE DILDOFEE – Bumsical CD

Willkommen im Pimmel Wonderland. Welch teuflischer Zufall, dass ich mich erst vor wenigen Tagen mit dem pogenden Pinguin quälen musste und nun das nächste vorpubertäre und infantile Punkverbrechen im CD-Player stecken habe. An und für sich finde ich die Idee von einem Punk-Musical gar nicht schlecht. In bester Hörspielmanier wird eine Geschichte erzählt, die mit eingestreutem Liedgut weiter ergänzt wird. Technisch gesehen ist das auch vollkommen in Ordnung, was der Ingo hier fabriziert hat. Die Soundsamples und Liedbeiträge sind gut platziert, die verschiedenen Sprecher und Sprecherinnen machen ihre Sache auch anständig. Das Drumherum geht also klar. Leider ist das Herzstück, die Geschichte, aber dermaßen infantil, abstrus, überzogen und klischeebeladen, dass ich mich echt dazu zwingen musste, das Bumsical ein zweites Mal zu hören. Das ist für Leute, die einmal in der Woche Bildzeitungs-Sex haben mit fest verankertem Rollenbild und die empört und beschämt aus der Wäsche gucken, wenn es um Popo-Spiele geht. „Einmal hab ich mich gebückt und aus Versehen, hat mir einer eine Banane in den After gesteckt.“ Ihh. Das ist ja voll schwul. „Rein und wech, sach ich da nur.“ Leider ist das Niveau so dürftig, dass hier Klischees noch untermauert, statt persifliert werden. Da ist z.B. der gestandene Inspektor, mit Stachelbesetzer Kutte, der gerne Prinzessinnen entführt und Schildkrötenpanzer auf kleine Italiener wirft, der sich, um die dümmliche Dildofee zu schnappen, einen Zeitreisedildo anal einführen muss. Es wird nicht mit billigen Flachwitzen gegeizt, die sich die Jungs in der vierten Klasse in der großen Pause erzählen. Noch tiefer als unterste Schublade. Ich würde jedem davon abraten, die Drogen zu konsumieren, die hier am Enstehungsprozess beteiligt gewesen sein müssen. Passend dazu kann der gute Chris neben Helmut Cool ein weiteres Projekt auf seine Punkrockvita schreiben, mit der ich überhaupt nicht klar komme. Der Stuttgarter Humor ist nicht der Meine.

DER POGENDE PINGUIN – Gießkanne der Wut Demo CD

Hinter diesem bescheuerten Bandnamen verbirgt sich Samuel aus Bayern, der bei den Speichelbroiss (auch bescheuerter Bandname) nicht ausgelastet ist, weil dort seit zehn Jahren Stagnation herrscht. Da seine anderen Freunde kein Instrument spielen können oder er keine anderen Freunde hat, dachte er sich, ich mach einfach alles alleine, brenn das auf eine CD und mülle damit bemitleidenswerte Rezensenten zu. Ein Anschreiben, in dem ich gesiezt werde und das ganze 13 Punkte auflistet, warum der Pogende Pinguin scheisse ist, das aber irgendwie doch ganz sympathisch geschrieben daher kommt und mich neugierig gemacht hat. Wenn ich mich an das 13 Punkte Programm halte, würde ich mir natürlich Zeit sparen. Da stehen so Sachen wie: „Schwachsinnige Texte“ oder „Das Cover-Motiv sieht scheiße aus“ die ich voll und ganz unterschreiben kann. Samuel denkt wohl, mit seiner umgekehrten Psychologie hätte er mir schon die ganze Munition für einen Verriss genommen und seine Tiefstapelei würde mich dazu veranlassen, in dem Haufen Scheisse doch noch nach einem Lichtblick zu suchen. Is aber nich. Er nennt den Pinguin selber ein Satire-Projekt und steht sich genau damit selbst im Weg. Musikalisch ist das gut gespielter Punk, schön abwechslungsreich, der mich manchmal sogar an Rasta Knast erinnert und auch stimmlich variiert er viel, so dass ich an keiner Stelle merke, dass für Sound und Gesang nur eine einzige Person verantwortlich ist. Wenn es dann gegen Ende der CD (Ja, ich habe tatsächlich alle Lieder gehört) aber wie der kleine Bruder von Rammstein oder Knorkator klingt, ist mir das an Abwechslung zu viel. Hätte er sich mir der Gestaltung und dem Drumherum ein bisschen mehr Mühe gegeben und würde gesanglich nicht ganz so viel experimentieren, wäre das musikalisch eine ganz anständige Veröffentlichung geworden. Du wartest auf das große ABER, oder? Hier kommt‘s. Die Texte sind vorpubertärer Nonsens, belangloser Scheiss. So einen Dünnpfiff kann ich mir echt nicht anhören. Lieder über Kaka-Pornos, schwefelige Pfürze, eine Anal-Anakondo, die aus dem Arsch gekrochen kommt oder Sex mit Tentakeln… ich frage mich die ganze Zeit, was im Kopf des Texters vorgeht. Was für ein gestörtes Verhältnis zur Sexualität muss er haben oder steckt er mit Mitte 30 immer noch tief in der Pubertät und kichert sich in Fäustchen, wenn er über Dildos und Masturbation singt? Das finde ich sehr schade, denn so geht die eigentlich gut gemeinte Intention „jede und jeder soll die Sexualität ausleben, die sie oder ihn befriedigt“ in einem Meer aus Fäkalsprache und Pennälerhumor völlig unter. „Eine Tentakel die alle Löcher stopft“… „absolut krasser (KRANKER) Scheiß!“ Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung. Ich musste erst mal mein Internet fragen, was denn „2 Girls 1 Cup“ überhaupt bedeutet… kranker Scheiss. Zu weiterem Nonsens über eine wütende Gießkanne, Durchfall oder den Tod durch einen Vibrator gesellt sich auch ein durchaus halbwegs vernünftiger Texte über Internethetze, aber im Gesamten kann ich diese Veröffentlichung nicht ein weiteres Mal an meine Ohren lassen. Das ist mir zuwider. Am liebsten würde ich den pogenden Pingion am Nordpol aussetzen und ihm ein Rudel hungrige Eisbären auf den Hals hetzen.

DOXA – Residuen LP

Zum Glück bin ich kein Dummerchen. Ich hatte sogar Mathematik im Leistungskurs. Dort sind mir das erste Mal Residuen begegnet. Aber genau wie Integrale, Wurzeln, Vektoren und Unendlichkeitsrechnungen sind sie nach dem Abitur schnell im Abfalleimer meines Gehirns verschwunden. Ich weiss auch, dass Fucko nichts mit Ficken zu tun hat, aber nicht wie man Foucault schreibt, geschweige denn, was dieser Herr geschrieben hat. Auch Kant und Thomas Hobbes sind mir in meiner Schullaufbahn mal begegnet, zwar nicht persönlich glaube ich, aber zumindest kann ich sie grob einordnen. Das fällt mir bei DOXA aus Köln nicht ganz so leicht, denn obwohl sie sich textlich sehr verschwoben, geschwollen und studiert präsentieren, liegt in der Art der lyrischen Ergüsse ihre ganze Stärke. Die Texte gleichen eher vertonten Gedichten als stumpfem Parolengedresche, wie es sonst im Punk, den ich mag, des öfteren vorkommt, aber sie animieren dazu, mich weiter und intensiver mit ihnen zu beschäftigen. „Alles andere wäre Wahnsinn, wird integriert und nivelliert. Erfasst und geordnet, Seelen diszipliniert.“ Das ist nicht immer ganz einfach, mir zuweilen auch nicht immer möglich, die Intention oder den Sinn dahinter zu erkennen, aber so lassen sie viel Spielraum für eigene Interpretationen. Bassist Andre kenne ich noch von seiner früheren Band VERSUS und während ich meine Gehirnzellen in Dosenbier ertränkt habe, ist der Mann ganz schön schlau und belesen geworden. Hut ab. Zwischen den Zeilen und manchmal auch dahinter versteckt sich eine echt gute Message, wenn es z.B. in „Hinter den Kulissen“ gegen Tierausbeutung und Massenhaltung geht oder in „Die unbestimmte Variable“ (bah, schon wieder Mathe) der gesamtgesellschaftliche Rechtsruck angeprangert wird. „Die Scheiße, ein Problem der Mehrheit; nicht nur eines „rechten Rands“. Im tiefen Sumpf des Bürgertums, da sitzt die graue Wanze.“ Dabei wirken die Texte an keiner Stelle aufgesetzt, abgehoben oder elitär, sondern eher ehrlich angepisst und sympathisch. Es kommt sogar mal das Wort „Gebämpels“ vor. Musikalisch ist das düsterer, schleppender und atmosphärischer Crustpunk, der aber auch mal das Gaspedal durchdrückt und so für ordentlich Abwechslung sorgt. Residuen ist ein sehr dichtes und kompaktes Album geworden, was offenen Ohres intensiv gehört werden will, aber auch in voller Lautstärke zur Zerstreuung funktioniert. Tolle Platte, die ich noch oft auflegen werde. Ich freue mich bei nächster Gelegenheit mit Andre ein Dosenbier zu trinken, ein paar Wurzeln zu ziehen und über Erving Goffmann zu debattieren. Schicke Aufmachung. Auf Disentertainment Records.

HEALER OF BASTARDS – Justice LP

Da sitze ich also auf meinem Echtlederbürostuhl und blättere in der neuen Ausgabe Jagd & Hund, während ich ein Thunfisch & Delphin-Baguette von Subway verspeise. Ich will endlich diesen verfluchten Dachs aus dem Nachbarhaus los werden, schimpfe über die obdachlosen Pfandsammler vor meiner Tür und freue mich auf eine Einladung zum Stierkampf in der AWD-Arena. Und dann springen die drei Heilpraktiker der Mistkerle (danke liebes Google-Übersetzer-Team) aus den Boxen und polieren mir die Fresse. HEALER OF BASTARDS ist eine recht frische Band aus England mit nicht mehr ganz so frischen Bandmitgliedern, die alles andere als ermüdenden Englandpunk zu bieten haben. Und sie haben was zu sagen. So beginnt ihr erstes Album „Justice“ gleich mit drei Songs, die mit Umweltverbrechern, Jägern und Verschwendern gnadenlos abrechnen, die den rücksichtslosem Umgang mit Mutter Erde verteufeln und vor dem Bienensterben warnen. Doch habe ich es hier nicht mit naturverbundenen Weltverbesserern, Veganern der Stufe drei mit Taschenhumus oder einem Konzeptalbum der Kaninchenzüchter von Fall Of Efrafa zu tun, die kommen nämlich aus Brighton und nicht aus Birmingham, sondern mit einem echt abwechslungsreichen und vor allem nach vorne treibenden Punkrock-Album. Die drei HEALER treten ordentlich aufs Gaspedal, dass du in manchen Songs sogar das Gefühl hast, sie würden sich selbst überholen und dabei die Hälfte der Texte verschlucken. Dabei vernachlässigen sie aber nie den melodischen Part, so dass sie sich an manchen Stellen wie eine typische Fat Wreck Chords Band auf 78 upm anhören. Das ist allerdings auch ein bisschen die Krux bei der Sache, denn obwohl es „nur“ 13 Songs auf die Platte geschafft haben, ist die Gesamtspielzeit mit knapp 40 Minuten etwas zu lang ausgefallen. Das liegt daran, das manche Titel zum Erbrechen wiederholt werden oder am Ende einfach nochmal komplett die erste Strophe dran gehängt wird, obwohl der Song eigentlich längst zuende gewesen ist. Dazu störe ich mich an dem inflationär eingestreutem Gitarrengedudel, das in seltenen Fällen positive Assoziationen der Marke Rancid hervorruft, zumeist aber einfach nur nervend und deplatziert wirkt. Aber das sind zu vernachlässigende Schönheitsfehler in einer ansonsten makellosen, aber wütenden und angepissten Visage. Sie kotzen sich aus gegen Homophobie, Entmenschlichung, Grenzen in den Köpfen und zwischen Ländern und haben mit „Wage Slaves“ einen echten Hit auf diese ansonsten homogene und gut hörbare Scheibe gepackt. „Sometimes you dream about work, it‘s enough to make you berserk… break away from that mental state, see yourself more than just your wage – we‘re fucking wage slaves!“ Punk aus England kann mehr als Exploited oder Sex Pistols und Break The Silence hat hier wirklich eine feine Sache ins Vinyl geritzt und hübsch umverpackt. Werde ich noch öfter auflegen.

GLOOMSTER – Abgesang Tape

Alle reden über Sachsen. Chemnitz und Köthen sind in den Medien omnipräsent, als ob es das Problem mit dem wütenden deutschen Mob nur in diesem einen Bundesland geben würde. Doch Thüringen ist genauso braun wie Sachsen. Das habe ich während meiner zwei Jahre in Eisenach am eigenen Leibe erfahren müssen. Nazis gehören hier zum Stadtbild, in der Kneipe am Bahnhof finden eindeutig rechte Konzerte statt und die NPD kann mitten in der Stadt unbehelligt zum Sommerfest mit Bratwurst und Kinderhüpfburg einladen. Die wenigen alternativen Jugendlichen, die sich dem entgegenstellen, haben tagtäglich einen schweren Kampf zu kämpfen, die meisten zieht es nach Schule und Ausbildung gen Leipzig oder Berlin. Die Jungs von Gloomster stellen sich aber gegen diesen Trend, plagen und schlagen sich mit Wutbürgern, urdeutschen Kleingärtnern und Dorfnazis und strecken die antifaschistische Fahne erhobenen Hauptes aus dem braunen Sumpf. Dadurch sind sie in Eisenach auch zu einer Art Anlaufstelle geworden, zu einer letzten Bastion im Kampf gegen die Verrohung der Gesellschaft, gegen Diskriminierung und offen ausgelebten Fremdenhass. Und allein für dieses Engagement verdienen sie Anerkennung, die sie aber nie eingefordert haben. Obwohl sie seit knapp zehn Jahren zusammen Musik machen und schon etliche Tonträger veröffentlicht haben, sind Gloomster extrem bodenständig geblieben, eine Band zum Anfassen, ohne jegliche Allüren, die für einen Solizweck auch in der kleinsten Garage im kleinsten Kuhkaff auftritt, obwohl sie auch problemlos in jedes Punk im Pott oder Ruhrpott Rodeo Lineup passen würden. Und das macht sie sympathisch. Das macht sie wichtig. Was bei vielen Bands ausgelutscht und abgedroschen klingt, knallt hier ehrlich, wütend und angepisst aus den Boxen. Gegen Nazis, Alerta Antifascista, keinen Fußbreit den Faschisten sind vertonte Demoparolen, die bei Gloomster noch gelebt werden. Im echten Leben, nicht vorm PC. Nach Split-EP, LP-only Veröffentlichungen und einem Download-Album kommt das mittlerweile fünfte Album ausschließlich auf Kassette raus, denn auch in der Veröffentlichungspolitik wird klar deutlich, dass die Band nicht nach Absatzzahlen giert oder irgendwelche Verkaufscharts stürmen will. Sämtliche Tonträger wurden bei Freunden der Band releast. Und auch auf Abgesang erwartet dich wieder der typische Gloomster Sound. Ein bisschen Recharge, ein bisschen Rawside, schön kehlig, aggressiv, voll auf die Zwölf mit recht einfachen, aber unmissverständlichen Lyrics, die kein Blatt vor den Mund nehmen und die Scheiße beim Namen nennen. Nachdem der zweite Sänger Tannio die Band wieder verlassen hat, füllt nun Phili diese Lücke, wobei er aber nicht ganz an die Ausstrahlung seiner Vorgängers herankommt und für meinen Geschmack auch zu wenig Kontrast zu Julians Gesang mitbringt. Aber das ist nur eine kleine Randnotiz. Gloomster sind sich treu geblieben und haben auch mit Abgesang wieder ein starkes Album abgeliefert. Mit den allerliebsten Grüßen nach Eisenach ihr Kunden.

SUBVERSIVE BRATS – Strange World LP

Die Platte startet mit ordentlich Tempo und ich kann mir gut vorstellen, wie Sänger Niko mit wutverzerrtem Gesicht und geballter Faust vor mir auf der Bühne steht und mir ins Gesicht brüllt, warum ich ein Arschloch bin. Leider verschwindet dieses Gefühl mit dem ersten Break vor dem ersten Refrain. Hier wird auf die Bremse getreten und gedrosselt, der kurze Refrain immer und immer aufs Neue wiederholt. Das hat was von Indoktrination und leider funktioniert ein Großteil der folgenden Songs nach dem gleichen Schema. Erst gegen Ende, bei den letzten beiden Liedern, fällt mir auf, was mir an dieser Platte nicht so gut gefallen hat. Der Gesang ist zu monoton, bietet zu wenig Abwechslung und dürfte ruhig öfter von den keifenden Background Vocals unterstützt werden, das knallt nämlich ganz gut. Die vier umstürzlerischen Quälgeister (danke liebes Google Übersetzer Team) aus Düsseldorf rekrutieren sich aus Bands wie United Struggle und Stage Bottles und schlagen in eine ähnliche Kerbe. Sometimes Antisocial, Always Antifascist. Die Zeiten werden immer dunkler und gerade jetzt ist eine klare, unmissverständliche antifaschistische Haltung wichtiger denn je, gegen Grauzone und faschistischen Abschaum. Die Band positioniert sich klar und deutlich in jedem zweiten Song. Dabei wirkt mir die Aufbruchstimmung („It‘s high time to change the world follow us tonight“ oder „join the protest movement“) ein wenig zu aufgesetzt und blumig, da nehme ich den Jungs Songs wie „Brigada Antisocial“, bei dem es ums hemmungslose Besaufen geht, schon eher ab. Bullen in die Fresse hauen, Kirchen anzünden, gegen Staat und für Gewalt. Die Band arbeitet sich am typischen Repertoire einer Punkband ab, wobei sich hier auch mal ein paar Schmunzler eingeschlichen haben. „Riot riot everywhere, riot is my only love affair…“ aus dem Song „Ultra Violence“ oder „…pray for freedom pray for peace pray in 41 degrees…“ aus dem „Church Song“, wobei ich bei 41 Grad Außentemperatur eher in eine Kirche hinein gehen würde, da ist es nämlich erfahrungsgemäß schön kühl drin. So richtig weiß ich am Ende nicht, was ich von dem Düsseldorfer Quartett halten soll, zuviel Pathos, zuviel Midtempo, der mich an alten Englandpunk erinnert. Eine Musikrichtung, die gleich nach Ska und Trompetenpunk abgeschafft gehört. Die Jungs haben was in der Birne und schaffen es, ihre Message so zu verpacken, dass du sie auch mit genügend „Whiskey Vodka Baileys Gin, Apple Juice with glycerin“ intus noch verstehen kannst. Das spartanische Artwork mit den Höhlenmalereien finde ich gewöhnungsbedürftig, am Ende aber doch ganz passend.

E-ALDI – Tennissocken in Sandalen EP

Wenn ein kleines Zettelchen vonne DHL an der Klingel hängt ist das meist ein Grund zur Freude. Zum einen muss ich der Arschkrampe vom gelben Wagen nicht in die verpickelte Visage blicken und kann meine Postsendung bei den netten Damen der nahgelegenen Postfiliale in Empfang nehmen, zum anderen hole ich in den meisten Fällen Zeux ab, das ich mir bestellt habe, weil ich es haben wollte und dann freut man sich eben auch drauf. Logisch. Premium Post wäre die kürzlich bei Ebay ersteigerte Toten Hosen LP, so mittelmäßig freuen würde ich mich über das angekündigte Paket von Tante Jutta, die mir immer zwei Monate vor meinem Geburtstag neue Socken und Aachener Lebkuchenspezialitäten schickt und ganz okay wäre der neue IKEA Katalog, schließlich wird bald umgezogen und Caro wollte neue Teelichter kaufen. Nicht in Worte zu fassen ist dann meine Enttäuschung, als ich die in der Überschrift erwähnte Scheibe aus dem Umschlag fische und zu allem Überfluss auch noch die neue Ausgabe des Extrem Liedermaching Fanzines mit nach Hause nehmen darf. Warum haben die verkackten Nachbarskinder nicht mal diese Abholkarte verschwinden lassen und warum werden eigentlich keine Postkutschen mehr überfallen? Ich habe Angst, meinen Plattenspieler mit dem kleinen, schwarzen Stück Vinyl zu belästigen und hoffe inständig, dass das Presswerk das kleine Loch in der Mitte vergessen hat und die Scheibe so unabspielbar ist und nur noch als Untersetzer für zu heiße Töpfe taugt. Doch Pustekuchen. Obwohl ich nicht mehr rauche zwänge ich drei Kippen auf einmal in meine Lunge und habe doch noch genug Puste über, um die Staubflocke von der Nadel zu hauchen. Ich überlege noch, ob ich die Tennissocken in Sandalen ganz unten in den Rezensionstapel sortiere und meine Stromrechnung ab jetzt nicht mehr bezahle, um mich irgendwie vor diesen vier neuen Liedern zu drücken, die erstmals in Vinyl geritzt wurden. Ich entscheide mich dann aber in einem Anflug absoluter Selbstgeißelung doch dazu mal ein Ohr zu riskieren. Leider sind mir nach wenigen Minuten die Ohren abgefallen, weswegen ich mein Fazit vom Bierschinken klaue: Elektroschrott gehört auf den Wertstoffhof. Sorry Maik, so nett ich dich bei unseren Treffen in Wunstorf oder Peine auch fand, das was du hier auf die Menschheit loslässt, ist absolut unhörbar. Eine unerhörte Vergewaltigung des guten Geschmacks und meiner Ohrmuscheln. Hörsturzgefahr.

SLYMER – Slapstick Surgery Tape

Irgendwie scheint das sympathische Label mit der schwarzen Katze (mein aufrichtiges Beileid nach Potsdam!) einen ziemlich guten Draht in den hohen Norden zu haben, denn gefühlt stammt hier jede zweite Veröffentlichung aus der hässlichsten Stadt in Schleswig Holstein. Nach Affenmesserkampf und Die Bullen folgt mit SLYMER der nächste Streich aus dem Kieler Klüngel Konvolut. Würden sich die Leute von Tackleberry, Power und Moms Demand Action zum um die Wette furzen treffen, gäbe es das Ergebnis wahrscheinlich wenig später auch bei Black Cat Tapes auf Magnetband zu erwerben. Zurück zum Produkt: Slymer machen Metal. Trash-Metal. Hab ich absolut überhaupt keinen Bezug zu, keine Referenzen im Sinn und keinen Plan von. Ich hab vor zwanzig Jahren mal ne CD von Tankard besessen und fand die voll cool, weil es viel um Bier ging und das Artwork richtig fies ausgesehen hat. Ich hab allerdings keine Ahnung, ob die Erwähnung dieser Band eher einem Ritterschlag oder einem Rüffel gleich kommt und leider kann ich dir auch wieder nichts über die Inhalte erzählen. Bei dem Gekreische verstehe ich nämlich kein einziges Wort und Texte zum Nachlesen gibt es wieder nicht, aber darauf möchte ich nicht schon wieder rum reiten, die schwarze Katze hat bei kommenden Veröffentlichungen nämlich Besserung gelobt. Die Liedtitel versprechen Songs über den Tod von Lindsay Lohan, die aber laut Wikipedia noch lebt, den Hundegott Inugami, laut Wikipedia ein Wesen der japanischen Mythologie, das Leben als John Doe, laut Wikipedia das Pendant zum deutschen Max Mustermann und den Train Of Bombs, laut Wikipedia ein Zug aus Bomben. Das Original Artwork der schon 2015 erschienen LP wirkt etwas befremdlich. Ein verrückter Professor mit Bierdosenmütze, eine halbe nackte Frau (nicht halbnackt) und diese fürchterliche grüne Nervensäge aus den Ghostbusters Filmen, erinnert mich so aber wieder an die eingangs erwähnten Tankard, die mangels Ahnung schon wieder als Bezugspunkt herhalten muss. Mein Fazit: Mucke knallt ganz ordentlich, schön kreischige Stimme in hoher Tonlage. Schlecht für Menschen mit Hyperakusis… frag dein Wikipedia selbst, was das bedeutet. Metal, bzw. Trash-Metal ist gar nicht so schimm, wie ich befürchtet habe und die vier Jungs sehen auch ganz sympathisch aus. Gehören lange Haare und Jeanswesten eigentlich nicht mehr zur Grundausstattung?

9/11 YOUTH – Angst Tape

Kommt nach der Generation Golf die Nine-Eleven Youth? Eine ziemlich vieldeutige Zahlenkombination. Ob Terroranschläge am 11. September, Mythos 911, die Identität der Marke Porsche oder die meist gewählteste Telefonnummer in Amerika, wobei wohl nur das erstgenannte Ereignis zur Namensgebung Pate gestanden hat. An besagtem Tag mache ich im Sonderpostenmarkt in Erkelenz meine Ausbildung zum Top-Sales-Manager und stapele das Paderborner Dosenbier schön ordentlich auf Palette, als Kevin in den Laden stürmt und verkündet, dass Amerika endlich am Arsch ist. Darauf gönnen wir uns ein Paderborner und feiern den Niedergang des Kapitalismus. Und um hier mal den Bogen zu dem Quintett aus Nürnberg zu spannen, deren aktuellstes Machwerk ich begutachten soll, öffne ich mir eine Dose Paderborner, dreh die Anlage auf und bekomme Angst. Dreckiger Hardcore, immer schön auf die Zwölf, angepisst und wütend. Da steht bestimmt die ein oder andere BLOOD FOR BLOOD Scheibe im Nürnberger Plattenregal. Als aktuelle Referenz dürfen die ebenfalls im Süden der Republik beheimateten EMPOWERMENT herhalten, deren Eingängigkeit die Rostbratwürste aber nicht ganz erreichen. Auf dem Tape befinden sich 5 Songs, die „Reclaim“, „Fake“ oder „No Witness“ heissen und weder hier, noch bei der Promo-CD von SN-Records finde ich eine Textbeilage. Schwach! „Together we fight, for peace and equality“ tönt es aus meinen Boxen und auch ansonsten scheinen sie genretypische Themen zu behandeln, die sie mal in Deutsch, meistens aber in Englisch vortragen. Und genau diesem Umstand ist es geschuldet, dass ich noch mehr zu meckern habe. Das wirkt nämlich an den Stellen, die ich heraushören kann, unbeholfen und naiv. „Hardcore develops from Punk“ erinnert mich an die fünfte Klasse, als ich „Heavy Metal rules the world“ auf meinen Tischtennisschläger geschrieben habe und auch der Titeltrack „Angst“ wirkt etwas holprig, obwohl hier in Deutsch getextet wurde. „Ihr habt Angst vor Überfremdung, sie haben Angst vor dem Tod.“ heisst es in dem Song, in dem ganz gut die Flüchtlingsproblematik und die Reaktion besorgter Wutbürger darauf besungen werden. „Ich bin kein Nazi aber… doch du bist ne Fascho-Sau!“ Hier gibt es klare und unmissverständliche Worte, kein Platz für Kryptik und Geschwafel. Insgesamt schaffen es 9/11 YOUTH ein ordentliches Brett hinzulegen und gerade der mehrstimmige Gesang sorgt für Arschtritt und Abwechslung. Schade, das Black Cat Tapes den Radical Edit des Songs „Reclaim“ nicht mit auf die Kassette gepackt hat, denn hier erhält die Band Unterstützung vom Absoluth und durch die Rap-Parts avanciert dieser Song ganz klar zu meinem Hit. Ähnlich geil wie „Babylon“ von RIOT BRIGADE. Darauf einen Lebkuchen und eine neue Dose Paderborner.

ÜBERDOSIS – 10 Jahre Stillstand CD-R

Obacht. Hier kommt die dunkle Seite des Deutschpunk. ÜBERDOSIS sind ein Paradebeispiel dafür, warum dieses Genre oft belächelt wird. Für mich sind sie der Inbegriff einer Nix-Gut Band, die seit Jahren durch dörfliche Jugendzentren tingelt, für die es das Größte ist, mal als Support für Dritte Wahl auf den Bühnenbrettern zu stehen oder um 15 Uhr beim Punk im Pott vor zwanzig besoffenen Teenagern zu spielen. Das wirkt alles wenig ambitioniert und irgendwie fehlt mir hier das Herzblut. Ist ja alles schön und gut, wenn die vier Jungs aus Ludwigsburg an 10 Jahren Stillstand Spaß haben, mich können sie mit dem Gerumpel nicht begeistern. Die 15 Lieder werden auf einer LP veröffentlicht, da der Versand aber zu teuer ist, wird der Rezensent mit einer gebrannten CD abgespeist, der noch nicht mal ein Textblatt beiliegt. Wenn ihr ein Review zu eurer Scheibe haben wollt, müsst ihr mir eure Scheibe schon schicken, so eine lieblose Rohstoffverschwendung könnt ihr euch echt sparen. Obwohl die Band schon seit zehn Jahren existiert, sind sie mir bis jetzt nie über den Weg gelaufen und das bedauere ich nach dem Genuss dieses Machwerks nicht. Die Texte sind holperig, niveaulos und zwanghaft in einer immer wiederkehrendes Reimschema gepresst. Dazu ein monotoner, eher unmotiviert wirkender Gesang, der sobald er etwas lauter und aggressiver wird, an schlimmste Oi-Verbrechen erinnert. Untermalt wird das Ganze dann mit einfallslosem Ufta-Ufta Beat, wie er vom ersten bis zum letzten Song auf sämtlichen „Es lebe der Punk“ Samplern zu hören ist. Vertonte Demo-Parolen, gegen Bullen, Pegida und blinden Konsum. Die Songs heissen Werbung, Piraten, Unser Haus, Ludwigsburg asozial oder Punkrock ist mein Leben. Das Album wirkt vorhersehbar, wie ein zu lang gekautes Kaugummi ohne Geschmack, wie ein mieser Kalauer, den du zum fünften Mal an einem Abend serviert bekommst. An manchen Stellen haben wohl die RTL II Nachrichten als Motivation für die Texte hergehalten: „…hetzen gegen den Islam, vergessen dabei jede Scham…“ oder „Was ist denn das für ne Welt hier, in der man Kleider kaufen muss, die irgendwie von irgendwelchen Menschen irgendwo gemacht werden…“ oder im Song Werbung, in dem irgendwie der Überwachungsstaat, irgendwelche PayPack-Punkte und Konsumkritik irgendwo vermischt werden. Halbgar. Unausgegoren. Roh. Fad. Unappetitlich.

