TERRORGRUPPE – Interview

Terrorgruppe über Internet, Penis-Protesen, Fuss-Sex und den Sommer der Liebe. Interview mit MC Motherfucker und Johnny Bottrop

Carl: Hey, wisst ihr, worauf ich mich freue? Auf die Zukunft! Habt ihr schon mal was von diesem Internet gehört?
Lenny: Internet?
Carl: Ja, das ist so ’ne Art innerer Netzstoff, der in die Badehose eingenäht wird und sich behaglich an den Körper schmiegt.

Internet ist auch Datenkrake. Und Flüsterpost. Und alternative Fakten. Und obwohl Internet niemals vergisst, ist es doch so schnelllebig, dass alles, was länger als 24 Stunden im Netz steht, schnell in Vergessenheit gerät.

So gab es doch vor nicht allzu langer Zeit einen Vorfall mit dem Sänger der US-Amerikanischen Punkband The Dickies auf der Vans Warped Tour. Kurze Zeit später entstand ein hitziger Facebook- Diskurs zwischen der Terrorgruppe und Egotronic in Persona ihrer jeweiligen Frontmänner, den die Internet-BILD-Zeitung VICE reißerisch in Szene setzte. Dann kam G20 und der Polizei-Amoklauf gegen die „Welcome To Hell“ Demonstration und niemand hat das weiterverfolgt. In vielen Köpfen war aber abgespeichert: Dickies Sänger = Sexistenschwein. Terrorgruppe = Sympathisanten von Sexistenschweinen, weil Archi Alert die wüsten Beschimpfungen und Diffamierungen in Richtung einer weiblichen Konzertbesucherin als „punktypisches“ Verhalten und den daraus resultierenden Rauswurf der Band Dickies von der Turnschuh-Tournee als „Ritterschlag“ bezeichnete.

Auch ich habe in meiner Rezension zur „Superblechdose“ gefährliches Halbwissen zitiert und Unwahrheiten verbreitet, weil ich einfach nicht gründlich genug recherchiert habe und meiner journalistischen Pflicht nicht in dem Maße nachgekommen bin, das ein Musikfachmagazin wie das Human Parasit von seinen Redakteuren verlangt.

Ich habe Unrecht getan und wurde zurecht darauf hingewiesen. Kurz nach Veröffentlichung der Rezension im Internet, meldete sich Jacho von der TERRORGRUPPE und bot an, gewisse Ungereimtheiten bezüglich der Dickies-Kontroverse endgültig klarzustellen. Da ich mit der TERRORGRUPPE eine ganze Menge verbinde, mich diese Band schon seit fast zwanzig Jahren begleitet und ich einen Gäselistenplatz für die Show in Hannover angeboten bekommen habe, darfst du dir jetzt die Wahrheit, und nichts als die Wahrheit über punktypisches Verhalten und über politisch korrekte Reden und Ansagen auf Punk Performances reinziehen. Und natürlich habe ich mich gefreut, wenn eine Rezension zum Anlass für eine weiterführende Diskussion genutzt werden kann. Kauf die Superblechdose, schmeiß dich in dein behagliches und anschmiegsames Internet und genieße zusammen mit Carl Carlsen die TERRORGRUPPE auch in „AZ-ähnlichen“ Läden und „Zusammenhängen“.

Im Vorfeld und wegen dem besseren Verständnis empfehle ich die Lektüre folgender News auf „Laut.de„:

„Der Frontmann von The Dickies hat eine Konzertbesucherin übel beschimpft. Nun streitet die Szene darüber, ob das noch ‚Punk‘ ist. Denver (alc) – Der Vorfall ereignete sich am Sonntag, den 25. Juni, als die Vans Warped Tour im texanischen Denver Station machte: In einer Songpause entdeckte Dickies-Sänger Leonard Graves Phillips ein Schild, das eine Frau in die Höhe hielt. Auf jenem stand geschrieben: „Teen-Mädchen verdienen Respekt und keine ekelhaften Jokes von widerlichen alten Männern. Punk sollte nicht ausbeutend sein!“ Dies nahm Phillips zum Anlass, einen Rant vom Stapel zu lassen, der es in sich hatte: „Ich habe Nutztiere gefickt, die hübscher waren als du, du verficktes Schwein.“ In der Folge feuerte er die johlenden Besucher an, im Chor „Blas mir einen“ zu rufen, um dem Objekt seines Anfalls noch ein „Wie fühlt es sich an, niedergebrüllt zu werden, du Fotze? Du bist eine fette Fotze. Fick dich!“ mitzugeben.“

