TERRORGRUPPE – Superblechdose CD

Müssen wir am Anfang über Leonard Graves Phillips, den Sänger der Dickies sprechen? „Ich habe Nutztiere gefickt, die hübscher waren als du, du verficktes Schwein… Blas mir einen… Wie fühlt es sich an, niedergebrüllt zu werden, du Fotze? Du bist eine fette Fotze. Fick dich!“ Müssen wir die Diskussion zwischen Archi Alert und Egotronic Frontmann Torsun Burckhardt hier thematisieren? Schmeiß dein Internet an, wenn es dich interessiert. Diese verbalen Entgleisungen als punktypisch zu bezeichnen (wie A.A. es gemacht hat), völlig gleichgültig in welchem Rahmen und Zusammenhang sie geäußert wurden, zeugt jedenfalls nicht gerade von Weitsicht und ist mit meinem Verständnis von Punk und respektvollem Umgang miteinander nicht kompatibel. Die Terrorgruppe ist jetzt aber auch keine politische DIY Band, die im AZ um die Ecke auftritt oder mit dir am Tresen nach dem Auftritt gemütlich ein Bier trinkt. MC Motherfucker und seine Spielgefährten gehören mittlerweile zur High Society des Berliner Punkrock-Klüngel und bieten den Kids von heute und einigen jung gebliebenen Schlabberiros von gestern eine 1A-Rockstarshow mit Publikumsanimation, in die Hände klatschen und das Smartphone in die Höhe halten, weil Feuerzeuge im FOH nicht erlaubt sind. Ist ja eh rauchfrei. Ich gehöre mittlerweile zu den alten Menschen, die die heute angesagten Bands noch bei ihren ersten Geh- und Steh-Versuchen begleitet haben. Eine Zeit, in der Punk noch roh, wild und gefährlich gewesen ist, wo ein Terrorgruppe Konzert keine zehn Mark Eintritt gekostet hat und im kleinen Jugendzentrum in Moers die Schwitze von der Decke tropfte, wenn 37 Kehlen voller Inbrunst „Die Gesellschaft ist schu-huld…“ gröhlten. Die Berliner Band befand sich Mitte der 90er Jahre, kurz nach ihrer Gründung, auf dem Höhepunkt ihrer Schaffensphase und lieferte etliche Hits für meine Adoleszenz, die sich im Rekorder drehten, bis die Kassette leierte. „Keine Airbags für die CSU“, „Sozialer Misserfolg“ oder „Ich bin ein Punk“ begleiteten mich neben der Knochenfabrik auf Schritt und Tritt und sorgten bei Mama und Papa für verzweifeltes Kopfschütteln. Das „Wochenendticket“ wurde zu meinem persönlichen Soundtrack der 95er Chaostage in Hannover, obwohl es ein Jahr später erschien und ich die Straßenschlachten und Zusammen-Rottungen nur vorm heimischen Fernseher oder im Radio erlebte. Das ist mittlerweile über zwanzig Jahre her und auch ich gehöre zu den konservativen Deutschpunkern mit Parka und Exploited Aufnäher, die den Helden ihrer Kindheit keine Weiterentwicklung oder Veränderung zugestehen. Ich brauche keinen Tiergarten oder Inzest im Familiengrab, ich will Ur-Opa, Keine Airbags für die AFD oder Der Rhein ist immer noch tot, schließlich ist die Kelly Family auch wieder am Start. Anders als die Toten Hosen, Ärzte oder Slime, die „früher“ auch mal cool waren, hat es die Terrorgruppe aber geschafft, nicht in lahmen Stadionrock oder radiotauglichem Gedudel zu verfallen und mit einem Auge immer auf die Charts-Platzierungen zu schielen. Ich weiß nicht, ob die anfangs erwähnten Unzulänglichkeiten und der Disput mit Egotronic ernsthafter Natur gewesen sind, billige Promotion für dieses Album oder billige Provokation im Stile von K.I.Z. sein sollen, bei denen sie sich etwas zu stark anbiedern, aber so kriegste die jungen Leute halt. Mit „Superblechdose“ ist 15 Jahre nach dem ersten Livealbum „Blechdose“ das zweite Livealbum mit 37 Liedern erschienen, das trotz mir vieler unbekannter Nummern, erstaunlich wenig Ausfälle zu bieten hat. Gerade bei den alten Hits schleicht sich schnell Nostalgie ein und ich war selbst überrascht, mit wie vielen Songs der Terrorgruppe ich etwas verbinde. Die Tracks aus zweieinhalb neuen Platten wie „Kathedralen“, „Schmetterling“ oder „Schlechtmensch“ fügen sich zu einem sehr stimmigen Gesamtbild und machen tatsächlich Lust, die Terrorgruppe auch 2018 noch einmal live zu begutachten. Auch wenn ich in meinem Campingklappstuhl in den hinteren Reihen meinen mitgebrachten Tee aus der Thermoskanne schlürfe, werde ich bei vielen Liedern anerkennend nicken, den Zeigefinger in die Höhe recken und die Füße im Takte hin und her wippen. Die Superblechdose gefällt mir gut. Aufmachung, Bonusmaterial und Sound lassen keine Wünsche offen und auch wenn ich jetzt nicht zum Terror-Groupie werde, muss ich anerkennend feststellen, dass die Terrorgruppe auch knapp 25 Jahre nach ihrer ersten Veröffentlichung immer noch gehörig Pfeffer im Arsch hat und das live auch gut rüberbringen kann.

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