TRASHGEFLÜSTER – Deutschland versenken! EP

Love Deutschpunk. Hate Deutschland. Das ist ein Slogan, wo ich mich mit identifizieren kann. Ich mag Deutschpunk und ich hasse Deutschland. Und wenn ich das richtig verstanden habe, machen die Herren ausm Rhein/Ruhr Gebiet Deutschpunk und hassen Deutschland auch. Gegen Bullen. Gegen AFD. Und gegen die Scorpions. Und voll intellektuell mit mehr Fremdwörtern, als in meinem Duden drin stehen. Da versteckt sich ja fast ein Bildungsauftrag in den Texten, wenn es um Arthur Harris, Rosa Luxemburg, Kim Jong Un, Rösner oder Degowski geht. Scheinen ganz schlaue Burschen mit Brillen und Abitur im Gepäck zu sein, die in der Schule ihr Pausenbrot immer alleine essen mussten und regelmäßig Kloppe von den Klassenkameraden bezogen haben. Diese ersten vier Songs sind dann die gnadenlose Abrechnung mit Alles und Allem. Und ich feier das ab. Vom Anschreiben, über Aufmachung, Mucke und Texte samt Erklärung ist das hier eine total stimmige Veröffentlichung, die mich seit mehreren Wochen unterhält. Ich brauche keine andere Musik mehr. Das ist richtig schmissiger Deutschpunk, der verdammt abwechslungsreich dargeboten wird. Dabei schaffen sie perfekt den Spagat zwischen den dummdödeligen Kevins, die in der Hauptschul-Pause Mülheim Asozial Lieder grölen und dem schlauem Brillenpunk, der gerne in Intro oder Ox gefeiert wird. Da verstecken sich Reminiszenzen an Wizo, da wird gegen Till Schweiger und Sarah Wagenknecht gewettert und der ziegenköpfige Gott verehrt. Obwohl sie eigentlich Deutschpunk relevante Themen abarbeiten, das System scheisze finden, Bullen oder die AFD killen wollen oder den Suff zelebrieren, heben sich TRASHGEFLÜSTER gerade textlich enorm vom Deutschpunk-Einheitsbrei ab. Da wird mit viel Humor, Ironie, Sarkasmus und scharfer Zunge um die Ecke gedacht und auch zwischen den Zeilen versteckt sich Kritik und manchmal auch ein tieferer Sinn. Das ganze verpacken sie dann mal in Schunkelrythmen, mal wird beinah gerappt, aber der angepisste und aggressive Gesang hält die diversen Musikstile angenehm zusammen und macht die ganze Single verdammt eingängig. Schwer einen einzelnen der vier Songs hervorzuheben, für sich gesehen ist jeder ein echter HIT. Wenn du gedacht hast, das Deutschpunk ausgelutscht, austauschbar und abgenudelt ist, nichts Neues mehr zu bieten hat und nur von Leuten zelebriert wird, die sonst nix können, lass dir von TRASHGEFLÜSTER die Synapsen aus der Strin, die Hammelbeine lang und die Kauleiste gerade ziehen. Beste Band. Beste EP. Word.

100 BLUMEN – Keine Namen – Keine Strukturen CD

CDs. Wer kauft heutzutage eigentlich noch CDs? Zuhause kommt die Musik entweder vom Plattenteller oder aus den weiten der unendlich großen Datenautobahn. Nächste Ausfahrt Elektropunk. Da wird beim Plastic Bomb über Sinn und Unsinn der CD-Beilage diskutiert und endlich ist diese Rohstoffverschwendung Geschichte und dann fische ich diesen absolut lieblos aufgemachten Silberling aus der Post. Das Cover ist ein billiger EA80 Abklatsch, immerhin steckt das Album in einem auf 200 Stück limitierten Jewel-Case. Klingt edel nach Juwel. Bietet aber an Mehrwert absolut überhaupt nichts, es sei denn, es interessiert dich, wer Marci das Mikrofon geliehen hat, in welchem Studio aufgenommen wurde oder das die Band sage und schreibe mehr als drei Jahre an diesem Output gearbeitet hat. Keine Texte – Keine Ästhetik, wäre ein passenderer Titel. Der Vorgänger von 2015 „Under Siege“ ist an mir vorbei gegangen, die Single „Oktober“ konnte mich nicht begeistern und auch auf „Keine Namen…“ gibt mir diese Band einfach nichts. Ich empfinde die Songs weder als besonders vielseitig, noch als dynamisch und erst recht nicht nachdrücklich oder harmonisch, wie mir das Promo-Anschreiben weis machen will. In diesem DIN A4 Zettel scheint mehr Arbeit und Energie zu stecken, als in der kompletten Aufmachung der CD. Und dann der Gesang. Punk darf alles, einfach mal machen, egal ob die Jungs vorher zehn Jahre die Musikschule geschwänzt haben, lieber eine gefluppt und die Suche nach dem Notenschlüssel schon lange aufgegeben haben, aber bei Marcis „Gesang“ kräuseln sich mir die Zehennägel, läufts mir kalt den Rücken runter, schüttelts mich. Immerhin ein paar Emotionen, die 100 Blumen verursachen. Die Texte sind bestimmt wichtig und politisch, vielleicht nachdenklich oder euphorisch. Kannst du dir auf der Bandcamp-Seite durchlesen. Liebes Plastic Bomb, schickt mir doch beim nächsten Mal einfach einen Download-Link, verkauft mein Rezensionsexemplar in eurem Mailorder für 10,90 zzgl. Versandkosten und packt mir dafür einen Fleurop Gutschein bei, da kauf ich mir dann 100 schönere Blumen von.

DIE BULLEN – Komm, hier komm die Bullen Tape

Sagt ’ne Kuh zum Polizisten: „Mein Mann ist auch Bulle.“ Nein Herr Jägermeister, ich habe keinen Wachtmeister getrunken! Wie öffnet ein Polizist eine Konservendose? – „Aufmachen, Polizei!“ Scheisse die Bullen, eine Konzeptband aus Kiel mit Hannes von Affenmesserkampf am Gesang und dem dicken Polizisten am Schlagzeug. JoyBoy hat die Power von Alarm für Cobra 11 und Balko spielt auch mit. Ein zwei Polizei. Diese Band ist wie ein zotiger Witz kurz vor der Sperrstunde. Alle lachen und am nächsten Morgen kann sich keiner mehr daran erinnern. Mit zwölf Jahren war ich auch mal Cop. Von Altweiber bis Aschermittwoch. Robocop ist ein ganz cooler Song und der einzig coole Bulle, den ich kenne. Niemand muss Bulle sein, Polizei SA SS. Bier gegen Bullen? Aber erst wird ausgetrunken, denn nüchtern ist das schwer zu ertragen. Aber ich will gar nicht unken. Das, was die BULLEN hier abliefern, ist musikalisch sehr abwechslungsreich und Songs wie „Outlaw In Law“, „Kein Blaulicht am Ende des Tunnels“ oder „Nur die Coolsten“ besitzen durchaus Hitpotential und sogar textlich gibt dieses Album ganz schön was her. Das übertrifft das „Schieß doch Bulle“ Niveau so mancher Punkband um Längen, ist auf die Distanz von 13 Liedern dann aber doch recht schnell ermüdend. Mit diesem Konzept sind sie natürlich prädestiniert auf jedem Force Attack ähnlichen Event den Rausschmeißer zu mimen, beim zweiten Mal live gucken war mein Drops allerdings schon gelutscht. Ich glaube ja auch, daß Hannes diese Band nur gegründet hat, um seine autoritäre Ader mal öffentlich ausleben zu können. Und der Typ sieht so verdammt sexy aus in Uniform. 2014 kam dieses Album erstmals auf Vinyl bei Gunnar Records raus und war recht schnell vergriffen. Die letzten Platten wurden bei Media Markt geklaut und auch die auf 110 Exemplare limitierte Kassettenversion von Black Cat Tapes, wieder im typischen Black Cat Layout, ist nur noch bei der Polizeidirektion Kiel oder bei Klaus Borowski persönlich erhältlich. Halts Maul Bulle, sonst gibt’s Banane.

ABSTINENZ X – Die Welt ist schön Tape

Warum lag diese Kassette eigentlich so lange unbeachtet neben meiner Stereoanlage? Vielleicht weil mich das Coverartwork auf den ersten flüchtigen Blick irgendwie an Markus Magenbitter und seine Penisnasen erinnert und ich damit furchtbarsten Pennälerhumor assoziiere. Oder weil mich der Bandname auf eine falsche Fährte gelockt hat und ich furchtbarsten Straight Edge Youth Crew erwartet habe. Vielleicht aber auch weil mein Tapedeck seit einiger Zeit leiert und mich der Saturn Fachverkäufer übelst ausgelacht hat, als ich ihn nach einer Reinigungskassette gefragt habe. Bei genauerem Hinsehen ist das Artwork doch ganz passend, obwohl ich mich immer noch an der Nase störe und Apothekenalkohol und Wattestäbchen sind ein gutes Hausmittel gegen Leiern. Und nach den ersten leierfreien Umdrehungen war ich sehr positiv überrascht. Das Trio aus Jena hat Pfeffer im Arsch, das rockt wie Hulle, ist bei gerade mal fünf Songs enorm abwechslungsreich und bietet mit den jeweiligen Openern auf Seite A und Seite B „Hässlich“ und „Trümmer“ echte Punkrockperlen. Das ist ein bisschen wie Kackschlacht mit mehr Instrumenten, das ist ein bisschen wie Notgemeinschaft Peter Pan, nur irgendwie eingängiger, das ist ein bisschen wie Kaput Krauts, nur nicht so verkopft, das ist ein bisschen wie Muff Potter nur ohne Studenten, das hat den Spirit alter 80er Deutschpunkklassiker ohne angestaubt zu wirken. Das ist einfach geil, hat etwas Frisches, Unverkrampftes und Unverbrauchtes, klingt total Eigenständig, obwohl ich zig andere Bands im Kopf habe, an die mich die drei erinnern. Das sympathische Label Black Cat Tapes hat dieses Kleinod veröffentlicht und in eine ganz ansprechende Verpackung gesteckt. WARUM sind hier keine Texte abgedruckt? Das verstehe ich nicht, denn gerade hier haben ABSTINENZ X einiges auf dem Kasten. Fragmente wie „alles in Trümmern und ich bin frei“, „zum letzten Mal auf die Schnauze fliegen und dieses Mal bleib ich einfach liegen“ oder „Heimat ist verbannt aus unseren Herzen“ setzen sich fest und hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Auf der Bandcamp-Seite sind die Texte dann glücklicherweise nachzulesen und dort finden sich auch noch ältere Aufnahmen, die es durchaus auch verdienen, al auf einem physischen Tonträger zu landen. Ich bin begeistert und habe wieder eine mir bis dato völlig unbekannte Band entdeckt, die zum Dauergast in meiner Anlage avanciert und die ich mir unbedingt mal live angucken möchte. Geiles Ding!

AFFENMESSERKAMPF – Doch Tape

Ungefähr zu der Zeit als ich in den Norden zog, haben sich fünf junge Männer, die zuvor auch schon in anderen nicht weiter erwähnenswerten Bands gelärmt hatten, ca. 80 Kilometer südöstlich von Flensburg unter dem Namen AFFENMESSERKAMPF zusammengetan. Kiel ist ein Moloch. Ungeziefer, Dreck und Maden, das ist Urlaub im Stadtteil Gaarden. Stumbling Pins und Morbus Down, will ich auffe Schnauze haun. Schaubude und Meierei sind mir völlig einerlei. Ikea großes Möbelhaus, ich halts nicht aus, wo geht’s hier raus? Andi Köpke, Heike Henkel, Kiel du gehst mir auf den Senkel. Bis auf die Doku „Youth Wars“ hat die Landeshauptstadt von Schleswig Holstein nichts zu bieten. Nichts. Nichts. Daran ändern auch AFFENMESSERKAMPF Nichts. Zufrieden mit Nichts. So haben sie sogar einen Song genannt. Die Musik ist gewöhnlicher Hardcorepunk, der Gesang ist außergewöhnlich penetrant und die Texte ungewöhnlich dämlich. Sie sollen sarkastisch und ironisch sein, sind aber lediglich versucht eloquent und triefen nur so vor Arroganz. Sexismus? Am Start. Rebellische Typen, die die Azubine im Haus am See im Rotweinrausch flachlegen. Speziesismus? Na klar. Das übergewichtige Meeressäugetier wird als dicker, weißer Wal tituliert und Pavianärsche im Zoo beglotzt. Leider geil als Antwort auf Alles. Das hier irgendwer Sartre gelesen hat oder weiß, wo Island auf der Weltkarte zu finden ist, bezweifle ich stark. Affenmesserkampf sind aufgeplusterte Schaumschläger, gernegroße Maulhelden, Phrasendrescher und Prahlhanse und irgendwie scheint das niemand zu durchschauen. Da wird die erste Platte auf dem renommierten Punkrockgüteklasselabel Twisted Chords neu aufgelegt, da erscheint das zweite Album auf dem renommierten Punkrockgüteklasselabel Black Cat Tapes knapp zehn Jahre nach Erstveröffentlichung auch noch auf Kassette und wird auf den übersättigten Markt geschmissen, um eine Nachfrage zu bedienen, die es überhaupt nie gegeben hat. Wenigstens bleibt man sich dem eigenen Stil treu und ersetzt das ursprünglich hässliche Plattencover durch ein noch hässlicheres Neues und verzichtet wiedermal auf das Abdrucken der Texte. Zumindest im Falle von AFFENMESSERKAMPF eine nachvollziehbare Handlung, da ich es deutlich spannender finde, wer die zweite Gitarre bei irgendeinem Song gespielt hat, oder wer für Mix und Mastering verantwortlich ist, als das es mich interessieren würde, wenn die Band auf ihrem Oi! Spaziergang so getroffen hat oder warum ein deutsches Herz schon zum dritten Mal nicht schlägt. Diese Band aus Kiel ist nicht gut aber kacke. Und das ist keine Ironie.

DIVIDING LINES – Gone LP

Genie und Wahnsinn. Licht und Schatten. Ich hab schon lange keine Scheibe auf dem Rezensionsstapel liegen gehabt, mit der ich mich dermaßen schwer getan habe. Normalerweise dudelt das zu besprechende Produkt über meinen Bandcamp-Player, während ich wichtige Computergeschäfte tätige oder im Darknet nach dem Lichtschalter suche, doch die getrennten Linien aus Leipzig erlauben mir nur drei kostenlose Durchläufe. Danach wird zur Kasse gebeten. Das aufdringliche Pop-Up sagt, ich soll mein Herz und meine Brieftasche öffnen. Am Arsch. Natürlich liegt der Platte auch ein Download-Code bei (kurz: DLC), aber dessen bin ich überdrüssig. Ich habe keine Lust komplizierte Webadressen in meinen Browser zu tippen und mich danach mit noch komplizierteren Tastenkombinationen zu legitimieren. Am Arsch. Ich könnte auch einfach Away From Bierschinken und Plastic Bomb lesen und aus den bestens recherchierten und fundierten Kritiken der Musikjournallie eine nichtssagende Besprechnung stricken, ohne mich weiter mit der Scheibe zu beschäftigen. Am Arsch. Ich könnte auch einfach die Platte auflegen, der Plattenspieler steht links neben dem Schreibtisch, da müsste ich noch nicht mal aufstehen für und könnte am Arsch sitzen bleiben. Das hab ich dann auch gemacht und die Platte hat sich ununterbrochen gedreht. Meistens schwirren mir nach den ersten Durchläufen verschiedene Assoziationen im Kopf, um die herum ich dann eine für mich zufriedenstellende Kritik verfassen kann, doch beim mittlerweile zweiten Album von DIVIDING LINES hat das nicht funktioniert. „Gone“ läuft im Hintergrund ohne zu nerven, aber auch ohne den berühmten Aha-Effekt, vorerst blieb da überhaupt nichts hängen. Das hat sich aber geändert, als ich mir nach zwei Wochen mal etwas mehr Zeit für den wavig angehauchten Punk des Quintetts genommen habe, mir auf dem Sofa die Texte durchgelesen und das Album wirklich intensiv gehört habe. Auch im Auto fand Caro lobende Worte über meine Musikauswahl… das kommt nicht mehr allzu häufig vor. Holla, das ist ja doch extrem abwechslungsreich. Nach dem stimmigen Intro steigert sich das Album von Song zu Song. Textlich sehr persönlich thematisieren sie in „Dumbed Down“ und „Lost Target“ Freundschaft und einseitige und aufopferungsvolle zwischenmenschliche Beziehungen, ehe mit „Invisible Frame“ ein richtiger Hit folgt. „All my life I spend my time hitting the edges of my frame invisible…“ Besonders der mehrstimmige Refrain mit Erichs tiefer Backgroundstimme verleiht dem Song das gewisse Etwas. Dann folgt mit „Gone“ der Höhepunkt des Albums, in dem die Orgel (das Keyboard… der Synthesizer…) richtig gut zur Geltung kommt und auch endlich mal gehörig aufs Gaspedal getreten wird. In den Passagen in denen der Gesang aggressiver wird, gefallen mir die Leipziger am Besten. Leider kann dieses Niveau bei den folgenden Songs nicht gehalten werden und ich merke, wie meine Aufmerksamkeitspanne nachlässt, wie die Band in Belanglosigkeiten abdriftet und mich gegen Ende sogar richtig nervt. Das weinerliche „Vampires“ oder die akustische Version von „Gone“ zum Schluss finde ich fürchterlich. Die klingen wie der Soundtrack eines schlechten B-Movie Horrorfilms. Aber genau das macht diese Band und die Platte interessant, denn nichts ist schlimmer, als unmotiviertes Hintergrundgedudel ohne Hand und Fuss. So geben sich auf „Gone“ richtig geile Nummern mit richtig Nervenden, die Klinke in die Hand. In guten Momenten erinnert mich Sängerin Marie an Juliette Lewis, in schlechten Momenten wünsche ich ihr eine Stimmbandentzündung… das tue ich natürlich nicht, denn die Fünf scheinen richtig sympatische Zeitgenossen zu sein, wie ich kürzlich im umfangreichen Interview in der letzten Bombe lesen durfte. Besser als Totenwald, weil authentischer und ich hab am Ende doch den DLC genutzt und würde mir die ganze Chose auch live gerne noch mal ansehen.

ABGESTORBENE GEHIRNHÄLFTEN – Verdikt der Evolution CD

Wenn sich eine Band nach fast zwanzig Jahren wieder zusammenrauft, Konzerte spielt und eine neue Platte aufnimmt, riecht das oft nach einer schnellen Mark, nach noch einmal im Nightliner durch die angesagten Clubs touren und dem Versuch, den Fame vergangener Tage wieder zu beleben. Aber das kann ich hier wohl ausschließen. Obwohl ich mich intensiv mit Deutschpunk von ganz alt bis aktuell beschäftige, ist mir diese Band noch nie über den Weg gelaufen. Der Name jedenfalls passt perfekt in die 90er Jahre, einem furchtbaren Jahrzehnt mit Batikshirts, Metal-Solis und nichtssagenden Bands wie ANGEPISSTE TURNBEUTEL, ANGEFAHRENE SCHULKINDER oder ACKERBAU UND VIEHZUCHT. Allesamt Bands die in ihren Kuhkäffern eine eingeschworene Fangemeinde haben, dort einmal im Jahr beim Schützenfest auftreten und einen Bierschankwagen von der lokalen Brauerei vor die Tür gestellt bekommen. Und alle feiern ihre wilde und verruchte Jugend. Natürlich sind das alles nur Mutmaßungen, ich kenne keine abgestorbene Gehirnhälfte persönlich und hab nicht den leisesten Schimmer, wo Furth im Wald liegt. Vermutlich da wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen und den Hund begraben, aber ich weiß, dass ich diese Band ganz furchtbar schlimm finde und sie wirklich üble Assoziationen weckt. Das was sie mir hier mit ihren 11 neuen Liedern präsentieren ist recht eigenständig, kein typischer Deutschpunk und nur schwer in eine Schublade zu stecken. Wechselnder Mann, Frau Gesang, irgendwie gesprochen und doch wirken die Texte irgendwie krampfhaft in ein Reimschema gepresst, obwohl sie sich überhaupt nicht reimen. Das Tempo ist gedrosselt und der Gesang scheint total gelangweilt, unmotiviert und ohne jegliche Emotion auszukommen. Wenn ich dann noch in einem Livevideo einen Notenständer mit Textblättern auf der Bühne stehen sehe, bekräftigt das mein erstes Bild von einer total uninspirierten Darbietung. „Die Kühe wurden schon gemolken bis die Euter platzten. Also! Mit dem Holzhammer volle Wucht auf das Phrasenschwein bis es in der Kasse klingle, oder stich sie ab, die Sau, bis der larmoyante Kleinsparer ausblute…“ Warum steht da „larmoyant“ und nicht „weinerlich“, warum wirkt das so altbacken, so versucht eloquent und was soll das mit der Flexion (ich hab auch Deutsch Leistungskurs gehabt)? Ich habe noch nie eine Punkband so saft- und kraftlos über die Missstände der Welt, innere Sicherheit, Flüchtlingsproblematik oder die Grausamkeiten des Krieges singen hören, denn textlich sprechen die ABGESTORBENEN GEHIRNHÄLFTEN wichtige Themen an, ohne sich in oft gehörten Phrasen oder Wiederholungen zu verlieren, aber dann irgendwie doch so umständlich um die Ecke gedacht und hölzern formuliert, dass nichts zwischen den Ohren hängen bleibt. Sänger Stefan sagt dazu: „Die Texte sind sehr politisch, übergreifend verbunden und universell konkret. Ich bin gespannt, wo man uns 2017 einordnen wird. 1999 waren wir Hardcorepunk.“ Tja, ich weiss auch nicht, wo ich diese Band und dieses Album einordnen soll, ich weiss nur, dass ich die CD schleunigst aus dem Player ziehen muss und hoffe einfach mal darauf, dass es wieder fast zwanzig Jahre dauert, bis ich erneut etwas von der Band ABGESTORBENE GEHIRNHÄLFTEN hören muss.

INNER CONFLICT – First they take Manhatten then they take Kalk LP

Als geflissentlicher Rezensent muss ich meinen musikjournalistischen Ansprüchen natürlich gerecht werden und deswegen habe ich mich im Vorfeld mit Leonard Cohen beschäftigt, von dem ich zuvor noch nie etwas gehört hatte. Ich lebe halt ganz gut in meinem kleinen Punk-Kosmos und alles, was so an Musik durch die Radiostationen dieser Welt dudelt, geht mir am Arsch vorbei. Auch Leonard Cohen ist unhörbarer Schrott und auf seine Bekanntschaft hätte ich liebend gern verzichtet. Danke dafür, Inner Conflict, denn von eben jenem kanadischen Singer- und Songwriter haben sich die fünf Kölner bei der Wahl ihres Albumtitels inspirieren lassen. Wobei sich mir nicht erschließt, wer hier mit „they“ gemeint ist und wenn sie sich schon mal Manhatten genommen haben, was wollen sie dann noch mit Kalk anfangen… Kalk ist so ein nichtssagender Stadtteil von Köln. Schonmal was von Calgonit gehört? Das ist gegen Kalk. Punkrock geht in Ehrenfeld und Mülheim ab. Da kommen auch ey die Hunde her. Kalk ist an den Höhnern schuld. Und an Karneval. Glaubst du, der Dom wurde in Kalk gebaut? Oder dass Gaffel, Reissdorf oder Früh Kölsch da gebraut werden? In Kalk gibt’s nur Sünner Kölsch, wobei die Plörre eigentlich IMMER scheiße schmeckt, das Polizeipräsidium oder die Arcaden stehen in Kalk. Na gut, seid 2010 auch das Autonome Zentrum (Quelle: Wikipedia) und Tom Gerhard ist dort geboren. Und die WB12 und eben auch INNER CONFLICT, um die es an dieser Stelle ja eigentlich gehen soll. Ich mag die Kölner und verfolge sie schon über einen sehr langen Zeitraum. Da war Ballo noch ein kleiner schwarzer Kasten, hat keine Widerworte gegeben, das Bandbier nicht angerührt und ins Handschuhfach gepasst. Der Neu-Bremer Drum-Computer hat die Band noch einmal bereichert und gerade live macht das jetzt deutlich mehr her. Heraus stechend ist seid der ersten Veröffentlichung Jennys glasklarer und poppiger Gesang, eben das genaue Gegenteil von wütend oder angepisst und dadurch irgendwie auch polarisierend. Wobei die Dame bei der ersten LP von 2000 (super Album) noch garnicht an Bord war, wenn ich mich nicht irre… muss ich nochmal auflegen… Ich jedenfalls kann mich in den Geschichten, die Inner Conflict in ihren fünf neuen Liedern erzählen, hervorragend verlieren und dazu passt dann auch der markante Gesang. Es sind kleine Alltäglichkeiten über das Alleine sein im Alter und die damit einhergehende Verbittertheit, tägliche Routine auf der Arbeit oder die Hoffnungslosigkeit auf der Suche nach bezahlbarem Wohnraum. Damit schaffen es INNER CONFLICT das große Ganze, das aktuelle Zeitgeschehen, die Unzulänglichkeiten, Themen wie Gentrifizierung oder Altersarmut pointiert in kleine Geschichten zu packen, die dadurch viel greifbarer und mittelbarer werden. First they take Manhatten ist ein tolles Album geworden, das gerade in voller Lautstärke über Kopfhörer sein volles Potential entwickelt, mich mitreisst und träumen lässt. Ich freue mich die Bande morgen im Stumpf nach langer Zeit mal wieder zu treffen.

KNIFEMAN – Özmein LP

Messermann. Der Messermann aus der Ukraine. Klingt nach einem neuen Teil der John Sinclair Hörspiel Reihe oder einer reißerischen Schlagzeile aus dem Axel Springer Verlag, ist aber der Name einer Crustband aus Kharkov, die auf dem Oldenburger Label Pandora Records ihre erste LP veröffentlicht hat. Die Ukraine… was weiss ich eigentlich über die Ukraine? Durch den Krieg und die Krim ist dieses Land in den internationalen Fokus gerückt, Andrij Schewtschenko und die Klitschko Brothers sind die bekanntesten Hanswürste und natürlich Tschernobyl. Ansonsten fristet dieses Land auf meiner inneren Landkarte eher ein trauriges Schattendasein, obwohl ein Urlaub und Besuch in Kiew sicherlich sehr reizvoll wären. Punk aus der Ukraine genießt in der heimischen Plattensammlung einen ähnlichen Exotenstatus wie Punk aus Panama. Also schnappe ich mir meine Tigerente und mache mich auf den Weg zu Milla Jovovich. Oh wie schön ist Ukraine. Oh wie laut und oh wie aggressiv sind KNIFEMAN. An dieser Stelle möchte ich mal das äußerst liebevoll zusammengestellte Begleitschreiben von Labelboss Tammo zitieren: !“Im Osten der Ukraine gibt es vor allem viel Landschaft, kaputte Atomkraftwerke und blutige politische Konflikte. Perfekte Voraussetzungen also, um eine richtig angepisste Hardcoreband zu gründen.“ Ich habe mich in den letzten Jahren ein gutes Stück weit von Bands wie VICTIMS, WOLFBRIGADE oder anderen immer wieder zitierten Genrevertretern aus Panama oder Schweden entfernt und erst durch Bands wie EXILENT oder MORIBUND SCUM, die zu ihrem Sound eine gehörige Portion Metal mischen, einen erneuten Zugang zu diesem sogenannten Crust gefunden. Und genau in diese Kerbe schlagen auch KNIFEMAN. Damit haben sie das Rad sicherlich nicht neu erfunden, aber mit aufgerissener Anlage drücken sie ein ordentliches Brett aus den Boxen, dass ich die schwarz gekleideten Dreadlockträger, Käppi, Bart, Karabinerhaken mit Schlüsseln neben siebzehn weiteren kleinen Gürteltaschen am Hosenbund, begeistert mit dem Fuß wippend, mit grimmigem Gesichtsausdruck dem Takt folgend und leicht nickend, im Halbkreis vor der Bühne stehen sehe. Das Albumartwork ist recht martialisch, passt damit aber sehr gut zu den Texten, in denen es viel um Krieg, Tod und Ausweglosigkeit geht. „Blood, pain, death… Time to die! Leave my body rotting. It‘s too late to run – the tribe wants war! In my hands a gun… and the light goes out…“ wobei KNIFEMAN aber in ihrer Landessprache schreien und brüllen, auf dem Textblatt finden sich die englischen Übersetzungen. Etwas heraus sticht der Titeltrack „Özmein“, in dem es vage um den Umgang mit Drogen geht („How stupid you were…“) und der mir auch musikalisch am besten gefällt. Hier ist deutlich eine gewisse Nähe zu Bands wie ESKALTOLOGIA oder aktuell MYTERI herauszuhören, die es vor allem live schaffen, ein enormes Feuerwerk zu zünden und hier zu gern gesehenen Gästen auf dem Plattenteller gehören. Und das Zeug dazu haben auch KNIFEMAN. Der DIY-Spirit trieft hier aus jeder Rille und ist förmlich zu riechen… ein bisschen wie eine alte Jeans, die jahrelang im feuchten Keller gelegen hat, ein bisschen wie dicke Wollsocken im Hochsommer, nach drei Stunden Waldlauf und ein bisschen wie Furz, nach drei Portionen Sojagulasch. Die Ukrainer hinterlassen einen sehr sympathischen Eindruck und sind damit bei Tammo und Pandora Records bestens aufgehoben.