Quelle: http://www.laut.de/News/The-Dickies-Ausraster-Punk-oder-Sexismus-07-07-2017-13773:

Johnny Bottrop: Ja ja, dieses Internet… nicht nur ’ne Datenkrake und Gerüchte-Flüsterpost voller alternative Fakten, sondern auch ein Unsinn-Reproduzierer und Sinn-Zerstörer. Reden und Zitate werden auf 20 Wörter reduziert, Zusammenhänge auf eine einzige Headline komprimiert und am Ende stimmt garnüscht mehr. Dann muss man nur noch den grössten unwahren Wortmüll wiederholen und nochmal wiederholen und am Ende wird aus dem blödesten Halbwissen die endgültige Wahrheit. Für immer. Denn einerseits muss immer alles ganz schnell-schnell gehen und die Argumente werden einem im 60 Sekundentakt um die Ohren gespamt aber andererseits ist das dann „für immer“ weil das Internet vergisst ja niemals.

Also wenn sich wirklich alles genauso wortwörtlich zugetragen hätte, wie hier oben in „Laut.de“ beschrieben, dann wäre der Herr Leonard Phillips Graves für mich echt abgehakt in die Kategorie „Armer alter Punk-Opa hat keenen Erfolg mehr und muss auf Teufel komm raus nochmal hochpeinlich provozieren damit überhaupt noch jemand von ihm Notiz nimmt“

Aber war es wirklich so? Was ist eigentlich passiert und wer hat wann was wieso gesagt? Und warum ist das eigentlich geschehen? Was ist vorher passiert? Und warum hat der Herr Graves genauso so reagiert wie er reagiert hat? War sie ’ne Konzertbesucherin? (In anderen Webzines steht sogar zu lesen „eine 16jährige Konzertbesucherin“). War sie alleine? (…) Und passierte das alles rein zufällig während einer „Konzertpause“? Was ist eigentlich eine „Konzertpause“ bei einem Dickies-Konzert? Und passierte das „in Folge“ weil irgendwann irgendwer in einer Konzertpause ein Schild hoch gehalten hat? War das der Anlass?

Oder war da noch was ganz anderes?

Jeder der mal selber auf auf ’nem Konzert der Dickies war oder auf einer anderen x-beliebigen Punkrockshow wird nach diesen paar Fragen den Laut.de Artikel zumindest anzweifeln.

Human Parasit Fanzine: Ich glaube wir müssen und nicht darüber unterhalten, was eine Song- oder Konzertpause ist und eigentlich ist es doch auch eher zweitrangig, wie alt die Dame gewesen ist, ob sie alleine war und ob es letztendlich ihr Schild gewesen ist, dass Philips zu dieser Schimpftirade veranlasst hat. Habt ihr denn Antworten auf die vielen Fragen oder alternative Quellen, die den Vorfall von einer anderen Seite beleuchten?