URINPROBE – Schlechte Karten Tape

Papa hatte eine ziemlich gute Stereoanlage. Es gab sogar ein Tonbandgerät und einen Equalizer mit über hundert Knöpfen und Rädchen. Hab ich nie kapiert, wofür die ganzen Einstellungen taugen, muss knallen aus den Boxen, der einzige Regler mit Sinn ist der Lautstärkeregler. An meinem Tapedeck gibt es ein kleines Rädchen, auf dem Input-Level steht und immer wenn ich Kassetten aufnehme, achte ich darauf, dass sich die Anzeige genau zwischen gelben und rotem Bereich einpendelt. Das ist schön laut, aber nicht zu laut. Wenn ich das URINPROBE Tape einlege, bewegt sich die Anzeige kein Stück, alles bleibt permanent auf Anschlag im roten Bereich. Die Aufnahme ist total übersteuert und dadurch ziemlich breiig geworden. Nach einer EP auf Höhnie Records ist der Weg zu Ruhm, Anerkennung und Plattenverkäufen im dreistelligen Bereich wohl schon zu Ende gegangen, denn die sieben neuen Songs wurden auf nur 111 Kassetten überspielt. Schon die EP der vier Jungs aus Vechta konnte mich nicht zu Jubelarien animieren und nach mehreren Durchläufen von „Schlechte Karten“ muss ich mein damaliges Urteil noch mal deutlich nach unten korrigieren. Aus solidem Deutschpunk ist grottenschlechter und uninspirierender Deutschpunk geworden, der vielleicht immer noch gerne wie Schleim-Keim oder andere Kapellen aus den goldenen 80er Jahren klingen möchte, aber eher zu so nichtssagenden Bands wie Manege Frei, Gaffa oder früheren Nix Gut Verbrechen passt. Dazu kommen recht simple Texte, die aber dann doch irgendwie recht unverständlich und umständlich formuliert sind: „Wir haben hier einen Ausnahmezustand. Sie verdrehen unseren Verstand. Wutreden und hirnlose Parolen. Heute Deutschland und morgen stehen sie vor Polen“. In dem Lied geht es um deutsche Willkommenskultur, Brandanschläge und die AFD und ich habe keine Ahnung, wen URINPROBE da mit „wir“, „uns“ und „sie“ meinen und „Polen“ wird wohl auch nur erwähnt, weil es sich eben auf „Parolen“ reimt. „Lügen, Feindseligkeit und FremdenHass, Wort für Wort läuft über das Fass…“ Untermalt durch den unrythmischen Gesang hat das dann in Momenten schon etwas von COTZBROCKEN oder auch KABELBRAND OSTKREUZ, aber ohne den charmanten Dilettantismus. Strophe und Refrain werden bis zum Erbrechen wiederholt, das ist einfallslos und vorhersehbar und wenn dir so Texte wie Urin 2.0: „Schwarze Zähne, Gelbe Haare, auf die Schnauze ohne Klage. Ich weiß nicht mehr wo ich bin, alles stinkt hier nach Urin“ mit dem Presslufthammer ins Ohr lamentiert werden, habe ich wenig Lust die Kassette umzudrehen und mir die Chose auf ein Neues zu geben. Gekrönt wird die ganze Sache noch mit dem schlechtesten und fürchterlichsten Coverstück von VKJ, was ich je gehört habe… Himmel, hast du keine Flinte? Dann eher Stumpf ist Trumpf und Oi!-Punk und Iroattacken. Und wo ich gerade von Samplern rede möchte ich auch noch auf den 2016 erschienen „Oi! It‘s Deutschpunk Vol. 1“ Sampler auf „Oi The Niesche Records“ eingehen. Hier covern URINPROBE ein Lied von Vortex, die nach nur kurzer Internetrecherche klar im schwammigen Grauzonenbereich zu verorten sind, das Coverartwork stammt von Grütze, der auch für etliche „Sicher gibt es bessere Zeiten…“ Artworks verantwortlich war und und in zwielichtigen Szenen abgedriftet ist (ein Punker auf dem Cover hat auf seiner Jeans neben „Razzia“ u.a. auch „Combat 84“ verewigt) und wenn du dir die Suchliste des Labels „Oi The Niesche“ auf Discogs mal anguckst und Klassiker wie „Störkraft“, „Ultima Thule“ oder „Kahlkopf“ neben hunderten anderer Grau- bis Braunzonenkacke wieder findest, frage ich mich doch ernsthaft, wessen Geistes Kind URINPROBE sind und warum sie so unbedarft bei so einem Scheiß Sampler bzw. Label mitmachen und so eine Scheiß Band wie Vortex covern. Das gibt dem eh schon faden Süppchen, was sie hier mit „Schlechte Karten“ servieren, einen mehr als bitteren Nachgeschmack.

TOTENWAGEN – Notte Di Guai Tape

Ich weiss noch was ich für große Augen gemacht habe, als Mama mir erzählt hat, dass in dem langen schwarzen Auto mit den abgedunkelten Scheiben eine echte Leiche in einem Sarg liegt. Ein paar Jahre später kam Und Tschüss! ins Fernsehen. Eine ziemlich dämliche Serie mit einem kultigen Charakter namens Zombie, der bei einem Bestattungsunternehmen arbeitete, gerne Dosenbier trank und seine Clique, Günni, Petra, Raoul und Silke mit seinem Leichenwagen durch Essen kutschierte und dabei in voller Lautstärke Heavy Metal hörte. Und nun kommen TOTENWAGEN aus Neapel daher und möchten, dass ich ein paar Worte über ihr drittes Album verliere. Ich muss gestehen, dass Italien auf meiner Punkrock-Karte ein ziemlich schwarzer Fleck ist. Klasse Kriminale, Los Fastidios und Derozer waren für mich vor vielen Jahren der Inbegriff der italienischen Punk und Oi!-Musik. Sehr viel später lernte ich No White Rag und Call The Cops kennen und schätzen und ich freue mich, dass jetzt mit TOTENWAGEN eine weitere Band aus der Mafia-Hochburg hinzu gekommen ist. Denn das, was die drei Herrschaften hier fabrizieren, gefällt mir richtig gut. Das ist irgendwie ein wilder Mix aus Black Metal und Punk, nur mit Drums, Gitarre und Orgel, aber richtig atmosphärisch und fesselnd. Im Beipackzettel werden Ebba Grön, Celtic Frost, Nena und Motorhead als Einflüsse genannt. In meinem Schrank befindet sich jedenfalls keine passende Schublade für das Trio, mal grunzend böse, mal mit viel Melodie und Gefühl geben sie sich enorm abwechslungsreich, ohne dabei die eigene Note aus den Augen zu verlieren. Gesungen wird in Deutsch (das habe ich aber nur beim Lesen der Texte erkennen können), Englisch und Italienisch und gerade die Deutschen Textzeilen wirken manches Mal etwas hölzern und holprig und laden zum Schmunzeln ein: „Ziegen, Fuchsen und gesunde Menschen, Adler, Steinmarder und Ke Ke Kerbtierchen, das Blut schießt ihnen in gesicht.“ Dabei behandeln sie aber durchaus relevante und ernste Themen, wie die Ausbeutung der Natur und der Tiere durch den Menschen, Selbstmord und Weltfrieden: „Von Kopf bis Fuß. Von Herbst zu Sommerzeit. Von Mund bis zum Arsch. Bestialische Friedenlust!!!“ Das macht einfach Spaß zuzuhören, die Songs sind richtig eingängig und werden von der Orgel gut in Szene gesetzt, wobei die auch an manchen Stellen etwas zu stark in den Vordergrund rückt und die anderen Instrumente und den Gesang erdrückt. Für mich ist das der perfekte Soundtrack zum Snowfall-Zine lesen. Ein bisschen stümperhaft, aber super ambitioniert und ursympathisch. Notte Di Guai ist ein richtig geiles Tape, das hier schon seit einigen Tagen in Dauerrotation läuft und TOTENWAGEN werde ich sicherlich auf dem Schirm behalten. Balla pogo selvaggio attraverso la mia stanza e urlo pace bestiale dalla finestra.

HARD MOOD – Spaziergang Of Death Demo

Nach den ersten Klängen dachte ich noch, geil, endlich mal eine neue Band, die aus der Masse heraus sticht und nicht klingt wie die Kopie einer Kopie einer anderen Band. Tatsächlich hatte ich nach den ersten drei, vier Liedern jede Menge unterschiedlichste Assoziationen im Kopf, an die mich die Musik erinnert. Kennst du noch Knorkator? Dann ein bisschen wie Rammstein. We Butter The Bread With Butter und auch Kannibal Krach. Dann auf einmal Die Kassierer. Hui, was für ein wilder Mix. Leider ist die erste Begeisterungswelle schnell abgeflaut, die Lieder sind im Gesamten einfach viel zu lang, manche Strophen ziehen sich wie Kaugummi, bereichern den Song um keine Nuance, unterstreichen die Intention (sofern vorhanden) nicht und wirken mit stümperhaften Reim-Dich-Oder-Ich-Fress-Dich-Schemata konstruiert und einfach überflüssig. „Du hast deinen Hamster gern. Ich hab meinen Morgenstern. Umhang, Lanze und Schild. Das gibt ein schönes Bild. Willst du nicht freundlich sein, schlag ich dir den Schädel ein. Da zittert selbst der Schnitter, vor dem Wilden Ritter…“ Das Lied handelt irgendwie vom Motorrad fahren und erzählt in drei sinnfreien Strophen die Geschichte vom coolen Biker, der alles kaputt macht und selbst der Polizei entkommt. Das sind dann so Stellen, an denen ich mich an We Butter The Bread With Butter erinnert fühle, die simple Kinderlieder verwurstet haben, aber ich fürchte fast HARD MOOD meinen das Ernst hier und wären gerne wilde Ritter. Generell kann ich ab der Hälfte der 9 Songs vor allem inhaltlich einen deutlichen Abfall feststellen. Habe ich anfangs noch einige textlichen Entgleisungen als stumpf provokant im Stile von Kannibal Krach abgetan, kristallisiert sich nach einigen Liedern eine recht plumpe und unkorrekte Ausdrucksweise, wenn es z.B. im Lied „Adieu“ heisst: „Sie hat viel zu kurze Arme und ein riesen Hinterteil – Wie schade!… Ihr Vorfotze hängt ihr bis zum Knie – ih!“ oder „Ich brauche nicht mehr zu ficken, kann mir tausend Weiber klicken…“ aus dem Song „Asoziale Medien“. Musikalisch folgt das bis auf wenige Experimente auch immer dem gleichen Beat, so dass sich hier schnell Langeweile breit macht. HARD MOOD kommen aus Halle an der Saale, haben ihr erstes Demo ausschließlich digital und kostenlos veröffentlicht und solltest du gerne auf schlammigen Festivalwiesen tagelang an der Bierbong hängen und dann bei den Kassieren in der ersten Reihe lauthals: Ausziehen! Ausziehen! rufen, könnte das hier der passende Soundtrack für dich sein. Ich mach jetzt erst mal einen Spaziergang.

FONTANELLE – Noi!e Eindrücke LP

Glücklicherweise scheint die Zeit überstanden, in der sich neue Oi! und Ska-Skapellen auf Teufel komm raus ihre Musikrichtung in den Namen pressen. Und glücklicherweise scheint die Zeit, in der unpolitische Oi!-Bands wie Pilze aus dem Boden schiessen ebenso vergangen, denn mit FONTANELLE, SHARP X CUT, OIDORNO oder OI! OF THE TIGER (jaja, in Hamburg und Hannover ist man bei der Namensgebung noch deutlich konservativer) haben sich in jüngerer Vergangenheit einige klar antifaschistische Oi! Bands formiert. „Bring back the politics in Oi!“. Was ist eigentlich eine Fontanelle? Gabs das nicht jeden Freitag bei Mama und Papa zum Abendessen? Mit Pellkartoffeln in Sahnesoße? Ist das nicht irgendein analer Schweinskram, mit dem sich hippe Jugendliche beschimpfen? Du kannst mir ma die Fontanelle lutschen, du Alpha-Kevin! Weder noch. Hat etwas mit Löchern in Babyköpfen zu tun. Komischer Bandname, dann doch lieber Aquaristik oder Ghettoslang. FONTANELLE sind fünf Herren aus Leipzig, wovon einer sogar Haare auf dem Kopf hat und sie spielen typischen Oi!-Punk mit deutschen Texten in gemäßigte Tempo mit gut verständlichen Texten. Zum Teil werden meine Erwartungen und Klischees voll bedient, denn die 10 Songs haben eine ordentliche Prise Lokalkolorit, der mir aber nur in dem Fußball-Lied „Loitzsch“ mächtig auf die Nerven geht. „Skinheads Chemie – Uns besiegt ihr nie“, ansonsten geht es eher um die Gentrifizierung Leipzigs oder das Saufen am RASH-Stammtisch „Der Letzte der am Tresen steht, Oi! Oi!, ja das bin ich.“. Fußball, Saufen, Working Class, die hier aber nicht stumpf abgefeiert, sondern kritisch hinterfragt wird: „Schon lange ist’s vergessen, die working class-Bedeutung. Es heißt Klassenkampf und nicht der Stolz auf die eigene Ausbeutung. Hör auf dich zu feiern für deine 40-Stunden-Woche. Denn der Mehrwert, den du schaffst, der bleibt am Ende nicht in deiner Klasse…“ Das finde ich sehr gut, die Jungs nehmen kein Blatt vor der Mund und scheuen auch nicht vor eigener Szene-Kritik zurück. Sie nennen die Scheiße beim Namen, ob das jetzt Bands wie Martens Army oder Prolligans (im Anti Grauzonen-Song) oder plumpe Mitläufer betrifft, die sich auf eine angebliche Tradition einen runter holen („Lauf nicht mit, setz dich zur Wehr. Für uns heißt Skinhead Klassenkampf. Keine Sympathie fürs Vaterland. Tradition ist nur ein Trend…“). Wie ein roter Faden zieht sich die klar antifaschistische Position durch die Platte. FONTANELLE gewinnen mit ihren Texten jetzt keinen Lyrik-Preis, sie haben eine klare und einfach formulierte Message: Nazis auf die Fresse hauen! und auch wenn mich das Ganze musikalisch jetzt eher weniger packt, haben sie mit „Noi!e Eindrücke“ ein starkes Debut abgeliefert, das vor allem in Punkto Einstellung und Attitüde aus der Masse an Oi!-Bands heraus sticht.

AUWEIA! – Kaskade Der Irre EP

Irgendwann vor vielen Jahren hab ich Ulrich kennen gelernt. Vermutlich auf einem Konzert in Köln, vermutlich auf dem Bauwagenplatz „Wem gehört die Welt“, vermutlich hat eine schrammelige Deutschpunkband gespielt. „Hier guck mal, ich singe jetzt in einer schrammeligen Deutschpunkband“ sprach der Barde und überreichte mir mit einer wohlwollenden Geste das Demotape seiner Band AUWEIA!. Die Band war eng mit dem damaligen Bundschuh-Fanzine-Netzwerk um die Jungs von T.O.D. verwoben und so freundeten auch wir uns schnell an. Mit einem Mob von Punkern besuchten wir seine ersten Geh- und Stehversuche auf den Kleinkunstbühnen des Kölner Laientheaters (die Anfänge einer großen Schauspiel-Karriere), etliche AUWEIA!-Konzerte, die stets in wilden Sauf- und Pogoexzessen gipfelten und einmal durfte ich sogar in den heiligen Hallen des extrovertierten Herrn Faßnacht in Köln nächtigen. Eine echte Punkerbude, alles dreckig, versifft und chaotisch, die Wände mit alten YPS-Heften tapeziert. Durch ihn und sein Label Terrortubbies inspiriert, wurde Human Parasit Pladden ins Leben gerufen, was schnell zu einer gemeinsamen Kooperation bei der ersten DIE BILANZ LP führte und über all die Jahre verloren wir uns nie aus den Augen, trafen uns und tranken gemeinsam in allen Winkeln dieser Republik Unmengen Birnennektar, Bananensaft, Brombeersirup und andere Kaltgetränke, die mit dem Buchstaben „B“ beginnen. Schnell übernahm der von mir sehr geschätze Emanuel den Bass, obwohl er noch nie ein Instrument in den Händen gehalten hatte, aber einfach menschlich perfekt in die Chaotentruppe passte. Ruben am Schlagzeug ist für etliche Human Parasit Fanzine-Cover und das Panzerband-Logo verantwortlich, er wurde später durch Porky ersetzt, mit dem ich auch schon vor vielen Jahren auf einer Verrottungsfahrt nach Peine gereist war und Gitarrist Nils muss man trotz Melone einfach gern haben. Ich muss also gestehen, dass ich nicht ganz unbefangen mit dieser Band und dieser Single umgehen kann. Mit Panzerband und auch Pflasterstein haben wir etliche Male die Bühnenbretter geteilt und es war jedes Mal ein Fest. In der sehr überschaubaren Diskographie von Human Parasit Pladden befindet sich auch der einzige Longplayer der Band, die mittlerweile aus Köln, Bremen und Berlin stammt. 2010 erschien mit „There‘s No Freedom, There‘s Nur Scheisse!“ ein Meilenstein der jüngeren Schrammel-Deutschpunkgeschichte. AUWEIA! standen von Anfang an für ehrlichen und erdigen Punk, ohne Allüren und ohne Ambitionen. Und nun ist Schluss. Nach über zehn Jahren und einer letzten feucht-fröhlichen Tour mit befreundeten Bands durch befreundete Läden, verliert der jüngere Deutschpunk eine seiner prägendsten Bands. Und „Kaskade Der Irre“ ist ein würdiges Abschiedsgeschenk. 6 Lieder, die der aufmerksame Fan zum Teil schon von Livekonzerten kennt, die einige Jahre zurück liegen, denn die Jungs waren in den letzten Jahren alles andere als fleissig, weswegen ich hier aber auch glücklicherweise auf ausgelutsche Phrasen verzichten kann. AUWEIA! haben ihren Sound nicht verfeinert, AUWEIA! waren nicht in der Musikschule und können auf einmal ihre Instrumente beherrschen, AUWEIA! haben sich nicht weiterentwickelt, auch nicht in feinen Nuancen. Aber sie haben gelernt Hits zu schreiben. Was sich schon auf der letzten Veröffentlichung, der Split-EP mit PLACEBOTOX mit den Songs „Bla, Bla“ und „Was tun, wenn‘s brennt“ andeutete, findet hier im Opener „Wunderland brennt“ die kaum zu übertreffende Steigerung. Ein echter Ohrwurm, der beste AUWEIA! Song, der je ins Vinyl geritzt wurde. Die Band löst sich auf dem Höhepunkt ihrer Schaffensphase auf, aber man soll ja aufhören, wenns am Schönsten ist. Auch „Kaskade der Irre“, „Kopf des Navigators“ und „Punkt Null“ sind typische AUWEIA! Pogokracher und mit „Fight!“ und „Pogo bis die Oma schreit“ befinden sich auch wieder zwei Nonsens-Stücke ganz im Stile von „Mama ist die Beste“ auf der Scheibe. Das gehört einfach zu der Band, bei der der Spaß niemals zu kurz gekommen ist. Ich werde dieses Stück Vinyl noch oft auf meinen Plattenteller legen und wehmütig in vielen tollen Erinnerungen an eine Ausnahmeband schwelgen. Ein echtes Kleinod.

FRONT – Dissonanz und Wahnsinn LP

Nun verfolge ich den musikalischen Werdegang des von mir sehr geschätzten Fanziner-Kollegen Falk Fatal schon eine ganze Weile. Angefangen bei den doch noch recht sperrigen BECKS STREET BOIS, die anno dazumal im Plastic Bomb von Micha ein sehr schlechtes Review bekommen haben, zum ersten Demotape von FRONT bis nun zum mittlerweile fünftem Album Dissonanz und Wahnsinn. Bei den ersten Konzerte standen sie noch im Einheitslook in weißen Maleranzügen und bunten Sonnenbrillen auf der Bühne. Und mit Gasmaske und Stahlhelm. Ich lud sie nach Eisenach ein, wo sie zusammen mit den SPASTIX einen gefeierten Auftritt im alten Grenzturm in Ifta hinlegten und es am nächsten Morgen bei einigen Bandmitgliedern lange Wurstgesichter gab, weil ich nur ein vegetarisches Frühstück vorbereitet hatte. Ich lud sie nach Flensburg ein, wo sie mit FINISTERRE einen gefeierten Auftritt in der Senffabrik hinlegten und ich den ganzen Abend mit Falk hinter seinen Plattenkisten verquatscht habe. Und es gab wieder keine Wurst. Aber auch keine langen Gesichter mehr. Und ich werde sie am 5.5. nach Hannover einladen und hoffe auf einen gefeierten Auftritt im Stumpf und glückliche vegetarische Wurstgesichter. Aus den weißen Maleranzügen sind schwarze Röhrenjeans und Hemden geworden und die einst jedes Artwork dominierende Farbe Weiß ist beim bald erscheinenden Album Dissonanz und Wahnsinn ebenfalls dem Schwarz gewichen. Und irgendwie wirkt dieses Album auf mich auch düsterer. FRONT haben es schon immer verstanden, eine kalte, kantige und dystopische Atmosphäre zu schaffen. Und dabei haben sie einige Hits fabriziert, die sich nicht hinter den Coverstücken von MALE, S.Y.P.H. oder MITTAGSPAUSE verstecken mussten. Songs im Stile von „Neonlicht“, „Acht Grad Unter Null“ oder „Prada Meinhof“ fehlen mir auf dem aktuellen Output. Dissonanz und Wahnsinn hatte einen schweren Start bei mir. Der erste Eindruck war eher mau. Alles solide Kost, typisch FRONT, aber eben ohne einen Ausreisser nach Oben, der sich nach dem ersten Hören direkt im Ohr fest setzt. Das war auf den vorherigen Alben anders. Und trotzdem habe ich das Album immer und immer wieder von vorne gehört, weil es im Gesamten extrem fesselnd und packend ist. Die Anleihen an den frühen 80er Jahre NDW-Punk oben aufgeführter Kapellen sind noch deutlicher zu spüren. Dabei schaffen sie es aber problemlos, den damaligen Zeitgeist ins Hier und Jetzt zu transportieren und nicht wie eine bloße Kopie zu klingen. Nicht eintönig, eher monoton im positiven Sinne, nicht frickelig oder experimentell, eher eine Veredelung des eigenen Stils in feinsten Nuancen. Sie erinnern mich ein bisschen an KALTFRONT. Das reißt mich musikalisch nicht vom Hocker oder animiert zum wilden Wohnzimmerpogo, vielmehr führt es zu einer düsteren, kalten und sterilen Stimmung, die ganz gut zum Film „Dark City“ passt. Ich lasse die Jalousien herunter, damit die wärmenden Sonnenstrahlen draussen bleiben, drehe die Heizung runter, setze mich unter die Neonröhre, die mein Zimmer in kaltes Licht taucht und singe: „Die Stadt ist tot, in den Kneipen gibt es keine Hoffnung mehr…“ und „Säg den Ast, auf dem du sitzt. Schlag den Kopf auf Beton, bis der letzte Knochen bricht…“ Denn gerade textlich präsentieren sich die 4 Wiesbadener extrem versiert und abwechslungsreich, mit Formulierungen und Ausdrücken, Metaphern und Fremdwörtern, wie es nur wenige Bands hinbekommen. PASCOW können das auch ganz gut. Im aktuellen Human Parasit kannst du übrigens nachlesen, was Falk so über Spiessbaden zu berichte hat. Müsste ich aus den zwölf Songs einen heraus picken, wäre es „Pharmazie“, der sich nach wiederholtem Hören langsam aber beharrlich als echter Hit kristallisiert. „Danke, danke Pharmazie, das Leben ist Chemie.“ Im Song „Das Streben nach Glück“ haben FRONT es sogar geschafft, mit „No Borders, No Nations…“ eine ausgelutschten Demo-Phrase zu vertonen, die auf den ersten Blick irgendwie deplatziert wirkt, doch „…kein Mensch ist illegal“ ist heute aktueller und wichtiger denn je und der perfekte Beweis, das die Band keine angestaubten Themen von vor dreissig Jahren aufwärmt, sondern aktuell zur Lage der Automation einiges zu sagen hat. Ich habe wirklich viel Zeit für Dissonanz und Wahnsinn gebraucht, so intensiv habe ich FRONT bisher noch nicht gehört und erlebt und muss jetzt doch mal die Heizung wieder aufdrehen, damit ich keinen Schnupfen bekomme und in Depressionen verfalle. Starkes Album im FRONT-typischen Artwork, wieder von Twisted Chords releast.

NO G20 – Festival der Demokratie Tape

Das beste Medium für einen Sampler ist und bleibt die Kassette. In der Prä-Internet-Ära dienten Sampler dazu, vor allem neuen und unbekannten Bands eine Plattform zu bieten und Verbreitung zu finden. Oft wurde viel Zeit und Aufwand in ein Mixtape gesteckt, mühevoll Bands und Songs mit Briefpost angeschrieben, lustige und passende Einspieler vor die jeweiligen Lieder gepackt und mit Schere und Prit-Stift ein aufwendiges Booklet mit Texten, Kontaktadressen und Informationen gebastelt. Heute kauft mensch sich für ein paar Euronen auf Plastic Bomb oder Ox Beilagen CDs und verschwindet in der Versenkung. In vielen Ländern ist die Kassette aus dem Punkrock nicht wegzudenken, bietet sie doch die Möglichkeit, auch an neue Alben renommierter Bands für schmales Geld zu kommen. Ähnlich der Schallplatte erlebt ja auch das Magnetband seit einiger Zeit wieder eine Renaissance. Bands veröffentlichen ihre neuen Alben nicht nur noch als CD und/oder LP, sondern auch auf Kassette. Auch hierzulande. Neue Kassetten-Label schießen wie Pilze aus dem Boden. Zum Beispiel Black Cat Tapes, die innerhalb kürzester Zeit eine ganze Reihe geiler Tapes herausgebracht haben. Deren letzter Streich ist der hier vorliegende Soli-Sampler: Festival der Demokratie. Sämtliche Erlöse gehen an Betroffene von staatlicher Repression während des G20 Gipfels in Hamburg. Feine Sache. Doch was macht jetzt einen guten Sampler aus? Er sollte an einem Stück hörbar sein und nicht zu viele Ausfälle beinhalten. Einen Sampler, bei dem dir alle Bands/Lieder gefallen, kann wohl nur ein von dir selbst zusammengestellter sein. Negativbeispiele sind hier wieder die kostenlosen Beilagen-CDs, die größtenteils mit unhörbaren Schrott aufwarten. „Festival der Demokratie“ bietet ein paar bekanntere Bands, aber auch sehr viel für mich völlig Unbekanntes. Da geben sich in schöner Regelmäßigkeit Licht und Schatten die Klinke in die Hand. Bei manchen Songs vermisse ich den SKIP-Knopf an meinem Tapedeck, bei anderen mache ich mir sogar die Mühe und spule ein paar Minuten zurück. Highlights sind KRANK, GLOOMSTER, KASUAR, KILLBITE und LOSER YOUTH, die ich aber auch schon vorher kannte. Die musikalische Bandbreite reicht von klassischem Punk über Hardcore bis hin zu HipHop, was diesen Sampler sehr abwechslungsreich macht, allerdings habe ich trotz der Masse an Bands, die ich zum ersten Mal gehört habe, nichts entdecken können, was mich neugierig auf weitere Songs machen würde. Das ist natürlich auf der einen Seite schade, auf der anderen Seite bei diesem Projekt aber auch absolut nebensächlich. Wichtig ist, dass schnell Geld generiert wird. Als Zeichen deiner Solidarität erhälst du eben als kleines Bonbon eine hübsch aufgemachte Kassette oder wahlweise auch 27 MP3s. Was ich ebenso im Booklet wie auch auf der Bandcamp-Seite vermisse, sind die Texte der Bands und vielleicht noch ein paar mehr Hintergrundinformationen zur Intention des Samplers, aber das würde bei einem Thema wie G20 auch schnell den Rahmen sprengen. So ist „Festival der Demokratie“ ein gut hörbarer Sampler geworden, der mich sicherlich auf der ein oder anderen Autofahrt begleiten wird. An dieser Stelle soll auch noch mal auf den gleichnamigen Doku-Film des Plastic Bomb Kollegen Lars verwiesen werden, der bald die Kinocharts stürmen wird. Guckstu Internet: www.nog20solitape.bandcamp.com und www.unitedwestand.blackblogs.org

RAVAGED – st EP

Läge dieser Single kein Aufkleber bei, hätte ich arge Probleme den Bandnamen nur anhand des Covers zu entziffern. Wären die Texte zu den sechs Liedern nicht in der aufklappbaren Single-Hülle abgedruckt, hätte ich arge Probleme auch nur einzelne Wörter herauszuhören und dir irgendetwas über die Themen zu erzählen, die die Band aus Köln mit ihrem metallischen Grindcore aus der Anlage drückt. Und sowieso habe ich arge Probleme mit metallischem Grindcore. Zwei Lieder haben einen deutschen Text und gerade in diesen Momenten erinnert mich die Band an die guten alten LOXIRAN. Das war es dann aber auch schon mit den positiven Assoziationen, die diese EP bei mir hervor ruft. Manche Reviews schreiben sich wie von selbst, diese Scheibe läuft seit mehreren Tagen mehrmals am Tag und leider bleibt da bei mir absolut garnichts hängen. Das plätschert in einem sperrigen Soundgewand einfach an mir vorbei, wo ich nur in feinsten Nuancen überhaupt Unterschiede ausmachen kann. Auch die sich kaum variierende Gesangsstimme tut ihr übriges dazu, zudem fehlt es mir an Versmaß, Akzentuierung, Harmonie und Melodie. Das ist purer Hass, der da aus meinen Boxen knallt. Mal schnell gesprochen, mal geschrien. Live kann ich mir das wiederum ganz gut vorstellen. Da wird ordentlich Energie freigesetzt und wenn sie zu den wirklich klugen Texten auch noch passende Ansagen raushauen, kann das zu einem durchaus fulminanten Konzerterlebnis führen, nach dem du Bock hast, ein Bullenauto umzuschmeißen, dem Spießernachbarn in den Briefkasten zu kacken oder den Parkscheinautomaten mit deinem Kaugummi zu verstopfen. RAVAGED werden auf ihrer Debüt-Single mal persönlich, wie in den Songs „Not Alone“ oder „Voidness“, mal recht klischee- und parolenhaft, wie in „Capitalism“ (capitalism kills love, capitalism kills freedom, capitalism kills us!) dann aber auch gerade bei den deutschen Texten sehr gesellschaftskritisch. „Ausweglos“ beschreibt die Situation von Geflüchteten auf einem überfüllten Boot und kann ganz gut das Gefühl von Hoffnungslosigkeit und Resignation vermitteln (der Unbekannte nebenan, das Ungewisse gleich voran, letzte Hoffnung doch verloren…) und auch „Chemtrails“ beschreibt sehr gut die aktuelle BRD GmbH, in der Minderheiten als Sündenbock herhalten müssen. Nieder mit dem Volksmob! Das Artwork mit den ganzen Ratten sieht cool aus, die Texte überzeugen, nur musikalisch kickt mich diese EP überhaupt nicht.

PISSSHIT – Direkt aus Ludwigsburg CD

Geil. Ich hab die Scheibe gestern beim Kochen gehört und direkt so viele Assoziationen im Kopf. Ich liebe so was, eine Rezension, die sich wie von alleine schreibt, obwohl ich weder eine Ahnung habe, wo Ludwigsburg liegt, was aus Ludwigsburg kommt und wer sich hinter dem absolut innovativen und einfallsreichem Namen „Pipikacke“ verbirgt. Sag mal ne Band mit drei S‘s hintereinander im Namen. Kennste keine, oder? Bevor der findige Rezensent nun also in die Tasten haut, fragt er sein Internet, was es ihm über das Trio aus der Nähe von Mannheim zu berichten hat. Siehste, Internet hat schon die ersten Fragen beantwortet. Pissshit kommen aus Ludwigsburg, genau wie Philipp Poisel, Jochen Laube oder Heinz Pelz. Kennste keinen von, oder? Und sie machen seit April 2015 ehrlichen Wahregeschichten-Orgelpunk, aber ohne Bass. Für weitere Hintergrundinformationen hilft auch oft die Lektüre der Rezensionen, die die Kollegen so über „Direkt aus Ludwigsburg“ verfasst haben. Da erstreckt sich das Bild von kryptisch, undurchsichtig der Marke Fred vom Jupiter, über nichtssagendes Promozettel Copy And Paste aus dem Hause Away From Life bis zur gnadenlosen Bierschinken Abrechnung. Diese labberige Promo-CD ist in Wahrheit nämlich eine Zehn Zoll große Schallplatte, auf der sich sechs Lieder befinden. So erfahre ich zum Beispiel, dass Roland aus dem ersten Lied, dem das Fahrrad geklaut wird, der Roland von 1983 ist, der allein vor deinem Haus gestanden hat, also vor Campinos Haus. Wie geil ist das denn? So eine verstecke Reminiszenz an die Helden meiner Kindheit in einem Lied verpackt, das zum Fahrraddiebstahl aufruft. Ich bin direkt raus auffe Straße, hab mir den erstbesten Drahtesel geschnappt und auf der Fahrradklingel dieses Lied gecovert. Und diese CD wird immer geiler. Track Nummer Zwei ist zum perfekten Soundtrack geworden, wenn ich Caro mal wieder unter die Dusche bewegen möchte. Die duscht nämlich nicht gerne. Ich reiß die Anlage auf, Repeat… und es dauert selten länger als bis zum ersten Refrain, ehe sie in der Nasszelle verschwunden ist und ihre Ohren schützend untern Duschkopf hängt. Boah, sind das Ohrwürmer. „Ich geh niemals duschen – ich bleib dreckig“. Das könnte eine neue Punk-Hymne werden. Gegen Insekten bin ich auch, Pizza esse ich sehr gerne, Pinguine mag ich voll und die Straight Edger gehen mir mit ihrem alkohohlfreiem Bier schon lange auf die Eier. Pissshit schaffen es mit jedem ihrer sechs Lieder, mir voll und ganz aus der Seele zu sprechen. Eben wahre Geschichten, obwohl ich die Ironie in „Rund und Glücklich“ schon verstanden habe. Doppelkinn oder Bauchfalten sucht man bei den drei knackigen Ludwigsbürgern nämlich vergebens. „Direkt aus Ludwigsburg“ ist eine Scheibe, die Kultpotential hat. Ein bisschen wie WTZ, nur ohne berühmte Punkrockstars und Instrumenten-Skills. Ein bisschen wie die Killerpilze vor zehn Jahren nur noch fünf Jahre weiter zurück. Wem Unglaublich Aber Ska zu aufgesetzt oder zu professionell erscheinen, giert nach einem neuen Geheimtipp. Hier ist er: Pipikacke aus der Nähe von Mannheim. Fetzt.

TERRORGRUPPE – Superblechdose

Müssen wir am Anfang über Leonard Graves Phillips, den Sänger der Dickies sprechen? „Ich habe Nutztiere gefickt, die hübscher waren als du, du verficktes Schwein… Blas mir einen… Wie fühlt es sich an, niedergebrüllt zu werden, du Fotze? Du bist eine fette Fotze. Fick dich!“ Müssen wir die Diskussion zwischen Archi Alert und Egotronic Frontmann Torsun Burckhardt hier thematisieren? Schmeiß dein Internet an, wenn es dich interessiert. Diese verbalen Entgleisungen als punktypisch zu bezeichnen (wie A.A. es gemacht hat), völlig gleichgültig in welchem Rahmen und Zusammenhang sie geäußert wurden, zeugt jedenfalls nicht gerade von Weitsicht und ist mit meinem Verständnis von Punk und respektvollem Umgang miteinander nicht kompatibel. Die Terrorgruppe ist jetzt aber auch keine politische DIY Band, die im AZ um die Ecke auftritt oder mit dir am Tresen nach dem Auftritt gemütlich ein Bier trinkt. MC Motherfucker und seine Spielgefährten gehören mittlerweile zur High Society des Berliner Punkrock-Klüngel und bieten den Kids von heute und einigen jung gebliebenen Schlabberiros von gestern eine 1A-Rockstarshow mit Publikumsanimation, in die Hände klatschen und das Smartphone in die Höhe halten, weil Feuerzeuge im FOH nicht erlaubt sind. Ist ja eh rauchfrei. Ich gehöre mittlerweile zu den alten Menschen, die die heute angesagten Bands noch bei ihren ersten Geh- und Steh-Versuchen begleitet haben. Eine Zeit, in der Punk noch roh, wild und gefährlich gewesen ist, wo ein Terrorgruppe Konzert keine zehn Mark Eintritt gekostet hat und im kleinen Jugendzentrum in Moers die Schwitze von der Decke tropfte, wenn 37 Kehlen voller Inbrunst „Die Gesellschaft ist schu-huld…“ gröhlten. Die Berliner Band befand sich Mitte der 90er Jahre, kurz nach ihrer Gründung, auf dem Höhepunkt ihrer Schaffensphase und lieferte etliche Hits für meine Adoleszenz, die sich im Rekorder drehten, bis die Kassette leierte. „Keine Airbags für die CSU“, „Sozialer Misserfolg“ oder „Ich bin ein Punk“ begleiteten mich neben der Knochenfabrik auf Schritt und Tritt und sorgten bei Mama und Papa für verzweifeltes Kopfschütteln. Das „Wochenendticket“ wurde zu meinem persönlichen Soundtrack der 95er Chaostage in Hannover, obwohl es ein Jahr später erschien und ich die Straßenschlachten und Zusammen-Rottungen nur vorm heimischen Fernseher oder im Radio erlebte. Das ist mittlerweile über zwanzig Jahre her und auch ich gehöre zu den konservativen Deutschpunkern mit Parka und Exploited Aufnäher, die den Helden ihrer Kindheit keine Weiterentwicklung oder Veränderung zugestehen. Ich brauche keinen Tiergarten oder Inzest im Familiengrab, ich will Ur-Opa, Keine Airbags für die AFD oder Der Rhein ist immer noch tot, schließlich ist die Kelly Family auch wieder am Start. Anders als die Toten Hosen, Ärzte oder Slime, die „früher“ auch mal cool waren, hat es die Terrorgruppe aber geschafft, nicht in lahmen Stadionrock oder radiotauglichem Gedudel zu verfallen und mit einem Auge immer auf die Charts-Platzierungen zu schielen. Ich weiß nicht, ob die anfangs erwähnten Unzulänglichkeiten und der Disput mit Egotronic ernsthafter Natur gewesen sind, billige Promotion für dieses Album oder billige Provokation im Stile von K.I.Z. sein sollen, bei denen sie sich etwas zu stark anbiedern, aber so kriegste die jungen Leute halt. Mit „Superblechdose“ ist 15 Jahre nach dem ersten Livealbum „Blechdose“ das zweite Livealbum mit 37 Liedern erschienen, das trotz mir vieler unbekannter Nummern, erstaunlich wenig Ausfälle zu bieten hat. Gerade bei den alten Hits schleicht sich schnell Nostalgie ein und ich war selbst überrascht, mit wie vielen Songs der Terrorgruppe ich etwas verbinde. Die Tracks aus zweieinhalb neuen Platten wie „Kathedralen“, „Schmetterling“ oder „Schlechtmensch“ fügen sich zu einem sehr stimmigen Gesamtbild und machen tatsächlich Lust, die Terrorgruppe auch 2018 noch einmal live zu begutachten. Auch wenn ich in meinem Campingklappstuhl in den hinteren Reihen meinen mitgebrachten Tee aus der Thermoskanne schlürfe, werde ich bei vielen Liedern anerkennend nicken, den Zeigefinger in die Höhe recken und die Füße im Takte hin und her wippen. Die Superblechdose gefällt mir gut. Aufmachung, Bonusmaterial und Sound lassen keine Wünsche offen und auch wenn ich jetzt nicht zum Terror-Groupie werde, muss ich anerkennend feststellen, dass die Terrorgruppe auch knapp 25 Jahre nach ihrer ersten Veröffentlichung immer noch gehörig Pfeffer im Arsch hat und das live auch gut rüberbringen kann.

TAKKOLORD – Trumpeltier digital Track

Ich hab mir letztens die Dopodopo Kollektion von Takko angeschaut. Leider passe ich nicht mehr in Größe 128, die der kleine Lord im Schaufenster trägt. Ist Takko eigentlich die Hartz Vier Variante von KIK? Dämliche Bandnamen bekommen eine dämliche Einleitung. Wenn ich mir die Promomaschinerie hinter diesem Trio aus Frankfurt am Main anschaue, könnte es sich um den nächsten Fisch im Elektropunkgewässer handeln, der nur darauf wartet, vom fetten Audiolith-Wurm geködert zu werden, um in der großen Feine Sahne Fischsuppe zu landen. Doch Takkolord sind weit davon entfernt ein großer Fang zu sein, selbst die Nordsee GmbH würde diesen kleinen Frankfurter Guppy wohl wieder zurück ins Wasser werfen. Bei diesem Release handelt es sich um einen einzelnen Song nebst dazugehörigem Video, der ausschließlich digital auf der weltweiten Datenautobahn veröffentlicht wird. Und das ist eine absolute Ausnahme, das hier so etwas überhaupt besprochen wird, ohne haptisches Erlebnis geht mir bei Musik einfach zu viel verloren. Da bekomme ich also einen Downloadordner, in dem neben 13 hoch auflösenden Promofotos, die die Band beim Posen am Frankfurter Bahnhof vor einem Waggon, auf einem Waggon und auf den Gleisen zeigen, Bandlogos in diversen Ausführungen, einer Mp3 und einer dreiseitigen Release-Info-PDF-Datei, aus der ich gerne eine Passage zitieren möchte: „Die Jungs setzen auf ein Fundament aus Elektronik und Bigbeats, eine Hütte aus Gitarrenmusik, die im Indie, Punk und Heavy Metal beheimatet ist. Es geht hart zur Sache und das nicht nur musikalisch.“ Das widerspricht in allen Belangen meinem Empfinden des Songs „Trumpeltier“, der mit einem kindlich naiven Text versehen wurde und musikalisch dem Bi-Ba-Butzemann nachempfunden ist. Ich kann mir gut vorstellen, dass Malte und Sören aus der Zebragruppe begeistert in die Hände klatschen, wenn Frau Raupach das Lied nach dem Mittagsschlaf zwischen Rolf Zuckowski und dem Schni-Schna-Schnappi Krokodil in den MP3-Player packt, ich benutze meine Hände lieber, um mir die Ohren zuzuhalten. Es geht um Donald Trump, der auf meiner, deiner und unserer Welt herum trampelt: „Es rüttelt sich, es schüttelt sich, es hat ein lustiges Obstgesicht…“ Na das ist doch mal fundierte Kritik an der amerikanischen Außenpolitik, wobei ich auch überhaupt keine Vorstellung davon habe, was ein lustiges Obstgesicht überhaupt ausmacht. Mit Essen spielt man nicht und Obst geht nur klar, wenn es aus Marzipan ist. Die Band jedenfalls will hoch hinaus, du kannst dir den Song bei Amazon oder itunes ziehen, auf den großen Radiostationen dieser Republik wie Kamikaze, Dark Essence oder Powerradio4u sind sie längst im Airplay und für ihr zweites Album starteten sie just eine Crowdfunding-Kampagne, bei der du neben handsignierten CDs auch einen Abend mit den Jungs im Moseleck gewinnen kannst. Als fachkundiger Musikjournalist habe ich mich natürlich auch mit älterem Material des Trios beschäftigt, was mich sogar kurz an meine absolute Referenz in Sachen Elektropunk: Intro5pect erinnert, dann aber leider immer mehr nach Rammstein geklungen hat. Auch aufgeschnappte Textfragmente wie „sucks my dick“ aus dem Song „Devil“ führen eher zu einem ablehnenden Gesamtbild, so dass ich nicht zur 135. Person werde, die beim Facebook-Auftritt von Takkolord auf „Gefällt mir“ klickt. Alex, Stefan und der geile Roland und der Bi-Ba-Butzemann und auch Donald Trump können mal schön weiter auf ihrer Welt herum tanzen, ich tanze da nicht mit.

BLUE CHIPS TO EAT – Standardabweichung CD

Was ist denn das bitte für ein selten dämlicher Bandname? Was soll das denn sein? In Curacao getunkte Pringles? Mit Eierfarben angemalte Erdnussflips? Besoffene Motorradbullen, die die Quadratwurzel der Varianz auffressen? Nee. Is Schrammelpunk aus Duisburg von fünf langhaarigen und teils bärtigen Jungs, die gerne Karohemden tragen und wahrscheinlich BWL studieren oder gerne Der Aktionär TV oder Deutsches Anleger Fernsehen schauen. Blue Chips haben nämlich irgend etwas mit hoch dotierten Börsenunternehmen oder wertvollen Casino-Jetons zu tun und eigentlich kann man die überhaupt nicht essen. Welche Drogen habt ihr konsumiert, um auf solch einen hanebüchenen Dummfug zu kommen? Laut Paragraph 3 des DGB (Deutschpunk-Gesetz-Buch) haben Namen einer Deutschpunkband griffig oder aggressiv zu sein, oder irgendwas mit Bullen muss drin vorkommen. Die psychedelischen Einhörner, der fleissige Doktorant oder Feine Sahne Fischfilet gehen zum Beispiel überhaupt nicht und stehen auf der schwarzen Liste. Ich habe gerade echt viele Dinge im Kopf, über die ich in dieser Rezension schreiben könnte, um vom einfältigen Deutschpunk des Ruhrmetropolen-Quintetts abzulenken. Wie ich mal im Casino von einem einarmigen Banditen ausgeraubt wurde, wie ich mir wegen Jan Ullrich Telekom-Aktien kaufen wollte, wie ich nach drei Tüten Chio Tortillas drei Tage lang krank gewesen bin, dass ich auch mal Holzfäller werden wollte und zwar ein Karohemd, aber eine keine Arbeitswut zu bieten hatte, was Herr Lenz mir im Mathematik Leistungskurs so alles beigebracht hat oder was ich neben Eisenpimmeln und plastischen Bomben noch so alles in Duisburg erlebt habe. Aber damit auch du in den Genuss einer Standardabweichung kommst, erzähle ich dir lieber gleich etwas über die erste Veröffentlichung der seit 2013 existierenden Band BCtE. Aber erst gleich… Da lag also ein Abholschein der Deutschen Post im Briefkasten. Nix ungewöhnliches, bei dem hohen Päckchen und Paketaufkommen seit einigen Wochen. Caro hat nämlich jetzt ein Smartphone und kann sich unter der Dusche neue Schuhe bei Zalando bestellen und neue Bonbons für Candy Crush und Textilfarben für die Waschmaschine, Badelatschen, Eierbecher… Ungewöhnlich war aber dann, dass es sich um keine gewöhnliche Postsendung, kein Päckchen oder Paket handelte, sondern um ein Einschreiben mit Rückschein, dass nur gegen Unterschrift ausgehändigt wird. Das wird in der Regel für hoch offizielle behördliche Post genutzt und verheisst im Normalfall nichts Gutes. Nach zwei schlaflosen Nächten mit Albträumen von Einzelhaft, MPU oder Abschiebung konnte ich nach dem Wochenende endlich in meiner Postfiliale die Sendung in Empfang nehmen. Da steckte also in dem mit 6,80 Euro frankierten Brief eine selbstgebrannte CD mit einem absolut hässlichem Cover, einem handschriftlich verfasstem Beipackzettel und ein viermal gefaltetes DIN A4 Textblatt. Da war wohl selbst der gepolsterte Umschlag doppelt so teuer wie der Inhalt, mit dem ich mich jetzt nach knapp 450 Wörtern endlich auseinander setzen möchte. Denn das, was Blue Chips To Eat hier auf den Silberling gepackt haben, gefällt mir ganz gut. Schrammeliger Deutschpunk, herrlich unaufgeregt und unambitioniert, mit ner gehörigen Portion Dreck und Wut in der Stimme. Unter die zehn Songs gesellen sich echt gute, wie der Opener „Guten Appetit“, in dem undogmatisch mit den Fleischfressern abgerechnet wird oder „Biene ohne Stachel“, in dem es um sexuelle Selbstbestimmung und vorgefertigte Rollenbilder geht. „Kapital hat kaum Moral, der Mythos stimmt genau, nichts entspricht dem Sachverhalt, Geld braucht leider jede Sau“ heisst es in „Das Kapital“ und auch die Rassisten kriegen in „Denk nach“ ihr Fett weg. Mal nicht in stumpfer Hau-Drauf Manier, sondern eher belehrend mit erhobenem Zeigefinger statt geballter Faust. Dazu gesellen sich dann Nonsens-Lieder wie „Französisch“, einem Liebeslied für Schnaps oder „Frei Haus“, bei dem der Text aus einer Pizzakarte besteht. Das hab ich mit 17 Jahren bei meinen ersten Gesangsversuchen im Gerderrather Hühnerstall mit der Band Norm-A gemacht, weil ich nicht wusste, was ich sonst ins Mikro brüllen sollte. Hier wirkt das deplatziert, uninspiriert und wenn ihr nach vier Jahren Proberaum keine besseren Song fabriziert bekommt, seid ihr echt stinkefaul. Das schmälert den Gesamteindruck dann leider schon ein Stück, denn gerade durch den markanten Gesang haben Blue Chips To Eat einen echten Wiedererkennungswert und auch der einfach strukturierte Deutschpunk weiß zu gefallen. Sie reihen sich damit problemlos in die Riege neuer Deutschpunkbands wie Pogendroblem, Gedrängel oder Trümmerratten ein, die gerne Mülheim Asozial hören und zu den schlauen Menschen gehören, die das Augenzwinkern der Kölner auch verstehen. Abzüge gibt’s in der B-Note wegen dem schäbigen Artwork und den Lückenfüllersongs, unterm strich bleibt’s aber eine echt stimmige Deutschpunkscheibe von wirklich sympathisch erscheinenden Jungs, die mit ihren knapp 270 Facebook-Likes zwar noch zu den Small Cap Unternehmen zählen, ich ihnen aber eine stetige Kurssteigerung prognostizieren würde.

ILL! – Wenn alles endlich wertlos ist EP

Als alter Kreuzworträtselfuchs weiss ich natürlich, dass die Ill ein linker Nebenfluss des Rheins ist. Im Schulenglischen heisst es übersetzt aber auch „Krank“, doch diese Bezeichnung benutzen nur die Akademiker. Die krassen Punker sagen „sick“, „bad“ oder „morbid“. Wobei ich aber zugeben muss, dass das Schriftbild des Bandnamens mit dem Ausrufezeichen schon eine Menge her gibt. Seine Band „Krank“ oder nach irgendeiner Krankheit zu benennen zeugt jetzt aber nicht gerade von Ideenreichtum und Kreativität. Chorea Huntington, Pestpocken, Eisenpimmel, Tollwut, Schleppscheisse, Diarhhea Disco, Bluthusten, Atemnot, Fusspils, Herpes, Reizdarm, Sekretstau, Seuchenherd… Als Hypochonder bekomme ich schon allein durchs Aufschreiben irgendwie ein flaues Gefühl in der Magengegend. Wie muss sich wohl ein Mensch fühlen, der gleichzeitig an allen Krankheiten leidet, die auch als Namen für Punkbands herhalten müssen? Vielleicht ähnlich wie ein Mensch, der „Wenn alles endlich wertlos ist“ in Dauerschleife 2 Stunden am Stück hören muss? Ich jedenfalls bin ganz hibbelig und aufgekratzt, wie nach zu viel Koks und Koffein und Achterbahn. Ill aus Münster spielen Fastcore und haben mit ihrer zweiten EP die große Spastic Fantastic Familie verlassen, obwohl sie doch stilistisch bei Maz bestens aufgehoben wären. Ich kann mit diesem schnellen Krach, mit dem Gekeife und Geschreie nicht wirklich viel anfangen. Schade, dass mein Plattenspieler nicht mit 16rpm läuft, dann hätte ich vielleicht eine Chance, die sehr kurzen Texte auch zu verstehen. Es geht um stumpfe Fernsehunterhaltung, ein stechendes Messer, ein verhungerndes Pferd, schreiende Augen oder ums Kellerloch der Menschheit. Durch die Kürze der Texte geht die Aussage verloren bzw. wird sie mir erst gar nicht ersichtlich. So heisst es zum Beispiel im 18 Sekunden Song „Einsicht“: „Ich gehöre nicht dazu und fange lieber nochmal an. Besser aufhören und einsehen, irgendwann kommt jeder dran.“ Fertig. Fragezeichen. Live kann dir das bestimmt ordentlich die Gehörgänge durchpusten und für Kurzweil sorgen, immerhin dürften Auftritte dieser Band nicht allzu lange dauern. Für die Setliste brauchen die bestimmt mindestens ein DIN A3 Blatt und ich bezweifele, dass es groß auffallen würde, wenn sie nur drei oder vier Lieder spielen und diese dafür dann drei oder viermal wiederholen würden. Hochgeschwindigkeitspunkrock, der auf Vinyl zu schnell an mir vorbei rauscht. Caro sitzt gerade auf Klo, während in meinem Zimmer eine Horde Meerschweinchen auf dem Plattenteller massakriert wird. „Ey, mach die Scheiße aus, ich kann bei dem Krach nicht scheißen!“ ruft sie erbost und knallt die Badezimmertür zu.

PLASTIC PROPAGANDA – Bunker EP

Es gibt im Internet eine Punk-Wiki-Seite, die mir erklärt, dass 77er Punk quasi oldschool ist, und sich diese erste Schublade des Punk damals richtig gut verkauft hat. „Heute gibt es eine kleine Szene und einige Amateurbands, die diese sympathische Anfangszeit idealisieren. Auch die quasi-uniformierte Kleidung junger Mode-Punks beruft sich auf diese Zeit.“ Anfang des Jahrtausends hatte der 77er Punk Hochkonjunktur auf meinem Plattenteller. Es waren Bands wie Lake Pussy, Copy Cats, The Disasters, Revolvers, Public Toys und vielleicht noch die Vageenas. Herausragend in diesem Genre ist die Split-Scheibe „Bad News For This District“ und über alledem thronten natürlich die Aushängeschilder The Briefs und The Shocks. Aktuell fallen mir da neben Sachen wie Modern Pets oder Reiz kaum noch andere Combos ein, aber es gibt ja heute auch nur noch einige Amateurbands, die diese sympathische Anfangszeit idealisieren… geh kacken Internet. Plastic Propaganda sind ein Hamburger Quartett und das riesige Bandfoto in der Innenhülle zeigt die quasi-uniformierte Kleidung nicht mehr so ganz junger Mode-Punks. Die sehen eben aus, wie du dir eine 77er Punkband vorstellst, dazu gesellen sich dann Künstlernamen wie Pablo Langeweile, Julian Humankapital oder Nina Nö. Außerdem blicken sie ziemlich gelangweilt aus der Wäsche, was dann aber auch zu den drei neuen Songs auf dieser EP passt. Denn „Closed Door“, „One-Man Scene“ und „Civilized“ strotzen nur so vor Klischees. Außer mir selber gehen mir alle anderen am Arsch vorbei, ich bin ein ewig gestriger, die Modernisierung hat mich überholt, der technische Fortschritt abgehängt und es gibt keine Zukunft mehr. Auch musikalisch schaffen sie es, eine gewisse No-Future Stimmung aufzubauen, trostlos, trist und trotzig, „Now I am all alone on my one-man scene.“ die dann im Gesamten aber wieder recht stimmig wirkt. Dazu passt dann auch das schlichte Artwork, so dass ich hier schon von einer rundum gelungenen Angelegenheit sprechen kann. Ich kannte das selbst betitelte Erstlingswerk von 2015 nicht und habe im Internet einfach mal auf gut Glück in die beiden Songs „Raw Energy“ und „Menschen dieser Stadt“ reingehört. Wow. Die können ja auch abwechslungsreiche, richtig mitreissende Stücke schreiben. Eine Prise Wave hier, da eine Reminiszenz an die guten alten Shocks… ich bin begeistert. Die Sachen gefallen mir um Längen besser als der aktuelle Output, gerade die deutschen Texte stehen ihnen sehr gut zu Gesicht. Schade, dass die neuen Songs nicht in diese Richtung gehen, sonst wäre aus einer zwar stimmigen, aber nicht wirklich mitreissenden 77er-Punk-Scheibe, ein echtes Kleinod geworden. Trotzdem lohnt es sich, die vier Hamburger mal im Auge zu behalten.

SCHÖNER STERBEN MIT HEROIN UND KORN – Demo 2015 Tape

Dreckig, räudig, rumpelig. Oft genutzte Phrasen im Vokabular des Rezensenten und doch sind sie als Beschreibung der dargebotenen Musik selten so treffend, wie bei den vier Lübeckern mit dem ausgefallenen Bandnamen. Geht das überhaupt? Schöner sterben? Und dann auch noch ausgerechnet mit Heroin und Korn? Ich hab früher nie mit den fertigen Kapeiken Shore, Stein, Papier gespielt und bis heute auch noch keinen Freund oder Bekannten im Alkohol- oder Drogensumpf untergehen sehen. Klar, als Kiddie-Punker spritzt man sich gerne mal ne Pulle Haschisch in die Venen und frisst kleine Kinder, aber auf die Rock and Roll Highschool bin ich nie gegangen. Meine Drogen- und Hartalkerfahrungen sind da eher auf Vorschulniveau. SSH+K, die sich eigentlich mit SSHM+K abkürzen müssten, spielen dreckigen, räudigen und rumpeligen Deutschpunk, dessen Reminiszenzen ganz klar Anfang der 80er zu verorten sind. Außerdem mögen sie Abkürzungen, denn Lied 6 von 7 trägt den erst mal irreführenden Namen: SSSA. Hierbei handelt es sich nicht um eine Neuvertonung eines alten Slime Klassikers, vielmehr haben sie sich von Hammerhead inspirieren lassen und frönen dem alleinigen Alkoholkonsum. Sonne Scheisse Sauf Allein. Ich muss gestehen, dass ich ein bisschen Angst vor diesem Tape habe, auch noch als es seine erste Runde in der heimischen Anlage dreht und ich nebenbei Booklet, Bandlogo und selbst gemalte Bandpotraits begutachte. Die Texte verstehe ich nur bruchstückhaft, irgendwas mit süßer Suff mit Doppelkorn, Kirmespunk und Karneval, die anderen sind beim Wilwarin dabei lalala und die Anfangsmelodie von Alfred Jodocus Kwak. Der Gesang ist recht monoton, das Tempo auf konstant gleichbleibendem Niveau, eher im Windschatten eines LKWs, als mit 180 Sachen auf der Überholspur. Das Logo wirkt simpel, Microsoft Paint mit wenigen Klicks, aber zumindest ist Tom, der mal in Wiesbaden gewohnt hat und (immer noch) bei der Bildungslücke spielt zweifelsfrei im Booklet zu erkennen. Und so simpel und einfach gestrickt, wie es auf den ersten Blick und auf das erste Ohr erscheint, ist es am Ende dann doch nicht. Vielmehr fügen sich die genannten Punkte zu einem stimmigen Gesamtbild, das eben ganz klar Anfang der 80er gemalt wurde. Und auch die Texte sind alles andere als stumpf oder hohl und drehen sich nur ums Saufen. Da geht es um die Ärzte und die Toten Hosen, die sich echauffieren, weil sie von Heino und der CDU gecovert werden: „Dolchstoßpunk Totalverdruss“ oder um den Nestlé Konzern, der sich in den ärmsten Ländern Wasserrechte kauft, dort abfüllt und hier als „Pure Life“ verkauft, während dort viele Menschen verdursten. In „Eure Stadt“ geht es gegen Lokalpatriotismus, wobei ich nur mutmaßen kann, wie viel Inspiration sie sich dafür auf den Straßen Lübecks geholt haben. Drägerwerk und Holstentor, da kack ich euch nen Haufen vor. Sankt Lorenz auf dem Pestfriedhof, hier ist einfach alles doof. Lübeck, du Kackloch, erstick an deinem Marzipan“ (aus „Lübeck, meine Perle“ von Panzerband) Auch als ich noch dort in der Nähe gewohnt habe, verschlug es mich nicht wirklich oft in die Hansestadt, die fast genauso hässlich wie Kiel ist, obwohl Holsten ein ganz leckeres Bier ist und ich quasi alles von Niederegger abfeiere. Im Song „Wurm“ greifen sie den schwierigen Konflikt zwischen Antideutschen und Antiimperialisten auf, der natürlich in einem 2 Minuten Song stark verkürzt daher kommt, aber das Thema dennoch ganz gut anschneidet. Mutiger Text. Die Reime und die Wortwahl wirken zuweilen aber etwas hölzern, wie z.B.: „Bombenteppich aus den Staaten, das verschafft mir einen Harten“ aus Wurm oder „Die Messlatte schnell eingeführt… der Knabe hat dich doch verführt“ aus Pfaffe, wobei das aber auf der anderen Seite auch seinen ganz eigenen Charme hat. Und sie schaffen es im Song „Lug und Trug“ auf stolze 24 Zeilen, die sich am Ende alle auf „relativiert“ reimen, ohne sich dabei zu wiederholen und trotzdem noch einen stimmigen Zusammenhang zu behalten. Hut ab. SSHK sind Deutschpunk in Reinform, der sich in schimmeligen Azs oder verrauchten und verruchten Spelunken wohl fühlt, feierfreudig, feierfest, aber alles andere als stumpf.