Johnny Bottrop: Der Sänger der Band „Die Schwänzchen“ (im Sinne von „Die kleinen Schwänzchen“) deren erste Platte den Titel trägt „Die unglaublich schrumpfenden kleinen Schwänzchen“ wurde auf der Bühne von einer Gruppe ca. 30 − 35 Jahre alter Menschen lautstark verbal attackiert, weil diese sich an den Tour-Tagen zuvor über einen Teil seiner Show echauffiert hatten in welchem er mit einer ca. 1 Meter grossen Penis-Handpuppe redet – satirisch, sein Freudsches „Es“ symbolisierend, wie bei einer Sitzung der örtlichen psychatrischen Selbsthilfegruppe – und die er schon seit 1983 oder 1984 auf jeder Show und mit ähnlichen Songansagen verwendet. Auch auf All-Ages-Shows. Dieses Theater-Utensil war auch schon Bestandteil von 2 Warped-Touren davor und die Band wurde ja nicht zum dritten Mal gebucht OBWOHL sie eine etwas schräge, satirische und „offensive“ Show macht, sondern WEIL sie das so macht. Während des Denver-Konzerts der Dickies brüllten Mitglieder der Gruppe der 30 − 35jährigen Menschen über einen Zeitraum von ca. einer halben Stunde ziemlich … hmm … sagen wir mal „diffamierende“ Beschimpfungen in Richtung Bühne, und zwar immer dann, wenn der Sänger nach einem Song-Ende das Show-Programm mit ’ner Ansage für`s nächste Lied weiterführen wollte. Das passierte auch schon in den Teilen der Show, in denen die erwähnte Penispuppe noch gar nicht zu sehen war. Später kam die Gruppe nach vorne bis an die Bühne und die oben erwähnte Frau und auch andere aus der Gruppe riefen in Richtung Sänger Wörter wie „Kinderschänder! Kinderschänder!“ und wohl auch Übleres. Welche Wörter sie bei den Tiraden davor verwendeten, kann man im Internet nicht finden. Zum Schluss bewarf eine Frau aus der Gruppe den Sänger mit oben erwähntem Plakat, verfehlte ihn aber. Die Mitglieder der Gruppe waren nicht etwa Zuschauer oder „Fans“ sondern Peoples aus der für die Warped Tour arbeitenden Crew. Sie waren vor dem Zwischenfall mindestens 7 Tage a 12 Stunden lang zusammen mit der Band The Dickies im selben Tour-Routing auf den selben Parkplätzen, Backstage-Areas und in den gleichen Cateringzelten gewesen. Sie werden sich wohl jeden Morgen mit der Zahnbürste in der Hand auf dem Weg zu den Sanitär-Containern begegnet sein.

Das alles steht nachzulesen im offiziellen Statement der Warped Tour, in der ersten „Entschuldigung“ von Leonard Graves Phillips, in der zweiten Entschuldigung von Leonard Graves Phillips (beide sind ja keine wirkliche Entschuldigungen für’s Ausrasten selber, aber für die Wortwahl des Ausrasters) und in den zahlreichen Kommentaren von Fans und Zuschauern unter diesen drei Einträgen (die Kommentare von der Punk-Fotografin Pia Zadorable geben die Sicht der Dickies-Fans unter den Zuschauern ganz gut komprimiert wieder). Auch im Kommentar von Lina Lecaro in der LA Weekly (welche, die Ansichten der Dickies Fans übrigens überhaupt nicht teilt, sondern eher den Standpunkt der Protestierer einnimmt) wird das so bestätigt.

Zur geschichtlichen Einordnung des Dickies Songs, ihren Performances und von Fun und Selbstironie von Punkrockern und Punkrock als Solchem gibt`s ’n charmanten Kommentar der jungen „Epiphany Exe“ und das südkalifornische Punk/HC/DIY/Kult-Fanzine INK DISEASE packte sogar mal den ganzen Grund für die Aufregung auf’s Titelbild (und feierte die Band dafür) – im Jahr 1984.

Alle Links und Belege stehen unten gelistet.

Sind all diese Umstände wirklich „zweitrangig“, wie oben in der Frage formuliert?

MC Motherfucker: Fakten sind in einer fairen Berichterstattung, gerade wenn es darum geht, dass eine Person öffentlich diskreditiert und an ihrer Integrität gesägt wird, schon wichtig, meinste nicht, Bäppi? Ich habe mir vor meinem FB Post, in dem ich den Vorfall als punktypisches Verhalten beschrieb, erstmal Graves erstes Statement, das Poster welches die Frau hoch hielt und den Ausraster von Graves angesehen und mir war eigentlich sofort klar, dass da gerade von Noisey.de (die den Ausraster ja sofort als „sexistischen“ Ausraster in der Headline werteten) der Versuch unternommen wurde, eine Sau durchs Dorf zu treiben. Mehr Fakten brauchte ich erst mal nicht.

Ich hab in meinem Leben schon die politisch korrektesten Leute derart ausrasten sehn, dass sie sich später wochenlang nicht aus ihrer Bude getraut haben, bei dem was sie da vom Stapel gelassen haben und auch Graves war laut seinen Statements zur Sache offensichtlich nicht sehr glücklich mit seiner Ausrast-Performance. Ein Ausraster ist eben nicht kontrollierbar sonst wär’s ja keiner.