BIJOU IGITT – Ich wär so gern wie du LP

Damals. Damals waren bestimmte Plattenlabel ein Garant des guten Musikgeschmmacks. Gute Musik in aufwendiger Umverpackung, die neben dem Vinyl noch einiges an Mehrwert aufzubieten hatte. Für mich waren das Twisted Chords, Spastic Fantastic oder People Like You, die zumeist deckungsgleich mit meinen Vorlieben schöne Schallplatten veröffentlichten, oder es schafften, den eigenen Horizont noch zu erweitern. Vor einigen Jahren noch konnte ich bedenkenlos jedes Release von Tobi, Maz oder Tobbe ordern und sicher sein, mir kein faules Ei in die Plattensammlung zu legen. Das ist bei der schier unendlich großen Flut an Veröffentlichungen heute nicht mehr möglich, es wird einfach zu viel Schrott ins Vinyl geritzt. Und ein Label wie Plastic Bomb Records, so gern ich Heft und Menschen hinter dem Heft auch mag, gehörte für mich noch nie in diese Riege. Denn obwohl in Duisburg mit den ersten Pascow Alben, WTZ oder P.S.R. für mich wegweisende Platten erschienen, kann ich mit dem aktuellen Output nur noch sehr wenig anfangen. Kevin Pascal waren da eine rühmliche Ausnahme und Release Nummer 82 wird keine Weitere werden. Da erscheint nun eine Platte einer Band, von der ich noch nie etwas gehört habe, die sich in Anlehnung an einen Klimbim-Laden, von dem ich noch nie etwas gehört habe, einen selten dämlichen Namen gegeben hat und ich quäle mich durch 11 Lieder, die mir so rein gar nichts geben, die anstrengend sind, die mich sogar richtig nerven. Das geht in Richtung Trend und Lambs, das wäre gerne eigenständig und ist doch bloß ein billiger Abklatsch. Es wird lamentiert, geschmipft und sich echauffiert, das ist kryptisch und ich will das nicht verstehen. Das ist nicht melodiös, das hat aber auch keinen Pfeffer im Arsch. Das sind einfach nur wieder drei schlaue Jungs, die auf die Hamburger Schule gegangen sind und sich auf ihre Jens Rachut Plattensammlung einen runterholen. Es wird mehr gesprochen als gesungen und dennoch sind die Texte schwer verständlich. Das Textblatt ist in fürchterlicher Sauklaue dahingeschludert, dass ich gleichzeitig Hören und Lesen muss, um überhaupt eine Idee von dem zu bekommen, was mir Bijou Igitt damit sagen wollen. Ein Lied geht über einen Igel, der sich in den Winterschlaf verpisst, weil ihm diese ganze Scheiße hier schon lange auf die Nerven geht, ein Anderes wünscht sich, das wir wieder alle Affen wären, damit endlich alles wieder Sinn ergibt und Max Giesinger ist der König im Affenstaat und der perfekte Schwiegersohn. Das hat auf der einen Seite ganz gute Ansätze, wenn es gegen Deutschpop, den schnauzbärtigen Bullen oder die 80 Millionen Trottel geht, die in diesem Land wohnen, ist mir auf der anderen Seite aber viel zu verkopft und unkonkret. Das ist mir im Gesamten irgendwie zu modern und auch wenn händisch auf jedes Plattencover eine Spiegelfolie geklebt wurde, spricht mich das Artwork überhaupt nicht an. Ich wär so gern wie du, da hör ich nicht mehr zu. Und lass mich mit Bijou Igitt in Ruh.

THE ZSA ZSA GABOR‘S – Black Roads Blank Thoughts CD

Die Dame, nach der sich die Band aus St. Pölten benannt hat, ist fast 100 Jahre alt geworden, war in den 50er Jahren B-Movie Star (mein Lieblingslied von Pascow) in Hollywood und galt als größte Diva seit Madame Pompadour. Die Band aus St. Pölten, die sich nach der Dame aus Hollywood benannt hat, existiert seit 2013 und gilt als beste 77er Punkband seit Bad News und District. Sie spielen einen flotten, hymnenhaften Punkrock, der jede Menge Hitpotential birgt. Erst letztes Jahr erschien mit „Revolution Rock“ ihr zweites Album und nun erscheint nur kurze Zeit später das nächste Album. Das ist auch im Großen und Ganzen die Krux des Ganzen. Black Roads… ist ein gutes Album geworden, die Songs sind abwechslungsreich, wirken aber auf die komplette Spielzeit teilweise etwas unausgereift. Songs wie „Bad Boys“, „Forever Punk“ oder „Three Beers“, die mit sinnentleerten Texten aufwarten, wirken wie Lückenfüller, um genügend Songs für ein ganzes Album abzuliefern. Sie stehen im Kontrast zu den anderen Liedern, denn das sie gut durchdachte Texte schreiben können, zeigen sie mit Songs wie „Cop School“, „My Ass In Your Face“ oder „Keep On Fighting“, die auch eine klar antifaschistische Gesinnung zeigen, die in diesem Genre ja nicht unbedingt üblich ist. Ich brauche aber keinen Song, der mir erzählt, das drei Bier am Tag alle Sorgen befreien und eitel Sonnenschein hervorrufen. Das spricht eher für ein Alkoholproblem und den unreflektierten Umgang damit kann ich bei vielen Punkbands nicht nachvollziehen. Die goldenen Zitronen hatten bei „Für immer Punk“ wenigstens noch eine humoristische Intention, in „Forever Punk“ wird Punk als roh, gefährlich, wild und frei beschrieben und dass man immer das machen kann, was man will. Klingt für mich sehr naiv und wenig durchdacht. Und auch bei „Bad Boys“ werden lediglich ein paar altbackene Klischees aneinander gereiht: „don‘t look pretty, nobody will bring them down, they are all out of order…“ Das schmälert den Gesamteindruck aber unmerklich. Hätten sie ein paar weniger Songs auf einer Single veröffentlicht, wäre das eine richtige Hitscheibe geworden. Auch im Vergleich zum Vorgängeralbum schwächelt Black Roads… Das 2016er Werk wirkt stimmiger, eingängiger und kämpferischer. Dadurch stiegen natürlich auch die Erwartungen an dieses Album, die zwar nur bedingt erfüllt wurden, dennoch gehören die drei Ösis weiterhin zur Speerspitze des 77er Punkrocks und ich habe viel Gefallen an Black Roads… gefunden. Auch hier gibt es wieder einen deutschen Song und am Ende wieder einen in ihrer fürchterlichen Heimatsprache gesungen. Ein letzter Kritikpunkt wäre das Artwork, das mir schon bei „Revolution Rock“ überhaupt nicht zugesagt hat, da hätten sie sich gerne etwas mehr Mühe geben können. „Manchmoi denk i ma, kanns des nu sei, owa vagiss es, dann trink i mein Wein.“

CARTOUCHE – A Venir CD

Was schreibe ich über eine Band, zu der ich überhaupt keine Beziehung habe. Deren Musik ganz gefällig im Hintergrund läuft, es aber nicht schafft, sich in den Gehörgängen festzusetzen. Was schreiben, über ein Album, das auf den ersten Eindruck ganz erfrischend und sehr melodisch daherkommt, aber schon nach dem vierten oder fünften Song irgendwie den Reiz verloren hat, da sich die Songs im Einzelnen zu sehr ähneln. A Venir könnte auch das nächste Album von La Fraction sein. Die kommen schließlich auch aus Frankreich und es singt ebenfalls eine Frau. Punkbands aus Frankreich hören sich doch eh alle gleich an. Aber das ist natürlich genauso vermessen und inhaltslos, wie zu schreiben, alle Chinesen sehen aus wie Jackie Chan. Wobei im heimischen Plattenregal der Punk aus dem französischen Nachbarland eher selten bis sehr selten zu finden ist. Und mir fällt außer Baguette, Edith Piaf und diesem dämlichen Lied von den Bläck Fööss auch nix Geiles zu Frankreich ein. Hier ist eine Band am Werke, die schon einige Jährchen auf dem Buckel hat, die routiniert und erdig wirkt. Die sich in der DIY-Szene wohlfühlt, über persönliche Dinge, Liebe, Freundschaft und Zusammenhalt singt. Im ausführlichen Booklet finden sich zu den französischen Texten nämlich auch jeweils englische Übersetzungen. Heraus gestochen hat der Text zu „Femme“ in dem es nach einigen „Bezeichnungen“ für Frauen (zouze, Moukère oder Djinn habe ich noch nie gehört) übersetzt heisst: „I don‘t care of how you call me, I carry proudly my sex.“ Getragen wird das alles von der sehr markanten Stimme von Sängerin Gèraldine, die es schafft sehr viel Emotionen mit ihrem Gesang zu transportieren, mich aber trotzdem irgendwie nicht packen kann. Im Citroen 2CV durch die Bretagne fahren, ein Café au lait und ein Croissant in der Hand, auf dem Rücksitz ein Asterix Comicband, Champagner und Camenbert. Mireille Mathieu reicht mir eine Gauloises und in diesem Moment würde ich im Autoradio auch den Sender suchen, der Cartouche (zu Deutsch: Patrone) spielt.

GRANDMASTER JAY – Was soll maximal schief gehen? CD-R

Es klappt mittlerweile ganz gut, dass hier kein ungebetener Promomüll im Briefkasten landet und die meisten Bands artig vorher fragen, ob sie mir was zum Besprechen zuschicken dürfen. Jan bat darum, dass ich mir seine Debütscheibe (Oi!/Punk) mal anhöre und etwas darüber schreibe. Bei mir gänzlich unbekannten Geschichten frage ich vorher schonmal mein Internet, was es mir so über den Grandmaster zu erzählen hat, doch ausser einem Bierschinken-Review herrscht gähnende Leere auf der Datenautobahn. Dort gibt es eine Hitliste unwitziger Zitate aus dem Album und das ziemlich eindeutige Resümee lautet: Sexistische Kackscheisze! Und da ich es im Leben nicht wagen würde, dem mächtigen Fö und seinen Vasallen zu widerprechen, dennoch den Schein journalistischer Seriosität wahren wollte, informierte ich Jan, dass er mir seine CD ja mal schicken kann, wenn er Bock auf einen nächsten Verriss hat. Zumindest hat er mich nicht physikalisch belastet, sondern mir die 14 Songs digital geschickt. Nach einem Audacious Durchlauf und dem Konsum mehrerer YouTube-Videos landet das ganze Datenpaket umgehend im virtuellen Papierkorb. „Die Stadt ist dreckig und verrucht, ich säubere sie von diesem Dreck. Ha Ha. All die Nutten, all die Obdachlosen, all die Stricher…“ Dazu gesellt sich ein absolut reaktionäres und mittelalterliches Frauenbild, das mir die Kotze hoch kommt. Bevor ich den Grandmaster himself in seinen stümperhaft gedrehten Videos bewundern durfte, habe ich mich gefragt, was da für ein Mensch hinter diesem Namen und diesen Liedern steckt und ob er das wirklich ernst meint, was er da in die Welt hinaus grölt. Nein, Satire ist das nicht. Das ist der Soundtrack für den bierseeligen und dummdödeligen Glatzkopf, der ein Dauerabo im Randale Shop hat, gerne Krawallbrüder hört und die dritte Ehrenrunde in der Hauptschule immer noch nicht packt. Das ist der größte Mist, den ich je zum Besprechen bekommen habe und jede weitere Zeile, wäre eine zu viel. Hier ist maximal alles schief gegangen! Oi! aber nicht für dich!

ORÄNG ÄTTÄNG – The Beast Bites Back LP

Hm. Affen. Hab ich nicht so das Verhältnis zu, obwohl es im Odenkirchener Tiergarten ein Affenhaus gab, das stets zu den Höhepunkten des sonntäglichen Besuchs gehörte. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich dort lange Zeit vor YouPorn und der Entdeckung des Internets das erste Mal Livesex gesehen und Papa versuchte mir zu erklären, woher die kleinen Affenbabys kommen. Sehr verstörend. Im Dschungelbuch fand ich König Lui immer am Blödsten, der Planet der Affen ist nur mit Troy McClure bei den Simpsons zu ertragen, Ape Attack find ich eher so mittelmäßig, ich mag aber die Baboon Show und die Chimpänzee EP von Dean Dirg. Und Oräng Ättäng? Das trinkfeste Trio gibt es schon eine gefühlte Ewigkeit, das letzte (und erste) Album erschien 2005, danach folgte noch eine Single mit den Neuen Katastrophen. Ich erinnere mich an ein Konzert im Osnabrücker Substanz, wo sie eine gefühlte Ewigkeit lang vor Pestfest auf der Bühne standen, bis auch wirklich der letzte Konzertbesucher entnervt den Raum verlassen hat. Oder ein gemeinsames Konzert mit Panzerband in der Flensburger Luftschlossfabrik, wo wir im Vorfeld soviel gesoffen haben, dass jegliche Erinnerung in dichtem Alkoholnebel verschollen ist. Ein verdrehtes Knie und das Ende meiner Squash-Karriere waren das Resultat. Eigentlich kann nur Vic eine gewisse optische Ähnlichkeit zu einem Orang-Utan aufweisen, Krischan hat da mehr etwas von einem süßen Schimpansen a la Cheetah und Harry kommt diesen kleinen fiesen Äffchen, die den Touris die Fotokameras klauen, am nächsten. Die Affen rasen durch den Wald, der eine macht den andern kalt und die ganze Affenbande brüllt: The Beast Bites Back! Oräng Ättäng fühlen sich im Hamburger Inzuchthaufen mit ihren Homies von Mistressed und S.O.S. pudelwohl und verlassen die Komfortzone äußerst selten. Live machen sie sich rar, sie legen es nicht darauf an, The Next Big Thing zu werden, die Amazon-Verkaufscharts zu stürmen oder mit dem Nightliner die Stadtgrenzen der Hansestadt zu überwinden. Sie machen genau ihr Ding, machen das, worauf sie Bock haben und scheren sich einen Scheißdreck um die Außenwirkung und genau das macht sie für mich auch so sympathisch, obwohl ich die neue Scheibe jetzt kaum mit Prädikaten wie „affenstark“ oder „oberaffentittengeil“ (das war in der Grundschule der Inbegriff des Non Plus Ultra) versehen würde. Vielmehr haben die Hamburger hier ein durchaus solides Album abgeliefert, bei dem mir aber die Ausreißer nach Oben fehlen, denn obwohl die Scheibe jetzt seit über einer Woche auf dem Plattenteller liegt, haben die Songs wenig Wiedererkennungswert, setzen sich nicht in den Gehörgängen fest. Textlich bewegen sie sich auf der sicheren Seite, neben viel Gesellschaftskritik kommt aber auch das Bier nicht zu kurz. Auch politische Statements kriegen sie klug verpackt: „Stick your flags up your asses, fuck the patriotic masses. Leave all borders behind, on the maps and in your mind.“ und mit MPU befindet sich sogar ein deutscher Text auf dem Album. Hübsches Coverartwork, kein Downloadcode, Einleger mit allen Texten, die allerdings handschriftlich verfasst wurden und teilweise hat Krischan echt ne Sauklaue. Als ich die Platte aus dem Briefkasten zog, lag ein kleines Zettelchen bei: „Bäppi, alte Hure! … Schönen Gruß von den Affen!“ Der alte Aapefott, hab ich gedacht, bis mir eben gerade aufgefallen ist, das dort „Hupe“ steht… Als ich Krischan letztes Wochenende beim Fünf Minuten ohne Kopf Festival vorm Störte traf und fragte, warum denn Orang Ättäng nicht spielen, schließlich sei das doch ein Festival ausschießlich für Hamburger Bands, antwortete er mir, dass wohl viele garnicht mehr auf dem Schirm haben, das es die Band überhaupt noch gibt. Ehrlicher Punk, sympathische Jungs, solide Platte.

SLIME – Unsere Lieder 7“

Groß geworden bin ich mit den Schlachtrufe BRD Samplern, nachdem die Toten Hosen zuvor mit „Hier kommt Alex“ und der „Schwarzwaldklinik“ den Weg geebnet hatten. Die erste Slime Veröffentlichung „Wir wollen keine Bullenschweine“ erblickte im selben Jahr wie ich das Licht der Welt und das letzte „gute“ Album „Schweineherbst“ erschien vierzehn Jahre später. Da hab ich noch wohlbehütet in meinem Kinderzimmer gesessen und goldene Türme aus Legosteinen gebaut. Ich hatte also nie eine wirklich enge Bindung zu der legendären Band aus Hamburg und bin erst sehr viel später an die ersten Platten gekommen. Natürlich waren Songs wie „Karlsquell“, „Bullenschweine“, „Religion“, „Linke Spießer“ und etliche weitere Hits der Band regelmäßig im Kassettenrekorder, meine Punksozialisation verdanke ich dann aber eher späteren Bands wie P.S.R., Die Versauten Stiefkinder oder Dritte Wahl. Irgendwann habe ich dann auch mal meine Slime-Diskographie komplettiert und neige heute eher dazu die späteren Werke „Viva La Muerte“ oder „Schweineherbst“ aufzulegen… wenn ich überhaupt mal wieder eine Slime-LP auf meinen Plattenteller bemühe. Nach der zweiten Reunion von 2009 habe ich sie dann auch im Mülheimer AZ live gesehen und war am Ende eher enttäuscht. Klar war es cool, die alten Gassenhauer nochmal vorgesetzt zu bekommen, da versprühen Bands wie z.B. 1982 aber deutlich mehr Glaubwürdigkeit, Aggression und Tempo wenn sie „Yankees Raus“ oder „Deutschland“ covern. Nach der Trennung von Schlagzeuger und Texter Stefan Mahler, mit dem ein sehr gutes Interview in der Plastic Bomb #100 zu finden ist, und dem Erscheinen des letzten Albums „Sich fügen heisst Lügen“ von 2012 verlor die Band für mich völlig an Bedeutung. Die vertonten Texte des Anarchisten Erich Mühsam sind einfach ein ziemlich tiefer Griff ins Klo gewesen, für mich eine unerhörte und unhörbare Angelegenheit. Jetzt, fünf Jahre später, wird ein nächstes Slime-Album erscheinen, das mit dieser vorherigen Single-Auskopplung angekündigt wird. Das Dortmunder Label People Like You hat sich den dicken Hamburger Fisch geangelt und stand in der Vergangenheit mal für liebevolle Aufmachungen, mit Herzblut und Sinn für Ästhetik. Diese Single dagegen ist eine absolute Frechheit. Sechs Euro kostet das kleine schwarze Stück Vinyl (alles streng limitiert und in Farbe auch ein bisschen teurer), das in billigster, dünner Papphülle steckt und ansonsten keinerlei Mehrwert aufbieten kann. Kein Textblatt, kein Downloadcode, einfach garnix. Das Artwork ist schlicht und nichtssagend, hier reicht das Bandlogo auf dem Cover wohl als Kaufanreiz völlig aus. Slime als Marke hat sich etabliert. Da bleiben die Inhalte dann eben auf der Strecke. Schon letztes Jahr erschien auf People Like You die Single „Sie wollen wieder schiessen (dürfen)“ in ähnlich dürftiger Aufmachung, die zumindest heute eine Wertsteigerung von über 250% auf Discogs erzielt. Slime als Geldanlage. Der Titeltrack weist zumindest einen ganz guten Text auf. Die Hamburger echauffieren sich, dass ihre alten Lieder immer noch nichts an Aktualität eingebüßt haben: „…Ich hätte lieber Unrecht, wär‘ gestrig nicht ganz richtig. Und hätte Feinde, die es gar nicht gibt. Wär‘ gern‘ ein armer Irrer, der einsam fantasiert, während im Gegenzug der Rest der Welt sich solidarisiert…“ wirkt auf mich ziemlich resignierend. Untermalt wird das Ganze dann von fürchterlichster Stadionmusik. Ein gar gruseliger Abklatsch der aktuellen Toten Hosen, Deutschrock, der auf die große Bühne möchte und sich irgendwo zwischen den rebellischen Düsseldorfern und Dritte Wahl einsortiert. Mit meinem Verständnis von Punk hat Slime 2017 in etwa so viel zu tun wie diese unsäglichen Shitlers. Da wird auf dem Ruhrpott-Rodeo vor einem riesigen Transparent gepost, auf dem voll exklusiv das Coverartwork der neuen Scheibe präsentiert wird, da wird ein Bohei darum gemacht, wer die aktuellen Texte verfasst hat, da wird ein professionelles Video zur aktuellen Singleauskopplung produziert, was auch als Audi oder Mercedes-Werbespot durchgehen könnte… die Alex Schwers Promomaschinerie läuft auf Hochtouren… fehlen nur noch Autogrammstunden und Starschnitte in der nächsten Visions. Im Promotext zu dieser Veröffentlichung heisst es: „Unsere Lieder“ ist ein Song, der SLIMEs Situation 2017 reflektiert, weil die Themen, die sie aufgreifen, heute noch und teilweise sogar in verschärfter Form vorliegen. SLIME sind auch 2017 musikalisch kraftvoll und relevant wie eh und je….“ Geht ihr mal schön euren Weg in Richtung Rock am Ring… ich frage mich ernsthaft, für wen diese Band heutzutage noch relevant ist. Die neue Platte werd ich mir aber natürlich in allen Farb-Variationen kaufen, um sie ein paar Jahre später mit sattem Gewinn wieder abzustoßen und vom Erlös hol ich mir dann ein Rock am Ring Ticket und bewerf Slime mit Plastikbechern.

CONTRA REAL – Keine Kompromisse 7“

Ja, ich bin auch gegen Real. Einmal hin, alles drin – geh kacken. Real ist die Arschwarze unter den Supermärkten, immer größer, immer mehr, da mach ich nicht mit. Gegen Contra Real bin ich aber nicht. Die drei Hamburgers machen nämlich ganz gefälligen Deutschpunk. Nach einer 10“ von 2013 (nominiert für das hässlichste Plattencover) schieben sie nun 5 neue Songs nach, die mich aber auch nicht in Jubelarien ausbrechen und mein Mobiliar im wilden Wohnzimmerpogo zerlegen lassen. Oft hebt ja eine persönliche Bindung zum besprechenden Produkt, eine Freundschaft oder bloße Bekanntschaft zu einzelnen Bandmitgliedern, die Stimmung des Rezensenten, wandelt Objektivität in Subjektivität. Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich die Band vor ein paar Jahren mal im Flensburger Hafermarkt gesehen. Im Gedächtnis geblieben ist davon aber so gut wie nichts, ein weiteres Aufeinandertreffen blieb mir bis dato vergönnt, so dass ich mich mit dieser Veröffentlichung sachlich und neutral auseinandersetzen kann. Ich bin davon überzeugt, dass ich es hier mit überaus sympathischen und netten (nicht im Sinne des kleinen Bruders von Scheisse) Menschen zu tun habe, sonst wären die Drei nicht beim süßen Waschbären (Racoone Records) und dem Rüpel-Radler (Riot Bike Records) gelandet, aber würde ich diese Single mit einer Schulnote bewerten müssen, kämen sie kaum über ein befriedigend hinaus. Es wäre nicht richtig nur aufgrund der weiblichen Gesangparts Parallelen zu Bands wie Ichsucht oder Fucking Angry zu ziehen, vielmehr würde ich dies mit einer ähnlich kompromisslosen und radikalen politischen Einstellung begründen. Und auch musikalisch liegen diese Bands nicht weit voneinander entfernt. Contra Real sind da vielleicht einen Schuss melodischer, haben nicht soviel Hass und Rotz im Gepäck, obwohl „melodisch“ hier auch nicht das richtige Wort ist. Die Texte sind auch ohne Textblatt sehr gut verständlich, wirken an manchen Stellen eher gesprochen als gesungen und irgendwie stört mich dann die Akzentuierung. Hölzern und zu krampfhaft in ein immer wiederkehrendes Reimschema gepresst. „Ihre Interessen sind Profit, Macht und Gier und die totale Ignoranz, die bekommen wir. Also gehen wir auf die Straße und wir sind nicht nur laut. Wir wollen, dass heute irgendwer ne Bullenwanne klaut…“ (aus G20=Sachschaden) Ja, es ist wichtig und richtig, den Finger in die Wunde zu legen, Missstände aufzuzeigen und anzuprangern, aber ein weiterer Song gegen die Grauzone, über Wutbürger, Pegida, Datensicherung und den gläsernen Menschen entlocken mir nur ein müdes Gähnen. Weil es die Musik eben nicht schafft, den Texten Nachdruck zu verleihen, sie in den Gehörgängen fest zu setzen. Es wirkt vorhersehbar, nach Abarbeiten punkrockrelevanter Themengebiete, einem bestimmten Paradigma folgend. Mir fehlt das Überraschungsmoment, der Oha-Effekt. Immerhin gibt es dieses Mal ein hübsches Coverartwork. „1€ pro Platte gehen an die Rote Hilfe, zur Unterstützung von Repressionen betroffenden Genoss_innen in Zusammenhang mit dem G20 Gipfel.“ Scheibe kommt mit allen Texten und MP3 Runterlad-Gedöns.

STROHSÄCKE – Schmutzig, eklig, kalt LP

Zu dieser Band und insbesondere dem Label Attack Records habe ich ein ganz besonderes Verhältnis. Vor vielen Jahren hatte ich mal eine extreme Platten-Sammel-Phase, in deren Verlauf ich mir alle Releases des damaligen Berliner Labels besorgt habe, auch wenn dort z.B. mit den Ugly Aesthtetics oder Sixteen Eyes zum Teil ganz furchtbare Musik seinen Weg aufs Vinyl gefunden hat. Das Haus- und Hoflabel von Strohsäcke-Schlagzeuger Christian hat aber auch echte Perlen veröffentlicht, die ersten Singles der Shocks, Worhäts oder später Trash Torten Combo und Harnleita zählen zu Dauergästen auf meinem Plattenteller. Ganz groß ist übrigens der Sampler „Pogo Til Orgasm“ von 1996 mit u.a. den Barbie Bitches oder Lokalverbot. Auch das Attack Records Festival Anfang 2000 (?) im Berliner Drugstore ist ein unvergessenes Highlight, in dessen Verlauf die beiden damaligen Chefredakteure des Human Parasit Olli und Bäppi die nächste Ausgabe des Heftes in Kyrillisch verfassen wollten, um so auch den Ostmarkt zu erobern… und ein gewisser Micha vom Plastic Bomb den Abend mit literweise Sauerkrautsaft verbrachte… zwecks Entschlackung. Das Label und die Strohsäcke standen und stehen für ehrlichen, einfachen, auf-die-Fresse Deutschpunk, der zeitlich eher in den 80ern zu verorten ist und sich meilenweit von Nix-Gut, Hamburger Schule oder den ganzen Pascow oder Turbostaat-Klonen unterscheidet. Musik von Punks für Punks, keine weichgespülte Studentenjammerei und son Schmonz. Die Strohsäcke gründeten sich Anfang der 90er und brachten es in ihrer Bandgeschichte auf ein Album und diverse Singles. Nun erscheint über 10 Jahre nach ihrer letzten Veröffentlichung und lange nach der Auflösung diese Compilation mit unveröffentlichtem Material aus den Jahren 1992 und 1993. Oft haftet vergleichbaren Zusammenstellungen ein gewisser Mief an, es riecht nach verstaubtem Zeitdokument, das sich der nerdige Plattensammler in sein Plattenregal schiebt und dort verstauben lässt. Oft sind diese Geschichten auch recht lieblos zusammengeschustert, ein paar grottige Proberaumaufnahmen nochmal auf Vinyl gepresst, um noch ein paar Mark abzugreifen. Das ist hier glücklicherweise nicht der Fall. 8-Spur Proberaumaufnahmen und Livemitschnitte in echt guter Qualität haben den Weg auf die Scheibe gefunden, die sich hinter keiner aktuellen Deutschpunkveröffentlichung verstecken muss. Songs wie „Ich will ich selba sein“ (Reichtum, Macht, der Chef zu sein ist alles was noch zählt, doch keiner hat mich je gefragt ob mir das auch gefällt) oder „Frust“ (Den ganzen Tag nur Fernsehen, das kotzt mich langsam an, Keiner hat Ideen was man sonst noch machen kann…) sind zeitlose Hits, die sich prima auf einem Mixtape mit aktuellen Sachen wie Asselterror oder Frontex vertragen. Klar versprühen Songs wie „Bundeswehr“ oder „Südafrika“ eine gewisse Nostalgie und „Hallo Heino“ oder „Kanzler“ mit seinem furchtbaren Modern Talking Cover sind anstrengender Nonsens, trotzdem läuft diese Scheibe wie aus einem Guss und hat eigentlich keine Ausfälle zu verzeichnen, was bei 17 Liedern schon eine Leistung ist. Im Beiheft, das einem kleinen A5-Fanzine gleicht, findest du zudem alle Texte und den ersten Teil der Bandgeschichte, die Christian sehr persönlich und interessant zu Papier gebracht hat. Ein rundum gelungenes Paket, das in einer nächsten Compilation mit Songs aus den Jahren 1995 bis 2006 eine Fortsetzung finden soll und muss. Vor einigen Jahren hat es den Strohsack in die Niederlande verschlagen, wo er zusammen mit seiner Trash Torte bei den Placebotox lärmt, mit denen ich allerdings noch nicht so richtig warm geworden bin. Aber ich freue mich riesig auf das Kopernikus-Sommerfest in ein paar Wochen, wo neben den Placebotox auch noch eine Strohsäcke-Coverband auftreten wird. Die Strohsäcke sind tot, lang leben die Strohzakjes.

SCHWACHE NERVEN – Demo Tape

Schwache Nerven. Das ist so eine Band, der ich sofort den Stempel „typisch Hannover“ aufdrücken würde, ohne das jetzt in irgendeiner Weise wertend zu meinen. Es gibt ja auch gute Bands aus der niedersächsischen Hauptstadt, ne? Reset Mankind, Burned Out oder Cave Canem lassen jedenfalls recht offensichtlich grüßen. Dabei treten Schwache Nerven gehörig aufs Gaspedal. Fast als würde die Musik auf 45rpm laufen und Franz Gesang noch nicht mal die 33rpm schaffen. Voll tief, voll böse. Dunkle, kehlige Laute, die selbst beim Mitlesen der Texte kaum als menschliche Worte zu erkennen sind. Ich besitze eine Single mit ähnlicher Musik, wo auf der einen Seite ein Dobermann und auf der Anderen ein Papagei „singt“, aber das nur am Rande. Ich war zumindest von der Geschwindigkeit ziemlich überrascht. 15 Songs… für ein Demotape. Hui, hab ich gedacht, da kann ich ja entspannt meine Füße in der Fußbadschale parken und den Trockenhaubentimer auf eine halbe Stunde stellen. Pustekuchen. Noch bevor die Mauken eingeweicht und die Dauerwelle extra starken Halt erhält, kommen die 4 Hannoveraner (vielleicht ist auch ein Göttinger dabei) zum Ende. Kaum ein Song, der die 1-Minuten-Marke knackt, was leider ein wenig auf Kosten der Texte geht, die nämlich auch trotz ihrer Kürze durchaus Witz und Verstand vermitteln. So heisst es beispielsweise in Kreislauf: „bedürfnisse verkrüppelt und abgespalten, den einen wahnsinn exorziert und in den nächsten integriert“ Fertig. Damit ist alles gesagt. Eine bodenlose Frechheit ist es natürlich dann im selbst betitelten Song „Schwache Nerven“ den Slogan einer ziemlich angesagten Deutschpunkband zu klauen. „Viel besser als deine Band“ sind immer noch Panzerband ihr Lümmel. Ich habe übrigens keine Schwachen Nerven. Eher das Gegenteil. Nerven aus Stahl… und irgendwie musste ich gerade an diesen Song denken, der sich auf einer meiner ersten Punk-CDs befand: https://www.youtube.com/watch?v=YbvNAIq0_L8 aber lieber zurück zu der Band, um die es in dieser Rezension gehen soll. Schwache Nerven packen viel Alltagsfrust, Monotonie, Routine und den ständigen Kampf gegen Repressalien in ihre Texte und vermitteln dabei stets Kampf und den Blick nach Vorne, statt Aufgabe und Resignation. Mit dem letzten Song haben sie sogar ihren anspruchsvollen Reader vertont. Es kursieren da in Veranstalterkreisen ja diverse Mythen um z.B. das Backstage-Catering, wo alle braunen M&Ms aus der Schale sortiert werden müssen, ein besonders exquisiter spanischer Rotwein zum 3-Gange-Menue gereicht werden soll, den es nur bei Jacques Wein Depot zu kaufen gibt und was weiss ich nich noch alles. Da sind Schwache Nerven noch vergleichsweise harmlos, wie sie im Song P+C klar definieren: „pizza und cola das ist alles was wir wollen, acht cafe acht bier“. Also leih den Jungs mal dein Ohr und lad sie in dein Stübchen ein. In der Kürze liegt die Würze, wie schon ein gewisser Hamlet wusste. Gutes Debut, ich hoffe die Platte kommt bald…

DEUTSCHLAND, DU MIESES STÜCK SCHEISSE – 7“

Über dieses Fanzine habe ich schon einen Haufen toller Menschen kennen gelernt. In jüngster Vergangenheit gehört da ein gewisser Zippi aus Leipzig dazu, den ich auf einem Konzert in Braunschweig getroffen habe und seitdem kreuzten sich unsere Wege des öfteren, wir haben gerade sogar ganz altmodischen Briefkontakt. Außerdem spielt er in einer geilen Band, von der ich sowieso jedes Release gnadenlos abfeiere. Zusammen mit Mario und Bennewitz macht er nämlich unter dem Namen FCKR einen minimalistischen Deutschpunk, der gerade voll den Nerv der Zeit getroffen hat und an allen Ecken und Enden mit Lobeshymnen überschüttet wird. Die anderen beiden Jungs darf ich seit meiner Zeit in Eisenach zu meinem Bekanntenkreis zählen… auch durch dieses Heft. Bennewitz spielte bei den SPASTIX, einer Hardcore-Punk-Band, der ich immer noch nachtrauere. Auf dieser kleinen Scheibe interpretieren 4 Bands den selben Text (der kommt im Original wohl von DxBxSx) auf ihre eigene Art und Weise. Anfangs habe ich nur die Seite gehört, auf der FCKR vertreten sind und zwangsläufig das Stück von DYSE in Kauf genommen, das direkt danach kommt, weil ich nicht nach 2 Minuten wieder zum Plattenspieler rennen wollte um die Nadel auf Anfang zu setzen. Manchmal haben ja auch Download-Codes durchaus ihre Berechtigung, vor allem bei 2 Liedern pro Vinylseite, die trotz des selben Textes soviel Abwechslung aufbieten, dass sie mehr als einmal gehört werden wollen. Und damit das Plattendrehen nicht zum Sport ausartet, läuft „Deutschland, du mieses Stück Scheisse“ jetzt in Endlosschleife durch meinen MP3-Player. Nun wollte ich also gestern abend ein paar Zeilen über diese Veröffentlichung schreiben, hab mich dann aber im Internet verloren und zuviel anderen Kram gedängelt, so dass die 4 Lieder gut und gerne 3 Stunden am Stück liefen und sich der Text geradezu in mein Gehirn gebrannt hat. Das ist Indoktrination Baby. Das Original von DxBxSx ist dann tatsächlich der schwächste Song, wobei für sich genommen immer noch ein gutes Lied, die Interpretationen von FCKR (natürlich am Geilsten), DYSE und EGOTRONIC laufen mir da deutlich besser rein. Das ist Jammern auf hohem Niveau und außerdem kann ich den Text jetzt im Schlaf aufsagen. Generell finde ich die Idee voll super, ein und denselben Text von befreundeten Bands auf ihre typische Art interpretieren zu lassen, so dass am Ende vier völlig unterschiedliche Lieder ins Vinyl geritzt wurden. Ein paar Worte noch zur Aufmachung. Die ist unter aller Kanone. Hässliches Artwork, komische Pixelgrafik als Cover, kaum Informationen zu den Bands, kein beiliegender Aufkleber, noch nicht mal farbiges Vinyl. Aber da hinter dieser Veröffentlichung das Berliner Label mit dem selten dämlichen Namen Bakraufafirlefanz steckt, bei dem unter anderem ein führendes Mitglied der Förma Bierschinken seine Finger mit im Spiel hat, war dieses grafische Verbrechen zumindest abzusehen. Allein wegen FCKR aber schon eine lohnende Anschaffung.

2ND CLASS SUBSITUTES – Among Apes 10“

Ende der 90er gründete sich in Dortmund ein neues Label mit dem klangvollen Namen: I Used To Fuck People Like You In Prison. In den ersten Jahren verfolgte ich den Werdegang sehr genau, erwarb jede Veröffentlichung, die vornehmlich auf dem handlichsten und schönsten Vinylformat, der 10“, erschien. Platten von Bands, wie den Daybreak Boys oder Generators habe ich immer noch im Regal stehen und die kamen mir beim ersten Song der 4 Wiener Buben von 2ND CLASS SUBSTITUTES direkt in den Sinn. Diese Scheibe hätte auch vor knapp 20 Jahren auf dem Dortmunder Label erscheinen können. Dreckiger, rauer Punkrock, der nicht ganz so sehr nach Whiskey trieft, dafür aber viele schöne Melodien bietet und die Background-Chöre nicht inflationär, sondern ausgewählt und im richtigen Maß einsetzt. Und diese Symbiose ist ihnen ganz wunderbar gelungen. Ich habe in den letzten Tagen viel alte Fat Wreck Sampler im Auto gehört und auch dorthin würden die Österreicher perfekt passen. Das Ugly Punk Zine nannte als Referenzen Millencolin und die Bombshell Rocks und irgendwo dazwischen würde ich die Band auch einordnen. Diese Scheibe ist wie eine kleine Zeitreise gut und gerne 15 Jahre zurück. Ich hörte viel Punkrock aus Schweden, neben eben erwähnten gehörten auch Voice Of A Generation zu Dauergästen auf dem Plattenteller, an dessen Hitdichte die SUBSTITUTES aber nicht ganz heranreichen. Dennoch habe ich hier fünf Songs, die echt gut ins Ohr gehen und auch das Zeug haben, dort eine längere Zeit zu verweilen. In den Texten geben sie sich eher persönlich, aber auch kämpferisch… „Wake me up – chase my apathy“ oder „Constant struggle as a way of life, trying to cut without a knife“, wobei ich mit meinem Schulenglisch auch oft an meine Grenzen stoße. Für mich ist der Opener „Beneath The Silence“ der stärkste Song der Scheibe und ich bin ein wenig überrascht, wie gut mir die Among Apes gefällt, da diese Art Musik schon länger nicht mehr in mein Beuteschema passt. Die Jungs kommen durchweg sympathisch rüber (der Platte lag ein nettes persönliches Anschreiben bei und auch das erste Album auf CD, das ebenso überzeugen kann), ich stehe auf dieses Vinylformat und werde das schwarze Gold sicherlich noch öfter aus der Schutzhülle befreien. Jetzt schwelge ich aber erst mal in Erinnerungen und lege ein paar alte Platten auf… People Like You hat früher echt ein paar geile Sachen veröffentlicht…

TOILETTEN – Die braune LP

Turbostaat haben kürzlich ein Konzeptalbum veröffentlicht, das von der Flucht zu einem imaginären Sehnsuchtsort Abalonia erzählt. Auch Udo Lindenberg, Judas Priest oder Pink Floyd haben unter ihren unzähligen Releases schon Konzeptalben heraus gebracht. Und in diese illustre Runde dürfen sich nun auch die Toiletten aus Darmstadt einreihen und dreimal darfst du raten, worum es bei „Die braune LP“ geht… na? Toiletten, D-A-R-Mstadt, braune LP? Um Kacke natürlich. Eigentlich eine Frechheit verdiente Künstler, wie oben genannte, in einer Besprechung dieser dreckigen Oi-Kapelle zu erwähnen, obwohl ich schon gestehen muss, dass dieses Konzept mit Bandname, Herkunft und Albumtitel von einem gewissen Humor zeugt. Das ist dann aber neben dem AA-braunen Vinyl und der strikt antifaschistischen Gesinnung auch das einzig Positive, was ich über diese Veröffentlichung schreiben kann. Auf die Ohren gibt es klassischen Oi!-Sound mit deutschen Texten, der mich stimmlich ein wenig an die Becks Pistols erinnert, wobei die wenigstens einen annehmbaren Biergeschmack hatten. Die Toiletten haben nämlich anstelle abgedruckter Liedtexte eine etwas längere Danksagung, in der es u.a. heisst: „Danke an Oettinger Bier – aus unserer Liebe zu eurem Bier haben wir die Kraft geschöpft, um unseren Traum von dieser Platte zu verwirklichen“. Somit wäre zumindest eine Erklärung für die infantilen Texte über AA, Stuhl, Kacke, Wurst, Kot und Kotsorten gefunden. Schuld ist diese eklige Plörre aus der schwäbischen Kleinstadt Oetting in Bayern. Während die LP eine zweite Runde auf meinem Plattenteller dreht, frage ich mich gerade, wer sich das ernsthaft anhören kann? Pubertierende Spätzünder, die bei jeglicher Erwähnung menschlicher Ausscheidungen anfangen hemmungslos zu kichern oder Ü40-Blödmannsgehilfen, die ihr Leben nach Eisenpimmel und Kassierer Texten ausrichten? Nüchtern ist das erst recht nicht auszuhalten… „Flitzekacke, Flitzekacke, Oi!, Oi!, Oi!, Sprühstuhl, Sprühstuhl – alles ist versaut…“ Ich denke nicht, das ich in absehbarer Zukunft einen Anlass finden werde, um diese Scheibe nochmal aufzulegen. Da gefallen mir die Toylettes oder Tatort Toilet deutlich besser und wenn es unbedingt Oi! sein muss, greife ich zu Oi! Of The Tiger oder Oi!tercreme. Und wenn es dann auch noch ein Song über AA sein muss, leg ich „Klopapier“ von K.I.Z. auf. Toi Toi that‘s yer lot, ich trink jetzt ein lauwarmes Oettinger Export auf Ex und verzieh mich auf die Schüssel.

OH JESSES! – Was ist das denn? Demo-CD

Germersheim. Hochburg des Punk in Rheinland-Pfalz. Von den 20.000 Einwohnern sind mindestens drei Punks. Germersheim, einer von neun deutschen Produktionsstandorten des größten deutschen Behälterglasproduzenten Ardagh Glass Germany GmbH. Germersheim die Stadt über die sogar die Deutschpunk-Legende Razzia einen Song geschrieben hat… Schatten über Germersheim. Germersheim, Herkunft einer Punkrock-Kombo, die zuerst unter dem Namen „Is Nich“ für Furore sorgte, ehe sie sich in „Nix Is!“ umbenannten und schließ- und schlußendlich unter dem Namen „Oh Jesses!“ ihrer Heimatstadt zu Weltruhm verhelfen werden. Nach einem guten Jahr Bandbestehen und 4 Konzerten in 4 Bundesländern kommt nun mit dieser Demo-CD ein erstes musikalisches Ausrufezeichen aus der Pfälzischen Provinz. 5 mal Deutschpunk (inkl. Schleim-Keim Cover), der rumpelt und pumpelt und natürlich haben die Drei keinerlei Ambitionen und scheissen einen Dicken Haufen in den Fronte Lamotte. Scheiss auf Germersheim. Oh Jesses! (Bedeutung: soviel wie „Oh Jesus“ oder „Oh mein Gott“ wenn man etwas unglaublich schreckliches oder schräges hört oder sieht) sind vielleicht am ehesten mit den Pestpocken oder Auweia! bei ihren ersten Gehversuchen zu vergleichen. Musikalisch limitierter Uffta-Uffta Sound mit zum Teil einfach gestrickten Texten „Du hasst Tiere, Du hasst Träume, Du hasst Menschen, Du hasst Bäume, Du hasst Drogen, Du hasst Mich, Du hasst Liebe, Du hasst Dich…“ Absolut erdiger und ehrlicher Deutschpunk und wenn ihr mehr Songs im Stile von „Alte Geister“ fabriziert, werdet ihr bestimmt so reich und berühmt wie die Pestpocken oder Auweia!. Etwas unglaublich schreckliches oder schräges habe ich hier nämlich nicht gehört. Außerdem ist euer Schlagzeuger ein total knuffiger. Normalerweise sind Schlagzeuger ja der Enddarm einer Band, zumeist unansehlich, die stille und unbeachtete Rhythmusfraktion, die nicht grundlos immer ganz hinten im Schummerlicht sitzen muss. Aber Fienchen ist ein Klassetyp, den hab ich voll gern und ihm und der Band wünsche ich noch viele weitere Konzerte, getränkt mit Weinschorle und jeder Menge Spaß. Wenn du Bock auf unkomplizierte Typen hast und mit rumpeligem Deutschpunk etwas anfangen kannst, lass ihnen mal einen Like auf Facebook da und lade die Drei ruhig mal in dein Städtchen ein.

THE FLEXFITS – Nebel / Leben CD

Flexfit-Caps. Ihr Design ist Legende und durch den dehnbaren Gummizug zeichnen sich Flexfit-Caps durch eine einmalige Passform aus, sodass du deine Kappe den ganzen Tag bequem auf dem Kopf behalten kannst. Ich mag Kappen und trage selber seit der Geburt eine bequeme Kopfbedeckung. Und ich mag auch The Flexfits aus Rostock. Die Band hat mich mit ihrem ersten Album „Abschied von der Illusion“ von 2015 eher gelangweilt, dementsprechend gering war meine Erwartungshaltung ihrem zweiten Output gegenüber. Doch Nebel / Leben besticht durch Eingängigkeit, kluges und innovatives Songwriting und gute und durchdachte Texte. Größtenteils geben sich die Drei Jungs sehr persönlich, es geht um Liebe und den ständigen Kampf, den das Leben einem abverlangt. Dabei verlieren sie sich aber nicht in Resignation und Pessimismus, sondern stellen die schönen Momente, die guten Eindrücke und das Miteinander in den Vordergrund. Auf der anderen Seite können sie aber auch kämpferische Texte schreiben, gegen Wutbürger und die deutsche Willkommenskultur, gegen den Chef, bei dem sie sich niemals anbiedern werden oder gegen bürgerliche Zwänge, von denen du dich immer wieder aufs Neue frei machen musst. Musikalisch untermalt wird das Ganze dann mit flottem Punkrock, der seine Schnittmenge irgendwo zwischen ganz alten Toten Hosen, But Alive, Zoi!s und Feine Sahne Fischfilet hat. Intelligenter deutschprachiger Punkrock muss nicht immer wie eine Kopie von Turbostaat, Pascow oder dem ganzen Hamburger Schule Rotz klingen. The Flexfits sind frisch, haben was in der Birne und beherrschen ihre Instrumente, so dass die zehn neuen Songs nur so vor Spielfreude und Abwechslung strotzen. Sie haben es geschafft ein homogenes Album zu veröffentlichen, dass sich von vorne bis hinten sehr gut durchhören lässt. Wenn du dich darüber hinaus noch ein bisschen mit den Texten beschäftigst und das Album ein zweites und drittes Mal auf dich wirken lässt, bleibt dabei auch echt was hängen. „Diese Tage“, „Barrikaden“ oder „Wir heissen Willkommen“ sind für mich die Stärksten unter zehn echt starken Songs. „Am Ende steh ich am Abgrund und genieße ruhig die Aussicht. Ob die Klippe unter mir standhält, hey ich weiß es letztlich auch nicht…“ Nebel / Leben ist ein tolles Album geworden und ich ziehe meine bequeme Kopfbedeckung vor The Flexfits.

ARRESTED DENIAL – Frei.Tal CD

Ich kann gar nicht zählen, wie oft dieses Album in letzter Zeit aus den Boxen geknallt hat. Ob unter der Dusche, beim Abwaschen, Autofahren, auf dem MP3-Player in der U-Bahn oder im Wartezimmer vom Chiropraktiker. Und trotzdem kann ich mich nicht dazu durchringen dieses Album abzufeiern. Auf der einen Seite melodiös mit catchy Refrains, klugen Texten und durchaus Ohrwurmcharakter, auf der anderen Seite nervt mich der Gesang an manchen Stellen ziemlich penetrant, vor allem wenn die letzten Silben einer Zeile so in die Länge gezogen we-he-her-den. Da würde ich mir an manchen Stellen etwas mehr Aggressivität und weniger Oh-oh-oh Melodien wünschen. Die vier Jungs kommen aus Hamburg, haben sich 2009 gegründet und vor kurzem sogar einige Shows in China gespielt. Musikalisch erinnert mich das ein wenig an Rasta Knast und eine Melange aus Oi! und Streetpunk amerikanischer Prägung mit durchweg deutschen Texten. Arrested Denial ist mit ihrem zweiten Longplayer ein durchaus homogenes Album geglückt, das sich sehr gut von vorne bis hinten durchhören lässt. Dabei fallen sogar Schunkelnummern wie „Nationalisten aller Länder“ nicht aus der Rolle und fügen sich überraschenderweise sehr gut ins Gesamtbild. Die Texte sind gesellschaftskritisch und mit Titeln wie „Alles bleibt gleich“, „Stillstand“ oder „Zurück auf Start“ eher pessimistischer Natur. Ein Album auf durchweg hohem Niveau, bei dem mir aber die Ausreisser nach Oben fehlen, denn einen wirklichen Hit habe ich auch nach zig Umläufen nicht ausfindig machen können. Solide Kost. Es muss ja auch nicht immer das 5 Sterne Menü sein.

LAMPLIGHTERS – Views CD

Eine Prise Folk-Punk, der ein bisschen an die Dropkick Murphys erinnert, etwas Post-Punk und viel Punkrock amerikanischer Prägung, wie er in den 90ern von Fat Wreck veröffentlicht wurde, dazu ein guter Schuss Ramones, darüber eine Jeansjacke mit Turbojugend Backpatch und fertig ist die Mischpoke aus Köthen, die sich Lamplighters nennt. Seichtes Hintergrund-Gedudel, dass auch problemlos im Rock-Radio laufen könnte und seinen Platz in den unteren Regionen der Indiecharts findet. Das läuft unter der Woche im Irish Pub, wenn du dir mit ein paar Freunden ein paar Guiness gönnst. Der raue Gesang ist markant, reicht aber kaum für einen bleibenden Eindruck. Das rauscht in gemäßigtem Tempo an mir vorbei und einzig der Kater nach dem Rausch ist „Extra Stout“. Ein Textblatt liegt leider nicht bei, weswegen ich an dieser Stelle mal die mitgeschickte Packungsbeilage zitieren möchte: „In den Texten des Albums verarbeite die beiden Sänger/Songschreiber ihre Erlebnisse, Gefühle, Ängste, Träume & Sehnsüchte. Die Songs erzählen von Hass, Freundschaft, den Ramones, Verzweiflung, der alten & grausamen Welt, Glaube, Liebe und Hoffnung. Alles Themen die den modernen Punkrocker von Welt zwischen 20 und 40 Jahren anspricht.“ Da muss ich bei Songtiteln wie „Here & There“, „Gettin High“, „Out Of Control“ oder „I Don‘t Like You“ wohl ganz froh sein, die Träume und Sehnsüchte der beiden Songschreiber nicht noch intensiver und zum Nachlesen vorgesetzt zu bekommen. Und als moderner Punkrocker von Welt, der mit 37 Jahren so gerade noch in die Zielgruppe passt, frage ich mich 2017 mehr denn je, wie eine Band die Ramones so unreflektiert abfeiern kann. Was da einige Bandmitglieder so für Scheisse am Laufen hatten, kannst du dein Internet mal fragen und generell stinkt diese Heldenverehrung von Bands vergangener Tage zum Himmel. „Ey du Lappen bist du hohl, Punkrock kennt kein Idol!“ (als moderner Punkrocker von Welt darf ich mich auch selbst zitieren). Bleibt unterm Strich ein gefälliges Album, das nicht weh tut, das nicht stört, das nicht weiter auffällt. Für mich ein Paradebeispiel der ewigen Vorband, die ausser dem eigenen Freundes- und engeren Bekanntenkreises Niemandem im Gedächtnis bleiben wird. Ja das ist schon eine alte und grausame Welt und glücklicherweise bin ich bald Ü40 und kann meine Zeit sinnvoller nutzen als mit „Views“. „I Don‘t Like You“r „Electrical Amplified Beatmusic“.

E-ALDI / CxTxD – Split Tape

Seit einiger Zeit interessiere ich mich verstärkt für Elektro-Punk. Ich glaube, schuld daran trägt mein ehemaliger Mitbewohner Nils, der mir mit seinen Techno-Raves regelmäßig auf der Decke rumgehüpft ist und in meinem Zimmer Einhörner versteckt hat, wenn ich nicht zuhause war. Ecstasy, Legal Highs und Audiolith zum anfixen, ehe dann mit E123, Aika Akakomowitsch und HC Baxxter der ganz krasse Stoff her musste. Wir tanzten den Punkertechno beim Kochen für das Wohnprojekt bis die Lunge abbrennt und kippten den Mitbewohnern Unmengen an Natriumglutamat ins Essen, um unsere Sterne-Kochkünste zu kaschieren. Selbst bei meinem zweiten Tape-Sampler zum Thema Elektro-Punk konnte ich mich nicht durchringen, einen Song von E-ALDI dazu zu packen. Das, was der selbsternannte Elektrogott da nämlich fabriziert, ist infantiler und unhörbarer Krach. Eine Beleidigung für das Wort Musik. Eine Frechheit das Selbstbewusstsein zu besitzen, diesen Mist dann auch noch auf Magnetband zu bannen und weiter zu verbreiten. Stell dir einen hässlichen kleinen Jungen vor, der dir auf seinem Tierstimmenpiano erzählt, was er vom kleinen Vampir, der Biene Maja oder Flitzerblitzern hält. Das ist nicht süß. Das ist kein Trash. Das ist einfach nicht auszuhalten. Das ist ein Haufen Scheisse mit Irokesenschnitt. Das ist wie mit dem selbsternannten König von Mallorca, beides wahrscheinlich ganz nette Typen, wobei der Maik aus Kirchlengern im Oberbayern sicherlich für Furore sorgen würde. Gleich nach Jens Büchner kommt E-ALDI mit seinem Hit: „Mein linkes Ei“ – „Mein linkes Ei wär gern frei doch mir ist das zu unbequem. Mein linkes Ei wär gern frei darum wird ich es zurück in die Unterhose ziehen…“ Und alle so: „Gröhl, gröhl, yeah, UNTERHOSE, UNTERHOSE, gröhl.“ Ein bisschen wie Hgich.T, nur noch schlimmer. Hätte mir Nils sowas damals als Elektro-Punk verkauft, hätte ich ihm anstandslos die Brille von der Nase gehauen. Die andere Seite der Kassette bietet dann 51 Lieder in 20 Minuten, die sich so anhören, als würde ich zwischen einem Bauarbeiter mit Presslufthammer und einem Holzfäller mit Motorsäge stehen. Grindcore von CxTxD (Consumed To Death). Wer kann sich das ernsthaft anhören? Das ist Körperverletzung aus den Boxen. Ich werde diese Kassette niemals wieder in die Nähe eines Kassettenabspielgerätes bringen.

POPPERKLOPPER – Wolle was komme CD

Kennste Deutschpunk, kennste auch Popperklopper. Songs wie Weltkrieg III, Konform, Leben im KZ oder Elendszug gehören mit zu dem Besten, was Deutschpunk in den 90ern zu bieten hatte. Die drei Jungs aus der Eifel haben sich weiter entwickelt. Sie haben an ihrem Sound gefeilt, viel alten Punk aus England und Rock‘n‘Roll gehört und diese Stile auch in ihre späteren Songs einfliessen lassen. Immer mehr Texte auf Englisch, die Band wirkt im Gesamten irgendwie „internationaler“ und nicht auf die Schublade Deutschpunk limitiert. Deswegen habe ich sie die letzten 10 Jahre auch aus den Augen verloren, mit so Experimenten brauchste nem eingefleischten Deutschpunk-Puristen nicht kommen. Seit der letzte Scheibe „Wenn der Wind sich dreht“ und dem Wechsel zum Nürnberger Label Aggressive Punk Produktionen haben sie meine Kurve aber wieder gekriegt und konnten sie mich mit dem 2013er Album noch nicht so wirklich hinterm Ofen herlocken, tanze ich jetzt zu „Wolle was komme“ Pogo auf der Fußbodenheizung. Die vierzehn neuen Songs sind nicht durch die Bank weg wundervolle Hits mit Ohrwurmcharakter, die ich mir in Endlosschleife auf den Mp3-Player packe. Das mittlerweile achte Studioalbum hat aber erstaunlich wenig Ausfälle in petto. Insbesondere mit den englischen Songs tue ich mich immer noch schwer, aber davon finden sich zu meinem Glück auch nur noch Vier auf dem Album und Carstens Fremdsprachenkenntnisse sind seit „The Great Egalitarian“ auch stark verbessert. „I am many years old, about me there were many stories told“. Gealtert sind sie, irgendwie resigniert wirken sie, in ihren Aussagen nicht mehr ganz so direkt, etwas allgemeiner gehalten, aber er ist noch da. Der Deutschpunk. Der Spirit, die Stimmung, die sie mit der „Kalashnikov Blues“ erzeugen konnten. Etwas versierter vorgetragen, ein paar mehr Chöre im Hintergrund, aber immer noch unverkennbar Popperklopper. Songs wie „Herzlich Willkommen“, „Wem gehört die Stadt“ oder „Gib mir mehr“ gehören definitiv jetzt schon auf mein Best Of Tape. Und selbst das etwas merkwürdig anmutende „Alcoholidays“, bei dem auch Diggen von Slime mitsingt, das am Ende mit einem astreinen Mallorca-Beat aufwartet und auch im Oberbayern laufen könnte, setzt sich in den Gehörgängen fest und kann live bestimmt ein Knaller werden. Abschließend kann ich sagen, dass mich dieses Album sehr positiv überrascht hat, ich es in letzter Zeit gerne und oft höre und ich mich aktuell wieder durch die komplette Diskographie höre. Popperklopper 2017 sind Deutschpunk. Nicht aus dem zehn Quadratmeter großen, schimmligen Proberaum im AZ Keller, den haben die Drei hinter sich. Aber eben auch nicht aus dem Backstagebereich von Alex Schweers oder auf Nikolaus-Raus Welttourneen. Irgendwas dazwischen. Ehrlich, erdig und immer noch wütend. Komme was wolle, ich werde mir „Wolle was komme“ auch noch als LP besorgen.