Die ganze Angelegenheit ist ein stinknormaler Konflikt zwischen zwei Menschen die unterschiedlicher Meinung waren und gegenseitig sehr verletzlich agierten. Bei jedem Konflikt gibt es aber erst mal einen Aggressor und das war in diesem Fall die Frau der Saver-Scenes-Gruppe, die dem Sänger auf ihrem Poster indirekt Pädophilie unterstellte. Von diesem Moment an traue ich aus langer Erfahrung jedem auf der Bühne stehenden Menschen alles Erdenkliche zu. Diese Frau hat wirklich den falschesten Knopf gedrückt, den man bei einem konzentrierten, angespannt performenden Bühnenmenschen drücken kann. Ich kenne Leute die hätten ihr dafür die Fresse poliert und ich meine keine Machos oder Macker oder sonstige „harten“ Kerle, denn Solche kenn ich nicht.

Sie wollte ihn vor allen Anwesenden diskreditieren. In der ganzen Debatte um diese Nummer wird der Umstand, dass die Frau ihn wirklich weit unter der Gürtelinie angegangen hat, leider völlig ignoriert.

Ich glaube das dieser Vorfall so kontrovers diskutiert wird, liegt einerseits an der zunehmenden primitiven Freund-Feind Politisierung der ganzen Gesellschaft, und in den USA ist zusätzlich auch die Punkszene teilweise übermoralisiert. Ich meine da gibt es Christen-Punks und Konservative-Punks und so Zeugs, das kannst du dir nicht ausdenken. Und zu allerletzt schwelt da auch ein heftiger Generationskonflikt. Eine junge Punkgeneration die diesen Nihilismus, den Anarchismus und die ironischen Provokationen, den groben ungefilterten Ton der alten Punkgeneration gar nicht mehr verstehen.

Human Parasit Fanzine: Ich gebe euch vollkommen Recht, das mit dem ganzen Hintergrundwissen rund um Philips Ausraster, dieser „Vorfall“ in ein völlig anderes Licht gerückt wird. Das die Medien Meinungsmache betreiben wissen wir ja nicht erst seit ein paar Tagen. Das Internet vereinfacht die ganze Geschichte einfach nur, obwohl es auf der anderen Seite manigfaltige Möglichkeiten bietet, sich alternative Ansichten, andere Blickwinkel und schier unendlich viele Hintergrundinformationen auf den Bildschirm zu zaubern und so zu einer eigenen differenzierten Meinung zu kommen. Aber wer macht das heutzutage noch? Viel zu aufwendig. Und wir hätten keinen Grund für dieses Gespräch…

Noisy ist übrigens der Musikkanal von Vice, die beide in meinem Facebook regelmäßig mit brandheissen News über Feine Sahne, David Hasselhoff, die krassesten Anti-Polizei-Lieder im Rap oder 10 Fragen an eine Sexarbeiterin, die du dich niemals trauen würdest zu stellen, auftauchen. Und was in meiner Timeline steht muss stimmen, wenn es nicht vom Postillion gepostet wurde. Vice – unbequemer Journalismus und Dokus zu allem, was wichtig ist… zu sehen auf dem Qualitätssender RTL2 gleich nach Der Dennis Show.

Johnny Bottrop: Noisey/Vice finden wir eigentlich ziemlich Okee – die präsentieren ja sogar unsere nächste Tour. Es lag halt bloss an diesem übereifigen schnell-schnell Falsch-Gespäme wodurch das Thema so vermaledeit wurde. Der MC bezieht sich auf das Statement vom Dickies Sänger, aber ausgerechnet das wird von Noisey nicht auf deutsch übersetzt dem Interview vorrangestellt.

Der Redakteur der ganzen Geschichte ist aber trotzdem ein Guter und Punk-Ambitionierter …und Noisey/Vice kann man sich auch gerne öfters mal reinziehen, weil hier im Gegensatz zu den ganzen anderen „Qualitätsmedien“ zumindest immer wieder mal die Finger in Wunden gelegt werden, wo’s so richtig weh tut.