KALTFRONT – Wenn es dunkel wird CD

Wenn du an Punk aus der ehemaligen DDR denkst, fallen dir sicherlich als Erstes Schleim-Keim, L‘Attentat oder Die Skeptiker ein. Ungestümer, roher und wilder Deutschpunk, wie er in den 80ern auch im Westen von vielen Bands zelebriert wurde. Kaltfront wurden 1986 in Dresden gegründet und haben sich damals immer schon ein bisschen anders angehört. Die Geschwindigkeit etwas gedrosselt, die Texte durchdacht und gehaltvoll, fernab gängigem Parolengedresche und Plattitüden. Und immer schon etwas düster, dunkel und bedrohlich. Direkt nach der Wende war dann erst mal Pause bis 2011 ein nächstes Album erschien. Sechs Jahre später kommt mit „Wenn es dunkel wird“ ein neuer Longplayer, der wieder via Rundling veröffentlicht wurde. Unter den 13 Songs befinden sich auch einige ältere Stücke, die aber neu arrangiert und aufgenommen wurden, so dass sie sich nahtlos in die gesamte Tracklist einfügen. Das erste Mal stieß ich auf diese Band beim Zusammenstellen des „Bundeswehr wegtreten“ Tapesamplers, auf dem sie mit dem Song „Kriegslied“ vertreten sind. Der Text stammt von Erich Mühsam, der ja auch schon für ein komplettes Slime-Album die Lyrics geschrieben hat. Draussen sind es knapp 40 Grad, ich sitze nur in Badehose vorm Rechner und warte darauf, dass Caro von der Arbeit kommt, damit wir endlich mit unserem Gummiboot über den Badesee paddeln können und es fällt mir ziemlich schwer, dieses Album nach ein paar Songs nicht wieder auszumachen. Denn auch wenn es zuweilen heisst: „This is a happy generation“ oder „Alles hier ist so schön bunt“ erwartet dich mit dem neuen Kaltfront-Album alles andere als Gute-Laune-Punkrock mit positive vibrations. Vielmehr regiert die Dunkelheit, der Trübsal, das alles verschlingende Grau mit Textzeilen wie: „Wir leben in der Eiszeit, wenn es dunkel wird, ich habe genug, Schreie in der Dunkelheit, mir ist kalt, die Uhr tickt in der Dunkelheit…“ Dystopie in Rein- und Reimform. „Wenn es dunkel wird“ ist eben kein Album für mal Zwischendurch, was belanglos im Hintergrund dudelt, es will intensiv und aufmerksam gehört werden und dafür braucht es schon den richtigen Moment. Ein bisschen hat dieses Album was von ChaosZ oder den Fliehenden Stürmen, auch EA80 dürfen als Referenz herhalten, alles Bands, mit denen ich nie so recht warm geworden bin, weil ich mich auch nie intensiv mit ihnen beschäftigt habe. Kaltfront habe ich in den letzten Tagen sehr oft gehört, auch die alten Sachen nochmal hervorgekramt und so ein kleines bisschen haben sie mich angefixt. Sehr oft werde ich diese Scheibe wahrscheinlich nicht mehr auflegen, aber im Regal verstauben wird sie definitiv nicht. Live werden die Jungs wohl auch vermehrt wieder auf den Bühnenbrettern zu sehen sein und sollte sich die Gelegenheit ergeben, werde ich mir das sicherlich mal anschauen. „Ich suche deine Augen, ich suche deinen Mund. Es ist kein menschliches Gesicht. Eine Maske aus bemalter Haut, im kalten Neonlicht.“

BOMB OUT – s/t CD

Harter Stoff aus Berlin, serviert von 4 Jungs, die gerne Hardcore aus New York hören. 5 neue Songs hat die Band, die seit 2013 existiert, in Eigenregie auf einen Silberling gepackt, die dir ordentlich die Gehörgänge durchpusten. In hellen Momenten fühle ich mich an Loxiran erinnert, aber auch Empowerment dürfen mal um die Ecke gucken. Diese Vergleiche sind insbesondere dem deutschen Gesang geschuldet, der dem musikalischen Brei doch so etwas wie eine eigene Note verleiht. Ansonsten habe ich an manchen Stellen das Gefühl, das Gesang und Musik überhaupt nicht zusammen passen wollen. Disharmonisch und strukturlos wirkt diese Scheibe. Als würden hier vier Einzelpersonen jeweils ihr Ding durch ziehen und nicht zusammen als Band musizieren. Der letzte Song hebt sich ein bisschen von den Anderen ab, erinnert mich etwas an Moscow Death Brigade, kann das Ruder aber auch nicht mehr rumreissen. Denn sowohl musikalisch als wie wo auch textlich ist das hier ein Griff ins Klo. „…den König häng, wenn nicht mit Hardcore, dann mit was Anderm, herzlich Willkommen in meiner Welt, das ist die Absage an alles und jeden…“ oder „…ich gehe ein, es macht mich krank, das Drama fickt den Kopf, geh fick dich selbst, aber nicht mit mir…“ Das sind nun wahrlich keine lyrischen Glanzleistungen, die mit einem besseren Timing dann aber wieder ganz gut zur stumpfen Musik passen würden. Keine Tophits, kein Geschmack, selbst die Verpackung sieht aus als hätte sie ein zehnjähriges Kind vor zehn Jahren mit Paint verbrochen. Das ist mir zu viel dicke Hose, das mieft nach Testosteron, das würde gern ins Vorprogramm von Agnostic Front, Madball oder Terror, ich kann das nicht ertragen und möchte diese Rezension mit einem letzten Zitat einer Textpassage beenden „Ich verpiss mich diesmal für immer, scheiss die Wand an“.

WAR WITH THE NEWTS – Dead Eyes Demo CD

Grunge also… verrät zumindest der Beipackzettel. Sind Nirvana und Soundgarden nicht Grunge? Kurt ist tot und mit ihm Grunge. Ich fand diese Schublade schon in den Neunzigern total nichtssagend und überflüssig, doch glücklicherweise haben die drei Wahlberliner (Alexandre, Juan und Kostia kommen ursprünglich aus Frankreich, Spanien und der Ukraine) nichts mit Nevermind oder Black Hole Sun gemein, sondern servieren mir eine ungestüme Mixtur aus melodischem Hardcore und rotzigem Punk. Das wirkt zuweilen etwas holprig, unausgegoren und etwas zu wild zusammengewürfelt. Die Band gibt es auch erst seit November 2016 und das merke ich den vier Songs an, dass sie nicht lange gereift sind… da fehlt es an Finetuning, was ziemlich schade ist, da sie durchaus Potential bergen. Gerade der kehlige Gesang gefällt mir recht gut. Als Referenzen werden Kapellen wie The Bronx oder The Rattlesnakes genannt, von denen mir noch nicht ein einziges Lied zu Ohren gekommen ist. Die Songtitel lassen vermuten, dass es in den vier Liedern über eine ausgestorbene Hai-Art, einen Schnurrbart aus Arschhaaren, Kastraten und Römersalat mit Parmesan gehen könnte, Texte liegen leider nicht bei und sind auch im Internet nicht einsehbar. Finde ich immer schade und unverständlich, wie sich eine Band von vornherein nur aufs musikalische beschränkt, aber wer seine Kapelle „Krieg mit den Salamandern“ nennt, hat vielleicht auch nicht so viel zu sagen…

ONE STEP AHEAD – Hinter Fassaden LP

Ich bin bekennender Vinyl-Fetischist. Gegenüber digitalen Downloads bietet eine LP einen enormen Mehrwert. Die zum Duett geschrumpften One Step Ahead aus der sächsischen Provinz liefern hierfür einen mehr als ansehbaren Beleg. Im hübschen Artwork verpackt, befindet sich neben der Vinylscheibe nämlich auch noch ein echt schön aufgemachtes und ausführliches Booklet, in dem du alle Texte nachlesen kannst und dazu auch noch Linernotes findest. Gunnar und Robert geben sich kämpferisch und wollen den vorherrschenden Verhältnissen nicht nur musikalisch den gestreckten Mittelfinger in die Visage halten. Dabei bieten sie thematisch aber nicht nur die tausendste Wiederholung gängiger Antifa-Parolen, sondern blicken mit Songs wie „Projektion“ oder „Importprodukt“ auch mal ein gutes Stück über den eigenen Tellerrand. Da geht es zum einen um Rassenkonflikte in Afrika oder die thematische Aufarbeitung der Sylvesterkrawalle am Kölner Hauptbahnhof. Das gefällt mir ganz gut, weil sie zudem auch nicht vergessen, vor der eigenen Haustüre zu kehren. Mit „Straight White Male“ oder „No Crew, No Gang, Just Friends“ setzen sie sich kritisch mit der eigenen Szene auseinander und nehmen dabei kein Blatt vor den Mund. Musikalisch und von der Attitüde fühle ich mich angenehm an die Band „Guerilla“ erinnert, manche Songs klingen original wie von einem Schlachtrufe BRD Sampler Mitte der Neunziger. Das ist verdammt abwechslungsreich, das knallt und lädt dazu ein, sich intensiver damit zu beschäftigen. Starkes Debut.

URINPROBE – Ödlandziegen 7“

Da ich im Vorfeld darauf vorbereitet wurde und extra den ganzen Morgen nicht auf der Toilette gewesen war, hatte ich keinerlei Probleme mit meinem Pullermann die blassgelben Pisse im Plastikbecher zu platzieren, der allerdings nur den Inhalt einer Capri Sonne fasste. So hatte ich nach wenigen Sekunden doch etwas Mühe den Harndrang zu stoppen und schaffte es nur wenige Tropfen auf den schönen Fliesenboden des Kreiswehrersatzamtes zu tropfen. Nach erfolgreich absolvierten EKG (Eier-Kontroll-Griff) durfte ich nach Hause und Zivildienst leisten. Meine Pipi hatten sie da behalten. Bei der Musterung habe ich das erste und bis jetzt einzige Mal eine Urinprobe abgeben müssen. Ich habe schon mal in einen Briefkasten gestrullert, aber selber hatte ich noch keine Urinprobe in der Post. Bis vor ein paar Tagen ein Päckchen von Höhnie von der Kuhtränke mit Urinprobe zwischen dem ADAC Motormagazin steckte. So nennt sich nämlich auch eine Deutschpunkband aus Vechta. Klingt wie aus dem tiefsten Osten, liegt aber zwischen Oldenburg und Osnabrück. „Trinkfest und erdverwachsen, Hardcore Punks aus Niedersachsen“. Die Jungs orientieren sich klar an alten Kapellen aus den goldenen 80ern und würden sich bestimmt über einen Vergleich der Marke Schleim-Keim oder L‘Attentat freuen. Is aber nich. Das ist solide gespielter Deutschpunk mit wenig Tiefsinn in den Texten, ehrlich und direkt und ohne Ambitionen. Im Lied „Fuck Off“ wird das ganz gut beschrieben: „Du siehst mich am Bahnhof hocken. Aus dem Kasi dröhnt Pestpocken (aber nur die alten Tapes)…“ Im Vergleich zu den Giessenern fehlt es der Urinprobe aber klar an Hits. Die fünf Songs laufen hier schon eine Weile in Dauerschleife, wirklich viel hängen bleibt zwischen den Ohrmuscheln aber nicht. Gesanglich fühle ich ich an manchen Stellen an A+P erinnert. Verträgt sich gut mit den Trümmerratten, Crass Defected Character oder Hausvabot und hätte vor einigen Jahren sicher bestens ins A.M. Labelprogramm gepasst. Ich trink jetzt ne Capri Sonne und geh danach ne Stange Wasser in die Ecke stellen… nen Boilercheck machen… austreten, Lulu machen, pieseln… was zur Hölle ist eigentlich eine Ödlandziege?

NO MILK TODAY – Coturno Bastardo CD

Keine Milch heute… sangen schon Herman‘s Eremiten (hermit beetle heisst Juchtenkäfer, das aber nur am Rande) aus Papas Autoradio, wenn er mich zum Schachtraining gebracht hat. Caros Papa ist Milchbauer und trinkt nicht nur heute keine Milch, sondern niemals (aber das auch nur am Rande). Ich mag Milch. Und ich mag Punkrock. Und No Milk Today machen Punkrock. Die Truppe kommt aus Brasilien und ich musste doch ein bisschen überlegen, was ich zu diesem Land für Assoziationen habe. Aus diesem Land kam der beste Fußballer (Pele) und der Hässlichste (Ronaldo), Zuckerhut, Favelas, Karneval, der ziemlich geile Film „City Of Gods“, Hauptstadt Brasilia und Amtssprache Portugiesisch. Und Punkrock? Ratos De Porao, Colera und Agrotóxico. Das wars. Ziemlich wenig, wenn man bedenkt, dass Brasilien das fünftgrößte Land der Erde ist. Immerhin kommt jetzt mit No Milk Today eine weitere Band hinzu, die mir sicherlich im Gedächtnis bleiben werden, denn die vier Herren im besten Alter machen schon seit 1993 zusammen Musik und haben drei Tonträger veröffentlicht. Musikalisch würde ich das als typischen Streetpunk/Oi-Sound südamerikanischer Prägug beschreiben, ohne zu wissen, was überhaupt typischer südamerikanischer Streetpunk bzw. Oi-Sound überhaupt ist. In gemäßigtem Tempo bietet Coturno Bastardo zehn Songs voller Ohohos, hymnenhaften Refrains und vielen Backgroundchören. Gesungen wird in der Landessprache, Texte befinden sich im Booklet, aber da ich des Portugiesischem nicht mächtig bin, kann ich dir nicht erzählen, worum es in Songs wie „Lápide“, „Minha Cidade“ oder „Ultima Dose“ geht. Mein Internet bekommt noch nicht mal raus, wie der Albumtitel übersetzt wird. So bleibt am Ende eine nette Scheibe, die gut im Hintergrund läuft, die aber nicht allzu viel Potential besitzt einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

BOLANOW BRAWL – Total Escalation 7“

Das es nicht immer eine gute Idee ist, sich nach einer Getränkemarke zu benennen mussten schon die Becks Pistols oder die Hannen Alks schmerzlich erfahren. Die fünf Hamburger haben sich nach dem berühmten Sauerkrautsaft Bolanow benannt und schicken mit „brawl“ noch ein lautes Gezänk hinterher. Zuviel davon führt dann zwangsläufig zur totalen Eskalation im Darm. Aber Bolanow ist auch ein milder Premium-Wodka, der reinen Geschmack verspricht, am liebsten eiskalt serviert wird und für Schwangere ungeeignet ist. Dazu passen dann auch eher Begriffe wie Rauferei oder Prügelei, die im englischen ebenfalls mit „brawl“ übersetzt werden. Auf ihrem Erstling servieren die fünf trinkfesten Herren eine Mischung aus hymnischem Streetpunk mit eingestreuten Singalongs und Backgroundchören und klassischem Oi-Sound, der sich gerade textlich in den vier Songs wiederfindet. Thematisch geht’s ums Saufen, um das Sinken der Hemmschwelle beim Saufen, Schlägereien nach dem Saufen und das immer wiederkehrende Ritual am Wochenende… Saufen. „We want your girlfriends, not your boredom…“ verstehe ich in dem Zusammenhang aber nicht, was wollt ihr denn mit meiner Freundin? Saufen? Die trinkt alle paar Monate mal nen Schlückchen Tequilla oder nippt über eine Stunde an einer Flasche Becks Green Lemon. Da werdet ihr nicht viel Spaß haben. Desweiteren werden im nächsten Song „Crossed your plans“ die Erwartungshaltungen der Eltern boykottiert und das Leben als gehasster und geschasster Außenseiter hochstilisiert oder das Leben auf der dreckigen Strasse glorifiziert: „I‘m back where I came from… I‘m back where I belong…“ aus „Dirty Streets“. Self released, rotes Vinyl inklusive Downloadcode und mein Textblatt riecht nach Wodka. Für Freunde von Eight Balls oder Small Town Riot bestimmt eine lohnenswerte Alternative oder Neuentdeckung, mich hat der reine und milde OI-Punk eher eiskalt erwischt und ich werde es da mit den Schwangeren halten und mir lieber ein Glas Sauerkrautsaft hinter die Binde kippen.

GLOOMSTER – Randkultur CD

Mit Eisenach verbinden mich gemischte Gefühle, gut zwei Jahre habe ich in der thüringischen Provinz gehaust, die punkrocktechnisch kaum etwas bis nichts zu bieten hatte. Klar, die Fanatischen Frisöre kamen aus Eisenach und irgendwann anno dazumal gab es mal ein legendäres Schleim-Keim Konzert, die Spastix gründeten sich dort ehe sie ins Punker Eldorado Leipzig flüchteten und sonst? Wartburg, Drachenschlucht, Nacktbaden in Immelborn, jeden Samstag Tunertreff vorm McDonalds und viel viel schöne Natur rings herum. Und seit einiger Zeit auch Gloomster, die es geschafft haben in dem idyllischen Touristenstädtchen wieder so etwas wie eine Punkrock-“Szene“ zu etablieren, die Konzerte im Schlachthof und im benachbarten Wutha organisieren und Bands wie z.B. Abserviert den Weg geebnet haben. Mit ihrem kompromisslosen Hardcorepunk der Prägung Rawside oder Recharge in Verbindung mit einfachen, parolenhaften und an manchen Stellen recht platt wirkenden Texten liefern sie den passenden Soundtrack um Spießbürgern, Burschenschaftlern und Nazis die geballte Faust entgegen zu recken. Mittlerweile hat das Quintett (mit Tanio von den Produzenten der Froide ist seit einiger Zeit ein zweiter Sänger an Bord) vier Studioalben veröffentlicht und schon unzählige Konzerte über die hiesigen Bühnenbretter (gefühlt hauptsächlich im Osten Deutschlands) gebracht. Randkultur, das damals zweite Album, erschien 2011, seinerzeit aber nur in digitaler Form und wird nun von Riot Bike Records fünf Jahre später neu aufgelegt. Die Songs wurden neu gemixed und gemastert und Tanio unterstützt Sänger Julian beim Krakeelen. 13 Songs (inkl. Cover der Versauten Stiefkinder) gegen Nazis, Krauts und sinnbefreiten Spaß- und Saufpunk a la Eisenpimmel und Konsorten, die allesamt auch fünf Jahre nach Erstveröffentlichung noch nichts an Aktualität verloren haben. Gloomster sind mittlerweile eine feste Institution in Sachen Hardcore-Deutschpunk (hören sich hier auch noch mehr nach A.C.K mit nicht so viel Metalgewixxe an) und haben gerade politisch einen extrem hohen Stellenwert in Eisenach und Thüringen. Warum ein einst nur digital erhältlicher Tonträger jetzt auf CD veröffentlicht wird, erschließt sich mir nicht ganz, zumal auch das Drumherum kaum Mehrwert bietet. Im Booklet finden sich zwar alle Texte, aber gerade fünf Jahre danach hätten mich die ein oder anderen Linernotes oder Ergänzungen doch sehr interessiert. Wer auf rohen, ungeschliffenen Sound mit deutschen Texten und dem ein oder anderen Metaleinschlag steht, wird an Gloomster nicht vorbei kommen, wobei dieses Release in der Reihe ihrer bisherigen Veröffentlichungen für mich eher zu den schwächeren gehört.

PEPPONE – Ohne Grund LP

Wenn mich eine Platte nicht gleich nach den ersten Durchläufen mitreisst, hat sie hier einen ziemlich schweren Stand. Bei der Flut an Veröffentlichungen habe ich mir ein ziemlich striktes schwarz-weiß-denken angeeignet, entweder die Scheibe knallt und macht Bock, oder sie ist schlicht und einfach scheisse. Das sind jeweils die besten Voraussetzungen für eine zügige Rezension, entweder ich habe Bock mich mit der Band intensiver zu beschäftigen oder eben sie in der Luft zu zerreißen. Alles was dazwischen liegt ist schwierig. Ein bisschen wie beim Fußball, entweder dein Club spielt oben mit und hat Chancen auf die vorderen Plätze oder es geht gegen den Abstieg, beides bietet Spannung und ist mir tausendmal lieber als graues Mittelmaß und Tristesse. PEPPONE aus Magdeburg ist so eine Band, die irgendwie zwischen den Stühlen sitzt, nicht geil, aber auch nicht scheisse. Nicht Fisch, nicht Fleisch, aber auch nicht vegetarisch. In Zusammenhang mit dieser Band fallen Namen wie Die Strafe, EA80, Graf Zahl oder Boxhamsters. Für mich alles eher Referenzen für die unteren Tabellenregionen, aber vielleicht bin ich auch einfach zu einfach zu einfach zu einfach gestrickt für „Ohne Grund“. Ich darf hier mal den kompletten Text zum Song „Herr Ober!“ zitieren: „Wo ist die Bedienung? Wo ist die Getränkekarte? Ich weiß auch nicht worauf, worauf ich jetzt noch warte. Wer löst das Rätsel? Wer findet den Fehler? Wieso Bedienung, der Kühlschrank ist doch eh leer?!“ PEPPONE lassen mich mit diesen vielen Fragen alleine und jeder Versuch hierauf eine Antwort zu finden ist ein Versuch zu viel. Wer ist Peppone? Wo ist Don Camillo? Ich weiß auch nicht warum, warum diese Platte immer noch läuft. Wer löst das Rätsel? Wer findet den Fehler? Wieso Peppone, der Plattenspieler ist doch eh kaputt?! Außerdem krieg ich schlechte Laune, wenn mir fremde Leute RTL II und Bauer sucht Frau madig machen wollen. Ohne Grund. Bleib du mal schön bei deinem ZDF Kulturkanal, Arte, Phoenix und den anderen schlauen Spartenkanälen und erfreue dich weiter an kryptischen Texten, die ich nicht verstehe, hör dazu oben genannte Bands und meinetwegen auch dieses Album. Ist mir egal.

JAMES FIRST – Choose Your Life LP

Wenn du bei Songtiteln wie „Anti-Fascist Crowd“, „Stand Up“ oder „Don‘t Give Up“ bierseeligen Schunkel-Oi! erwartest, dann ist diese Platte genau das Richtige für dich. Ficken, Saufen, Mackertum, Glatzenpolitur und Stolz und Ruhm. Ohren gespitzt: JAMES FIRST aus Lübeck hauen dir deine Plattitüden um die Ohren, da vergeht dir Hören und Sehen, da kannste mal schön mit den Ohren schlackern du Arsch mit Ohren. Es passiert nicht oft, dass ich hier eine Platte aus dem Briefkasten ziehe, die ich mir sowieso selber kaufen wollte und von bierseligem Schunkel-Oi ist das Quartett glücklicherweise genauso weit entfernt wie von James Last. Hervorgegangen aus den PHLEGMATIX bieten JAMES FIRST die perfekte Mischung aus hymnischem Streetpunk, nach vorn treibendem Punk und ungestümem Hardcore. Nach den ersten Tönen fühlte ich ich angenehm an die Band ALERT aus Kiel erinnert, die mich vom ersten Akkord an mit ihrem politischen Anti-Flag‘schen Punkrock begeistern konnten, Arschtritt und Attitüde. Gibt es eigentlich für bestimme Städte und Regionen eine typische Spielart des Punk? Hannover war wohl mal das Funpunk-Eldorado mit den Brieftauben, Kellox und Konsorten, in Hamburg hört sich alles nach Rachut und Tocotronic an, in Berlin regiert der Hipsterpunk und in Leipzig ist avantgardistischer Kunstmist der letzte Schrei. Ganz in der Nähe von Lübeck sind nämlich mit den Detectors und den Stumbling Pins zwei Bands beheimatet, die ganz prima rund zu JAMES FIRST passen tun. Ob jetzt „Fight for humanity“, „Fight the terror!“ oder „No stepping back, we‘re standing up“ die vier Jungs geben sich kämpferisch, gegen Krieg, Armut, Nazis, aber dann auch wieder sehr persönlich mit Songs wie „Out Of My Mind“ dem perfekten Soundtrack für deine nächste Trennung. Manchmal hören sich die Lübecker wie die Vertonung diverser politischer Plakate und Flyer an, aber nie platt oder ausgelutscht, bis auf den eigentlich sehr guten Song „It Doesn‘t Matter“ mit seiner mehr als griffigen Parole „Yes means Yes and No means No“ in dem ein Kuss (gegen ihren Wunsch) mit einer Vergewaltigung gleich gesetzt wird… da ist der Basti in seinem Review in der aktuellen Plastic Bomb aber schon ausführlich drauf eingegangen. Die Platte ist im Gesamten total stimmig, ein hübsches Artwork rundet den sehr guten Gesamteindruck nochmal ab, tolles Debut auf Backbite Records!

OILE LACHPANSEN – Spatz LP

Ich möchte den süßen Boy permanent an den Schultern packen und ihn kräftig durchschütteln. Im beiliegenden Promozettel wird von Oiles letzter Band MOFA geschwärmt, die es 2010 sogar für drei Wochen in die MTV Charts geschafft hat und dort bis Platz drei geklettert ist, auch die Berliner Band Montreal war wohl mal ziemlich angesagt, da hat Herr Lachpansen auch irgendwie seine Finger mit ihm Spiel. Zumindest ist er Arrangeur der Background-Chöre. Und mit diesem Typen, der die Egon Comics malt, steckt er auch unter einer Decke. Liest sich doch ganz gut diese Vita, vor allem wenn man groß raus kommen will und die nächsten Cover von Ox oder Intro zieren möchte. Ich möchte den süßen Boy permanent an den Schultern packen und ihn kräftig durchschütteln. Denn das, was der Herr auf Spatz abliefert ist weichgespülter Deutschpop… sowas erwarte ich bei The Voice oder Dieter sucht den Schmusebarden (DSDS Junge) und nicht auf meinem Plattenspieler. Das läuft tagtäglich im Radio, ist total austauschbar, nichtssagend, der Soundtrack für Leute, die sich früher Studiokarten für die Bravo Super Show oder Interaktiv besorgt haben und heute Sozialpädagogen sind und Tim Bendzko, Max Herre und Andreas Bourani in ihrer High-End Stereoanlage stecken haben. Spatz bietet 12 Lieder, die kleine persönliche Geschichten erzählen und vor Schmalz triefen. An manchen Stellen fühle ich mich an die Ärzte erinnert, aber nur an die lahmen Lieder. Da ich ein engstirniger Punker bin, darf ich dieses Release auch von vorne bis hinten einfach nur scheisse finden. Ich möchte den süßen Boy permanent an den Schultern packen und ihm seinen Spatz um die Ohren hauen.

DISILLUSIONED MOTHERFUCKERS – Hatepunk CD

Nach einem Blick auf das Frontcover dieses Silberlings hab ich Schlimmstes befürchtet. Unleserlicher Bandschriftzug a la beliebige Deathmetal-Kapelle und spartanisches und liebloses Artwork, von der Aufmachung erinnert diese Scheibe an dürftige Kost aus dem Hause Nix Gut. Musikalisch rumpeln sich die fünf Hamburger auf ihrer zweiten Veröffentlichung durch insgesamt zwölf Lieder (plus vier Bonustracks), mal mit deutschen, mal mit englischen Texten. Um aus der schier unendlichen Flut an Releases herauszustechen fehlt ihnen aber das gewisse Etwas, doch diese Band legt es auch nicht darauf an groß raus zu kommen, das nächste Cover des Ox oder Intro zu zieren oder zur besten Sendezeit auf Punk im Pott oder Ruhrpott-Rodeo zu spielen. Die desillusionierten Mutterficker gehören in ein ranziges Kellerloch, in ein schimmliges AZ oder den versifften Wagenplatz. Direkt im ersten Song „Tales Of Terror“ raten sie von übermäßigem und unkontrolliertem Drogenkonsum ab und äußern sich auch ansonsten in den Texten größtenteils sehr kritisch und politisch. Hier ist eine Band am Werke, die sich nicht stundenlang im Proberaum einschließt und mit dem besten Equipment über das Sterben der Bauwagenplätze singt, obwohl sie einzig Peter Lustigs blauen Bauwagen aus dem Nachmittagsprogramm kennen. Die sind ehrlich abgefuckt, arbeitslos und angepisst. Mit „Elbdisharmonie“, einem geilen Statement gegen Hamburg und „Menschenzoo“, einem geilen Statement gegen Menschen sind ihnen auch zwei echt coole Texte gelungen, denn gerade die deutschen Songs stehen ihnen deutlich besser zu Gesicht. Im Song „The Charles Bukowski Experience“ geht es um eine Junkie-Prostituierte, angelehnt an den Film „Leaving Las Vegas“ mit Nicolas Cage doch drücken sie sich hier irgendwie undeutlich und unvorteilhaft aus, so dass ich am Ende nicht weiss, was sie mir mit diesem Text sagen wollen. Ein paar Songs weiter wird der IS mit der SS gleichgesetzt… „Nazi-like Islamist scum, fulfils what Hitler hasn’t done“ und auch dieser Text wirkt irgendwie unausgereift und vor allem stark verkürzt. Musikalisch ist das solide Kost mit wenig Abwechslung, klassischer Hardcore-Punk mit Deutschpunk-Einschlag, textlich von wunderlich bis wunderbar und gesanglich könnten die Hamburger auch etwas mehr variieren. Eine Band, die auf jeden Fall ein paar Fragen aufwirft, aneckt, ungemütlich aber dennoch erdig ist und diese Kombination ist mir tausendmal lieber als irgendeine weichgespülte Rotze, die auf den Titelbilder von Ox oder Intro zu sehen ist. Ich würde sie mit den ebenfalls in Hamburg sesshaften Crass Defected Character vergleichen wollen, Bands, die es gibt (und es ist gut, dass es sie gibt), von denen man aber kaum etwas mitbekommt, außer man geht zeitig zum Casualties-Gig, um sich auch die Vorbands anzugucken.

HELLPETROL – VI CD

Es gibt so Bands, die spielen mittelmäßigen Punkrock ohne großen Überraschungsmoment, die schwimmen in der grauen Masse und trotzdem finde ich die ganz gut, weil da Menschen mitspielen, die ich kenne, kennen gelernt habe und mag und die persönliche Note übertüncht dann die Objektivität. So ging es mir damals mit den BECKS STREET BOIS aus Wiesbaden, bei denen der von mir sehr geschätzte Freund und Kollege Falk Fatal das Mikrofon bediente. Nun ist diese Band Geschichte und Falks neue Band FRONT würde ich auch ohne persönliche Verbundenheit abfeiern. Warum ich dir das an dieser Stelle erzähle? HELLPETROL aus Düsseldorf erinnern mich musikalisch und stimmlich ziemlich stark an eben erwähnte Band, nur leider fehlt mir hier der Bezug, um sie aus dem Mittelmaß heraus stechen zu lassen. Auf der sechsten Veröffentlichung (deswegen der einfallsreiche Albumtitel) befinden sich fünf Songs, die kleine Alltagsgeschichten erzählen über das Leben an sich, das Leben in der Stadt oder die Suche und Sucht nach stetigen Neuerungen. Textlich etwas verschwommen und undeutlich formuliert, so dass mir hier die klare Aussage fehlt bzw. die jeweilige Intention hinter den Songs verborgen bleibt. Schon recht eingängiger Punkrock, musikalisch ganz ansprechend vorgetragen, vor allem aber textlich mit dem Hang zur Belanglosigkeit. Die fünf Songs wurden in Eigenregie aufgenommen und jetzt soll wieder live gekesselt werden. Deswegen sucht die Band Leute, die es für eine gute Idee halten, sie in ihrem Keller rocken zu lassen… zum Keller aufräumen würde ich sie schon einladen.