Human Parasit Fanzine: Können wir die Dickies-Geschichte mit dem Fazit „ein stinknormaler Konflikt zwischen zwei Menschen die unterschiedlicher Meinung waren und gegenseitig sehr verletzlich agierten“ zu den Akten legen?

Johnny Bottrop: Ja, können wir – bis auf diese Sache, die dabei immer vergessen wird: wie vollkommen göttlich fast alle ihre Platten sind … und dass sie schon seit 1977/78 allen anderen Punkrock-Songschreibern in Sachen Arrangements, Tempo, Melodien, Flow, Reime und Technik um Lichtjahre voraus waren. Und sie wirken dabei auch überhaupt nie „männlich“ oder „machohaft“ sondern eher wie androgyne Glam Rocker in der Pubertät, denen man zuviel Speed gegeben hat. Ihre Melodien und die kastraten-mässigen Falsett-Chöre kommen rüber wie The Sparks auf 178 Umdrehungen, ihre Themen sind trashige SF und Horrorfilme aus den 50ern und 60ern, fast wie bei den Cramps. Sie singen auch nicht „Kill The Hippies!“ oder „Never Trust A Hippie“ sondern covern und verwursten stattdessen die Heiligtümer der Hippie-Musik in Überschallgeschwindigkeit. Im Jahr 1981 erleidet die Band dann einen tragischen Karriereknick. Erst kündigt ihr wichtigster Musiker und ihr Band-Multitalent, der an schweren Depressionen leidende Chuck Wagon (Gitarre, Keyboards, Saxophon… ) seinen baldigen Ausstieg an und ein paar Monate später bringt er sich um, wenige Stunden nach einem seiner letzten Auftritte mit den Dickies. Seitdem ziehen sich Tragik, Todesfälle, Heroinsucht und Pleiten durch den gesamten weiteren Verlauf der Bandgeschichte, was sicher auch ein Grund dafür ist, wie sehr viele Dickies-Fans weiterhin zu der Band halten und sofort nach der Denver-Geschichte im Internet für die Band Stellung beziehen und teilweise sehr heftig auf die Vorwürfe von „Safer Scenes“ reagieren.

Human Parasit Fanzine: Die Frau gehörte der Gruppe „Safer Scenes“ an, die sich dem Schutz von Besucherinnen, Minderjährigen und Minderheiten vor Übergriffen, Gewalt und Belästigungen auf einem Konzert widmet, also eigentlich ein richtiges und wichtiges Anliegen. Was denkt ihr, worauf die derben Anschuldigungen und Vorwürfe den Dickies gegenüber beruhen und aus welcher Motivation heraus diese Aktion gestartet wurde?

Johnny Bottrop: Stimmt – das Anliegen von „Safer Scenes“ – Schutz vor Übergriffen, Gewalt, Belästigungen – ist doch eigentlich total richtig und wichtig. Vielleicht weniger notwendig im kleinen Punk-Schuppen, aber auf jedenfall bei grösseren Veranstaltungen. Manche Männer sind Idioten. Viele Männer sind zwangsläufig mehr Idioten.

MC Motherfucker: Die Vans-Warped-Tour ist eine Grossveranstaltung mit mehreren tausend Besuchern und einem Dutzend Bühnen. Eine ziemlich unübersichtliche Sache. Offensichtlich gab es in Vergangenheit Zwischenfälle mit sexuellen Belästigungen und Übergriffen im Publikum, so dass „Safer Scenes“ von Kevin Lyman, dem Tournee-Chef, zu der Tour eingeladen wurden.

Ich habe in meinem anderen Job als Tourneeleiter viel Erfahrung mit solchen Sicherheitsfragen, gerade auch bei grösseren Veranstaltungen und verstehe deshalb diesen Move der Warped-Tour nicht wirklich. Klar ist es cool wenn „Safer Scenes“ da ’nen Infostand auf der Tour haben und Kids aufklären und für das Thema sensibilisieren, aber für Sicherheit innerhalb des Publikums sorgen immer noch gut ausgebildete und angewiesene Security-Kräfte.

Johnny Bottrop: Um Vertrauen und Sicherheit zu gewährleisten braucht es auch gut ausgebildete und eingewiesene weibliche Security-Kräfte.