ISOLATED / DISTANCE – Hardcore Brotherhood Split CD

Google, was ist Bollo? Zu dieser Frage gibt es keine eindeutige Antwort. Hundename. Anderes Wort für Bonbon in Niedersachsen. Ein Emo, der sich anzieht wie ein Hopper. Spanisches Massenbesäufnis, auch Botellon. Ballo ist übrigens ein äußerst sympathischer Mensch aus Verden, der bei Inner Conflict und Killbite schlagwerkt, schöne Platten releast und zu den hiesigen Aktivposten der DIY-Szene gehört… aber das nur am Rande… schließlich geht es hier um Bollo und meine Definition davon. Dicke Hose Mackerhardcore mit ganz viel Testosteron, Gelaber über Unity und euphemistischer und glorifizierender Umgang mit der eigenen Vergangenheit ganz im Stile von Agnostic Front, Discipline oder Blood For Blood. Distance aus Tscheschien und Isolated aus Quedlingdingens in Sachsen teilen sich mit jeweils vier bzw. fünf Songs diesen Silberling, der mir wenig bis gar nichts gibt. Bollo-Hardcore mit pathosgeschwängerten Texten über Freundschaft, Zusammenhalt und das harte Leben als Outlaw. Bei Isolated in deutscher Sprache vorgetragen, was in mir Assoziationen zu Empowerment hervorruft. Der Soundtrack für die Überholspur auf der Autobahn, mit 160 Sachen, Blinker links und stumpf immer geradeaus. Das ist mir zu penetrant, das verbraucht zu viel Sprit und meine Mühle schafft eh höchstens 140… und das auch nur bergab und mit Rückenwind. Da bin ich wohl der falsche Ansprechpartner…

BEATPOETEN – Geheul LP

Schon wieder so eine Scheibe, die sich scheinbar schlecht in eine Schublade stecken lässt. In Hannover bedrohen Hipster ihr Leben, und es ist #Geheul, zu dem sich die hippen Hintlerwäldler mit Hemd und Handtaschenjutebeuteln übergeben. Namen sind Gaben und hätte meine Mama mich Egge genannt, ich wäre weinend um die Ecke gerannt und hätte eine Zecke verbrannt, das Costa fast garnix, außer Überwindung. So wie vor vier Jahren, als man noch nicht mensch geschrieben hat und Klavier spielen können müsste. Alliteration ist der allerletzte Algorithmus und auf diesem Album allgegenwärtig… Alter. Ist das jetzt Punk? „Das ist mir zu sauber, da fehlt mir der Schmutz“, plärrt der bebrillte und bärtige Nichtsnutz. Ich bin doch keine 19 mehr. Ich mag die Beatpoeten. Sehr gerne. Auch wenn #Geheul der erste Output ist, den ich mir auch mehrmals und wiederholt auf der heimischen Anlage geben kann, weil das Album echt geil abwechslungsreich geworden ist. Eine Wortakkrobatik aus dem Deutsch-Leistungskurs und eine Eloquenz mit der sich jedes Schwedenrätsel bis zum letzten Kästchen füllen lässt, auch mit Buchstaben, die beim Scrabbel besonders viele Punkte bringen. Die Intention des Textes versteckt sich in einem Wulst aus Kryptik untermalt mit simplen Beats, zu denen Britney Spears vor zwanzig Jahren „Schlag mich Neugeborenes, ein weiteres mal“ geträllert hat. Ambitioniert amüsante Lesungen können die beiden auch ziemlich gut. Und auch wenns kaum zu glauben ist, sie fühlen sich auf einem ranzigen Deutschpunkfestival zwischen Kackschlacht und Mülheim Asozial genau so wohl, wie im Auditorium oder beim Sommerfest der HAZ und ich nehm denen das ab. Der Emma hat im Plastic Bomb diese Scheibe reviewt und sinngemäß in etwa so geendet und außerdem wollte ich den Typen immer schon mal zitieren… wenn du deinen Horizont erweitern willst oder jemand eine Freude machen möchtest, der schon alles kennt, besorg dir #Geheul, z.B. beim Label Twisted Chords, wo es aber auch echte Punkscheiben zu kaufen gibt.

FCKR – Dummlandschweine CD

Normalerweise strafe ich CD-Veröffentlichungen mit Missachtung und wieder normalerweise stehe ich voll auf Vokale, auf ahhhhs und ohhhhhs, manchmal auch auf ois, aber in beiden Fällen mache ich bei FCKR aus Lpzg gerne eine Ausnahme. Ich glaube es war Ullah der Ficker gewesen, der ein erstes Lebenszeichen vonne FCKR im weltweiten Datennetz als legitime Schleim-Keim Nachfolgeband angepriesen hat, also drauf geklickt und abgefeiert. Schnell war Kontakt zu einem Professor Zippel hergestellt, der mir das Demotape gleich in dreifacher Ausfertigung in meinen Briefkasten gesteckt hat. Es folgten viele Stunden vorm Kassettenrekorder bis ich alle relevanten Textzeilen im Schlaf aufsagen konnte. Ich bin die Elite, der Drops ist längst gelutscht, ihr seid alle Schweine, alle wollen Schweine ficken und Steine druff. „Druff“ ist übrigens feinstes sächsisch, wie auch die Bedienungsanleitung zu ihrem ersten Album: Bungd Eens – Schdroom druff:
An dor Gisde undorm Guggfensdor uff denn reschdn Gnubb driggn bisser hängnbleibd.
Bissl uffbassn: s’ huubd. Und dann geht er ab. Der Punk. Der Vergleich zu Schleim-Keim hinkt natürlich gewaltig, obwohl FCKR das nächste große Ding werden und ich ihnen ähnlich hohe Amazon-Verkaufserlöse durchaus wünschen würde. Beim ersten Treffen war ich dann doch etwas überrascht, dass ich es hier „nur“ mit einem Trio zu tun habe, wovon ich zwei Drittel auch noch aus meiner Zeit in Eisenach kenne… klein ist die Welt. Rudimentäre Instrumentarisierung, bissl Elektrobeats und herausragende, weil gut auf den Punkt gebrachte, Texte bescheren den drei Leipzigern ein ganz schönes Alleinstellungsmerkmal im Deutschpunksektor und mir ein atemberaubendes Liveerlebnis… lange nicht mehr so geflasht worden von einer Band auf der Bühne. Geil. Oder wie die hippen Kinder sagen: Leider geil. Die Befürchtung, dass die neuen Songs gegenüber den schon vom Demotape bekannten deutlich abfallen würden, quasi der Drops ist schon gelutscht, erwies sich glücklicherweise als völlig grundlos, die reihen sich nämlich nahtlos ein, bieten schon wieder neue Überraschungsmomente und sind musikalisch wie auch textlich allererste Sahne. Jetzt warte ich sehnsüchtig auf die Vinylveröffentlichung (Herbst) und hoffe, dass die Jungs sich da beim Textblatt etwas mehr Mühe geben, das ist nämlich tatsächlich mein einziger Kritikpunkt, weil viel zu unübersichtlich und bieder. Klopf, Klopf, Klopf… da sind FCKR in meinem Kopf…

ÜBERFLÜSSIG – Seltsamageddon CD

Obwohl die Band 2016 ihr 20 jähriges Jubiläum feiert, habe ich sie bis jetzt noch überhaupt nicht wahrgenommen und nach den ersten Durchläufen auf dem heimischen CD-Player bin ich versucht, die Steilvorlage, die mir die Band mit ihrem Namen bietet als vorläufiges Fazit für diese Besprechung zu benutzen. Überflüssig sind Makke und Joscha und die beiden machen Fun-Punk. Mit viel lalalas und Songs über den G-Punk(t), Stau und den Wald. Es geht aber auch mal ernster zur Sache, z.B. im Lied „Anti Fascho Song“, der allerdings mit einen ziemlich nervig penetranten Refrain daherkommt… „klatscht die Faschos an die Wand“ und so im Gesamten einen eher durchwachsenen Eindruck hinterlässt. Auch im Song „Nationen im Fußballfieber“ würden sich textlich viele Möglichkeiten bieten (der Begriff „Nation“, FIFA-Skandal und Schmiergeldzahlungen, Welt- und Europameisterschaften in Ungarn, Brasilien und bald in Katar, die mit viel humanitären Defiziten in die Schlagzeilen gerieten, rechte Fangruppierungen, Lokalpatriotismus usw. usf. aber hier herrscht Jubel, Trubel, Heiterkeit, alle freuen sich und huldigen König Fußball. Leider haben die beiden bei ihrem achten Album auch auf eine Textbeilage verzichtet, das hinterlässt bei mir immer den Eindruck, dass die Band nichts zu sagen hat und sich somit selber aufs Musikalische reduziert. Musikalisch klingt das dann an manchen Stellen wie eine abgespeckte Version von Rasta Knast, schon recht abwechslungsreich, aber zu weich gespült. Selbst vor zwanzig Jahren haben mir Bands wie die Brieftauben, Dimple Minds oder die Mimmies mehr gegeben, doch Funpunk ist tot und ich hoffe die nervige Reunion Welle alter Witzboldbands ist bald überstanden. Das passt aufs Dorffest, auf den Abi-Abschlussball oder ins Vorprogramm einer alten Witzboldband, ich kann da überhaupt nichts mit anfangen. Wenn du dich auch 2016 noch an den Abstürzenden Brieftauben erfreuen kannst, Zwakkelmann und Heiter bis Wolkig genauso witzig wie Mario Barth und Paul Panzer findest und dich jetzt schon aufs 30 Jahre Idiots Festival freust, dann könntest du mal ein Ohr in dieses Duo aus Herne riskieren. Überflüssig eben.

CRUOR HILLA – Zurück ins Bällebad CD

Mama und Papa haben mich letztens im IKEA-Bällchenbad vergessen… seitdem gehe ich nicht mehr zum schwedischen Möbelriesen, verzichte auf Köttbullar und habe mein Billy-Regal irreparabel demontiert. Und jetzt wollen mich die drei Berliner von Cruor Hilla wieder zurück dorthin schicken? Die Band existiert seit 2009 und das aktuelle Album haben sie komplett in Eigenregie veröffentlicht… die Kohle dafür haben sie sich mit Straßenmusik verdient. Mich erinnert Cruor Hilla an Bands wie Spanking The Monkey, Karate Disco oder Tagtraum, junge ambitionierte Bands, die sich zwei, drei Jahre lang den Arsch im kleinsten Dorf-JUZ abspielen und dann in der Versenkung und Bedeutungslosigkeit verschwinden, wobei Felix, Christian und Till da schon deutlich gereifter daherkommen und möglicherweise mehr Durchhaltevermögen beweisen. Inspiriert von Bands wie Against Me oder Früchte des Zorns erwartet dich bei Cruor Hilla allerdings keine energiegeladene, wütende und dreckige Portion Punkrock, eher so Liedermachermäßig mit Skaeinlagen und dabei immer schön radiotauglich bleiben. Textlich bearbeiten sie eine ganze Bandbreite an Themen, Freundschaft und persönliche Erlebnisse stehen im Vordergrund, aber auch Genderfragen und Depression („Mach mich cool“ – Coversong der Suurbiers) werden behandelt, allerdings stets so, dass es niemandem weh tut. Großes Plus dieser Veröffentlichung ist das stimmige Artwork und die ausführliche Textbeilage inklusive Linernotes. In der Fußgängerzone würde ich bestimmt eine kurze Weile innehalten, wenn die Drei von Commander Keen oder dem Irrenhaus singen. Bevor ich mir das live in einem coolen Punkerschuppen anschaue (wobei ich mich auch frage, in welchen coolen Punkerschuppen Cruor Hilla in Hannover passen sollen?) würde ich dem Kinderparadies im IKEA eher einen erneuten Besuch abstatten. Zurück ins Bällebad ist easy listening, juckt nicht, stört nicht, eckt nicht an, bleibt aber auch nicht hängen und um die Band mal zu zitieren: „Es gibt auf jeden Fall schlechtere Alben!!“

KAVALIERSTART – 2 Takte für ein Halleluja CD

Ähnlich wie bei „Die Bullen“ aus dem benachbarten Kiel handelt es sich bei Kavalierstart um eine reine Konzeptband. Ole und Tobi aus Flensburg, die u.a. auch noch bei LZA und Oi!tercreme mitwirken, besingen in ihrer Zwei-Takte-Zwei-Mann Band ihre große Passion: Das Mofafahren. Damals auf dem Gymnasium hat Mama mir verboten den Mofaführerschein zu machen, weil viel zu gefährlich und wie um sie zu bestätigen, fuhr mein damaliger Best Friend Forever Kai Lurch in der Abschlussprüfung geradewegs in eine sehr massive Tischtennisplatte. Mofa kaputt, Knie kaputt, Tischtennisplatte kaputt und auch kein Führerschein. Seither habe ich keine Berührungspunkte mit den heissen Feuerstühlen. Niemand muss Bulle sein, schon gar nicht um „Die Bullen“ abzufeiern und genauso wenig musst du Mofafahrer sein, um Kavalierstart abzufeiern, denn die beiden spielen flotten und vor allem abwechslungsreichen Punkrock, der ganz gut ins Ohr geht. Da man sich aber thematisch auf den Mofa-Outlaw-Kosmos festlegt, hängen mir Kaffee, Kippen und Benzin, Geschwindigkeitskontrollen auf der A7 oder das romantische Lonesome-Cowboy-Image „fahr mit meinem Mofa bis ans Ende der Welt“ schnell zu den Ohren raus. Mit einer ganzen Gang an Gastmusikern schaffen es die beiden neben klassischen Deutschpunk auch mal Elemente aus dem Psychobilly oder Folk-Punk einzubauen und somit zumindest musikalische Abwechslung zu präsentieren, die allerdings nach nur 8 Liedern ihr jähes Ende findet. Das ist ne ganz witzige Scheibe, vor allem durch die zahlreichen Einspieler u.a. von Torben Rohrpost oder Mini Kamikazeradio doch ähnlich wie bei „Die Bullen“ besitzt dieser Witz nur eine geringe Halbwertszeit und nutzt sich recht schnell ab. Wenn ich mit meinem Bingo-Roller demnächst mal wieder nach Flensburg komme, machen wir nen Rennen!

STUMBLING PINS – Common Angst LP

Das Quintett aus Kiel treibt sich schon seit schon seit gut sechs Jahren auf den hiesigen Bühnenbrettern rum, zusammen mit den Detectors haben sie es sogar schon nach Osteuropa und Russland geschafft. In meiner Flensburger Zeit liefen mir die vier regelmäßig über den Weg, ob bei Konzerten in der Senffabrik, dem Hafermarkt oder Demos in Flensburg, Kiel oder Rendsburg doch konnten sie musikalisch keinen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Das erste Album „Aged Colors And Behaviours“ von 2011 ist komplett an mir vorbei gegangen, das letzte Lebenszeichen war eine Single mit vier akustischen Songs, die ganz nett quasi der kleine Bruder von Scheisse gewesen ist und jetzt steht mit Common Angst der zweite Longplayer ins Haus und ich frage mich schon seit Wochen (quasi dem ersten kompletten Durchlauf) warum ich diese Band nicht viel früher für mich entdeckt habe. Der Sound ist total hymnisch, meldodisch und tritt trotzdem gehörig Arsch. Schon beim beiläufigen Hören zeigt sich der Tiefgang, den diese Scheibe besitzt. Mit fallen etliche Querverweise ein, angefangen bei Anti-Flag, über Against Me, One Man Army bis hin zu den Detectors, aber ohne das Stumbling Pins wie eine billige Kopie daherkommen, vielmehr picken sie sich die Highlights heraus und vermischen das Ganze zu einem eigenen Sound, der auf Commen Angst in zwölf überaus abwechslungsreichen Songs gipfelt. Thematisch wird es auf der einen Seite sehr persönlich, wie im Opener „Words“ oder dem zuckersüßen „The Beauty In Imperfection“ bei dem die Vier gesangliche Unterstützung von Flicke von No Weather Talks bekommen, auf der anderen Seite zeigen sie sich aber auch sehr gesellschaftskritisch, z.B. mit Songs gegen. Gentrifikation oder Religion. Alles immer schön auf so ner persönlichen Metaebene, die Texte sind klug durchdacht und lassen viel Interpretationsspielraum und verbinden sich mit der musikalischen Untermalung zu einer Hitsymbiose ohne Ausfälle. Das Album läuft in Dauerschleife und ein Ohrwurm jagt den nächsten. Ich bin schwer begeistert, auf dem nächsten Stumpf-Geburtstag werden die Stumbling Pins sicherlich zu meinen Highlights zählen.

LITBARSKI – s/t LP

Also wenn ich meine Band nach einem Fußballspieler benennen würde, wären das coolere Namen als LatteKohlerTor oder Litbarski geworden, z.B. MöllerSchwalbeRot, RotzeVöller oder Häßler und wenn ich Musik für den alternativ angehauchten Sozialpädagogikstudenten machen würde, wäre das dem hier Dargebotenen schon recht ähnlich. Eine Prise Turbostaat hier, etwas Oma Hans, der Gesang ganz ähnlich dem von Weltraumschrott und ich würde mich ganz prima wohl fühlen in einer Mischpoke mit Disco//Oslo, Bitume und Captain Planet und all den anderen Bands, in denen die Mitglieder Flanellhemden, trendige Kurzhaarfrisuren, Bärte und Brillen besitzen. Litbarski sind als Trio unterwegs und kommen aus Berlin, wo Pierre Littbarksi übrigens nie gespielt hat. Tatsächlich war der 1.FC Köln der einzige deutsche Profiklub, bei dem er unter Vertrag war, neben einem kurzen Intermezzo in Paris beendete er seine Karriere 1997 in Japan. Auf dem Erstlingswerk der drei Berliner befinden sich 6 Songs, die solch illustre Titel wie „Piz Palü“, „Der große Shannon“ oder „Rochelle Rochelle“ tragen, zumeist geht es sehr persönlich, kryptisch und intelent, interlektich… intellektuell… schlau eben… zu Werke… lachen musste ich über die Textzeile „…und an Feiertagen ne Schachtel Mon Chéri, auch wenn sie es nicht mag…“ denn ich kenne tatsächlich nicht eine einzige Person, die mit der Piemont Kirche etwas anfangen kann. Ich habe nicht das Gefühl, dass diese Platte auch nach mehrfachen Umdrehungen so etwas wie Wohlgefallen in meinen Gehörgängen auslöst, vielmehr bin ich froh, dieses Review alsbald zu beenden und die schwarze Scheibe Vinyl wieder in ihrer dürftigen Aufmachung verschwinden zu lassen. Das ist echt ein hässliches Coverartwork. Pierre L. war als Fußballer ne coole Type, hat halt nur bei einem Scheiss Verein gespielt. Die drei Jungs von Litbarkski sind bestimmt auch dufte Typen, spielen halt nur leider in einer Scheiss Band, die überhaupt nicht meinen Geschmack trifft. Für Freunde von oben genannten Kapellen oder Fans des 1.FC Kölns ist dies möglicherweise die nächste Offenbarung, mir gibt das nüscht.

HOTEL ENERGIEBALL – Kein Applaus für Scheisse LP

Ja da hat Labelchef Maks Rilrec nicht schlecht gestaunt, als ich diese Scheibe bei ihm geordert habe… „Energieball??? Du??? Verwechselst du da was?“ Nein, denn obwohl ich die erste Scheibe „Neustart“ der Bochumer Glam- und Luxuspunker als eher mäßig in Erinnerung hatte, trieb mich die Nostalgie, immerhin war ich großer Fan der Vorgängerbands District, Public Toys (mit Pascal Briggs) und Happy Revolvers, zum Kauf dieses Tonträgers. Der größte Unterschied zu den genannten früheren Bands ist wohl, dass bei Hotel Energieball auf Deutsch gesungen wird und das ist auch die Krux des Ganzen, denn für diese Art der Musik passt die englische Sprache einfach besser, die deutschen Texte wirken stellenweise deplatziert. Zu oft trieft es nach Herzschmerz, zu viel Gefühl und viel zu wenig Hass. Am deutlichsten wird das beim Song „Selbstmordnation“, quasi ein Cover mit eingedeutschen Texten der eigenen Vorgängerband Happy Revolvers, bei denen der Song viel mehr geknallt hat und deutlich mehr Biss aufzuweisen hatte. Viel hängt natürlich an Sänger Uwe Umbruch, der einfach eine total markante Stimme mit enormem Wiedererkennungswert besitzt. Seine Bandhistorie lässt sich ganz gut mit der The Clash Discographie vergleichen, das selbstbetitelte Erstlingswerk von 1977 und die „Give `Em Enough Rope“ sind unerreichte Klassiker, ähnlich der Splitscheibe „Bad News For This District“ oder der letzten 10“ von Public Toys „Rock‘n‘Roll Parasites“. Hotel Energieball würde ich dann passenderweise mit der letzten Scheibe „Cut The Crap“ der Londoner vergleichen, ein Werk, dem nicht mehr so viel Beachtung zuteil wurde, obwohl sich auch hier noch sehr gute Songs finden lassen. Denn gerade beim Titeltrack „Kein Applaus für Scheisse“ zeigen die drei Bochumer, dass sie sich nicht immer an die Geschwindigkeitsbegrenzung halten und auch mal Bleifuss geben können. Thematisch geht es meist sehr persönlich zur Sache, die Songs handeln vom Älter werden, Selbstreflektion, aber auch aktuelle politische Themen halten Einzug und da muss ich wieder den Titeltrack hervorheben. Hotel Energieball passen ganz gut zu den Toten Hosen und haben mit dieser Art der Musik in Deutschland sicher ein Alleinstellungsmerkmal. Ich werde diese Platte sicher noch öfter auflegen, bade aber erstmal in Nostalgie mit den alten District und Revolversscheiben, den Trashcan Darlings, Backyard Babies und Bad News. Glampunk, Junge!

PISSE – Kohlrübenwinter Tape

Stuttgart, Stuttgart Spießerstadt, ach wie hab ich Stuttgart satt. Ich habe überhaupt keine Idee, warum diese schwachsinnige Ostcombo mit dem coolen Deutschpunknamen so eine gute Reputation hat und warum die nicht aus Stuttgart sondern aus Hoyerswerda kommen. Das ist Kunstmist fürs Kulturbüro, avantgardistisch, abgehobene Arschmusik. Das ist wie ein Sid Vicious Poster in der alten Nationalgalerie, ein Toten Hosen Song auf WDR 4 oder ein Winfried Kretschmann Starschnitt aus der Bravo. Das passt einfach nicht. Das hat genausowenig mit Punk zu tun wie die hochgelobten Schwabenscheisser von Human Abfall. Die einzig coole Punkband aus Stuttgart waren WTZ und die waren ein Witz und Hoyerswerda… das liegt in Sachsen und bedarf somit keiner weiteren Erläuterung. Denn eigentlich kommen Pisse aus Leipzig und Berlin und streuen gerne Fehlinformationen. Im Gegensatz zu den Interviews, die ich bis jetzt im Ox und auf Kopfpunk gelesen habe, steckt in ihren Texten aber dann doch etwas mehr. Brilliant skizzierte Alltagssituationen mit viel Wortwitz und blumiger Sprache pointiert. Auf dem Vorgängeralbum befand sich mit „Scheiss DDR“ sogar ein echt gut hörbarer Song, denn der Rest ist voll für die Tonne. Da kann ich auch ein gutes Buch lesen und dazu WDR 4 einschalten, musikalisch sind Pisse einfach nicht auszuhalten, ähnlich der Pisse von Schnipo Schranke. So. Kohlrübenwinter sind eigentlich zwei Singleveröffentlichungen, die hier auf einer Kassette von Phantom Records zusammengefasst wurden.

FABRIK FABRIK – s/t LP

Düster und finster und vor allem monoton stampfen sich Fabrik Farbik in mein Gehirn. Langsam und bedrohlich und vor allem monoton walzen sie alles nieder. Jeden Gedanken an Glück, Freude und Begeisterung ersticken sie mit einer dichten Soundwand, Stakkato Textfragmenten, die sich schwer deuten lassen und vor allem Monotonie. Musikalisch erinnert das stark an Loxiran, was die vier Berliner hier auf ihrer Debut-Veröffentlichung aus den Boxen knallen, oder einer abgespeckten Version von Cave Canem, eben monotoner. Die acht eigenen Songs ähneln sich sehr, vom Aufbau, von der Art die Texte ins Mikro zu keifen und von der Stimmung, die sie erzeugen. Eintönig, einförmig, langweilig, stumpfsinnig, öde und ermüdend sind dafür genau die passenden Synonyme und wer möchte schon freiwillig in solch eine Atmosphäre versetzt werden? Vielleicht der passende Soundtrack für eine wenig fordernde Arbeit in der Fabrik? Ein etwas genauer Blick, bzw. ein konzentriertes Ohr offenbaren dann aber kleine feine Nuancen, die einzelnen Songs wirken erst nach permanenter und vor allem lautstarker Beschallung und entfalten ihr ganzes Spektrum. Leider ist die Art des Textens der größte Schwachpunkt dieser Scheibe: „Immer neu, ganz anders weiter. Immer neu, nicht stehen bleiben. Ohne Blick nach vorn. Bahnbrechend ausbrechen. Doch den Blick verloren. Zurück schon garnicht. Auf dem Gipfel ohne Ausblick… (aus „In Bahnen“). Das gibt mir nix, da kann ich mich nicht wiederfinden, das verstehe ich nicht, das ist mir zu viel Lyrik und Poesie. Der neunte und letzte Song, ein Cover von Slimes „Der Tod ist ein Meister ein Deutschland“ gehört zu den stärksten Liedern auf dieser Platte, auch weil Fabrik Fabrik ihn nicht plump nachspielen, sondern in ihrer eigenen monotonen Art und Weise interpretieren und hier endlich mal ein Stück am Start ist, in dessen Text sich ganze Sätze befinden und das zumindest musikalisch so etwas wie eine Melodie andeutet. 9 Songs, releast via Phantom Records in düsterem, schlichtem… monotonem Artwork. Fabrik Fabrik sind schwere Kost und nicht leicht verdaulich, aber Renni räumt den Magen auf.

EAT THE BITCH – Desillusioniert CD

Der mir hier vorliegende Silberling ist eine Vorab-CD, die Hamburger Band ist aktuell auf Labelsuche, um diese 11 Songs auch regeljerecht (Stups for president) standesgemäß zu veröffentlichen, denn die gehören eindeutig ins Vinyl geritzt. Lemmy Kilmister hat Ende der 70er im Nobelrestaurant Geldsäcke verspeist, die vier Hamburger machen gute dreissig Jahre später aus den Geldsäcken eine Schlampe, Nutte oder Miststück (Aus „Eat The Rich“ wird „Eat The Bitch“ du Dummdödel) aber die Bedeutung hinter dem Bandnamen bleibt mir verborgen. Vielleicht soll der Begriff wie bei Missy Elliott oder Lady Bitch Ray neu und positiv besetzt werden, vielleicht schmecken Prostituierte auch besonders gut und vielleicht höre ich besser auf mir Gedanken über den Bandnamen zu machen… Aber Namen sind ja auch nur Schall und Rauch und an dieser Stelle soll es um die musikalischen Qualitäten des Hamburger Quartetts gehen, die sich anschicken nach 2 Demos und fünfjährigem Bandbestehen ihren ersten Longplayer ins Rennen zu schicken. Auch wenn es blödsinnig ist die Band auf Sängerin Jona zu reduzieren um somit Quervergleiche zu den ebenfalls aus Hamburg stammenden Ichsucht oder Stahlschwester oder Fucking Angry aus Bonn zu legitimieren, bei denen ebenfalls eine Bitch (in Missy-Elliott-Sprech) ins Mikro brüllt, möchte ich diese Vergleiche lieber mit einer ähnlichen, radikalen und unmissverständlichen Attitüde begründen. Eat The Bitch sind politisch, sozialkritisch, phantastisch, sympathisch, aber auch ein bisschen pessimistisch. Textlich geht es um den Sinn des Lebens, Weltuntergang, die konsumorientierte Gesellschaft, Krieg oder patriotische Idioten. Sicherlich schon oft besungene Themen und sicherlich von vielen auch besser ausformuliert, denn insgesamt wirken die Lyrics oft etwas holprig und zu gewollt ins Reim-Dich-Oder-Ich-Fress-Dich Schema gepresst „Deutschlands beste Regierung seit dem Krieg?! Mir kommt gleich das Kotzen! Fehlt nur noch Heil und Sieg!“ (aus „Armutszeugnis“) oder „Es wird nicht wahrer wenn du schreist. Und dich an anderen vergreifst. Wenn du die Augen fest zupresst. Und dich auf Lügen verlässt.“ (aus „Kopf in den Sand“). Glücklicherweise entsteht dieser Eindruck bloß beim reinen Lesen der Texte, denn Jona hat eine richtig geile angepisste Art und Weise sie hinauszuschreien und variiert dabei auch oft mit Stimmlage, Tempo und Betonung, stellenweise noch durch einen Background-Gesang unterstützt, knallt das dann ganz gewaltig und ist dabei auch noch schön abwechslungsreich. Eat The Bitch bieten mit „Desillusioniert“ die perfekte Mischung aus knalligem Deutschpunk mit aggressivem Hardcorepunk-Einschlag und es wäre doch ein Wunder, wenn die Vier lange auf ein passendes Label warten müssten. Gerade in Hamburg gibt es doch mit Riot Bike Records und Colturshock zwei Label, in dessen Programm Eat The Bitch perfekt passen würden und ich wäre very amused, die elf Songs alsbald auf einer Zwölf Zoll Scheibe wieder zu finden.