MC Motherfucker: Das kostet natürlich Geld und so ganz 100% kann keiner garantieren, dass nicht doch etwas passiert. Nur stellen sich derartige Verfehlungen im Publikum bei Sicherheits-Konzepten hier in Europa nicht als generelles Problem dar. Ich weiss, dass in den USA solche Veranstaltungen von den Behörden nicht so streng geprüft werden und sich Veranstalter natürlich dann auch gern Security-Kosten sparen.

Johnny Bottrop: Allerdings ist ein Elektro-Festival in Schweden wegen massiven Zwischenfällen im letzten Sommer komplett abgesagt worden. Es gibt dieses Problem also auch in Europa. Aber eher da wo elektrische Druffi-Musik von Druffi Peoples mit jede Menge Substanzen zum Druffi-Sein konsumiert wird.

Bei den „Safer Scenes“ frage ich mich, warum eine Freiwilligen-Organisation, die vergleichbar ist mit „Viva Con Aqua“ oder „Kein Bock auf Nazis“ vom Warped Veranstalter offiziell zur Festival-Crew befördert wurde, obwohl sie vermutlich nicht so viel Erfahrungen mit dem Ablauf und der Durchführung von echten Sicherheitsaufgaben bei ’ner Grossveranstaltung haben. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass das demonstrieren gegen einen Sänger einer gealterten Punkband mit offensiv-selbstironischer Bühnenshow zum typischen Aufgabenbereich einer Festival-Crew gehört.

MC Motherfucker: Philips hatte wohl die ganze Warped-Tour lang die Show mit dem ironischen Spruch beendet: „Ihr seid wirklich sehr gut aussehende Kids, wir würden gern runter kommen und mit euch rummachen aber wir haben keine Zeit und müssen jetzt los“ Ein typischer „Dickies“ Gag eben, anrüchig, ironisch aber völlig harmlos.

Johnny Bottrop: In jeder Talkshow von Kurt Krömer oder Jan Böhmermann werden „anrüchigere“ Sprüche formuliert.

MC Motherfucker: Denke mal, dass die „Safer Scenes“ Dame schlichtweg die Ironie hinter dem Spruch nicht kapiert hat und so eben auf die Idee kam ihr Schild zu malen und die Band für ihre Art der Performance anzugreifen. Leute die sich andauernd mit ein und dem selben Thema beschäftigen neigen eben oft zu einer stark selektiven Wahrnehmung und ich denke das führt dann auch zu einer derartigen dogmatischen Überreaktion auf diese Ansage des Sängers.

Human Parasit Fanzine: Darf ein Sänger auf der Bühne sein Publikum mit Wörtern wie „fette Fotze“, „Spasten“ oder „homophobe Schwuchteln“ beschimpfen?

MC Motherfucker: Du vermischst jetzt geschickt Ausdrücke von Philipp’s Ausraster mit Dingen die ich auf der Bühne ganz gern dem Publikum an den Kopf schmeisse. Netter Versuch. Ich werte seinen Ausraster allerdings nicht als künstlerische Ausdrucksform sondern eben als unkontrollierten Wutausbruch.

Generell gilt, solange ein Punksänger oder irgend ein anderer Künstler auf der Bühne steht, performt und sich in einer künstlerischen Aktion befindet, darf er eigentlich „Alles“ sagen. Er benutzt dann ja Ausdrücke artifiziell, theatralisch, satirisch, fiktiv oder provokativ. Bei mir geht es darum etablierte Schimpfwörter ad absurdum zu führen. Ich benutze Fotzen vorzugsweise Unisex und noch lieber nur auf Männer gerichtet. Spasten find ich einen eher interessanten Ausdruck, den ich im Real Life gern bei Leuten verwende, die offensichtlich dummes Zeug erzählen, also scheinbar spastische Anfälle im Gehirn haben.

Wir heissen ja auch nicht TERRORGRUPPE weil wir Terrorismus ganz toll finden, genau so wenig wie SLAYER Leute in ihrem Bandkeller zerstückeln oder KING ORGASMUS ONE Frauen vergewaltigt und versklavt.

Body-Shaming („zu fett“) von der Bühne auf eine bestimmte Person bezogen find ich allerdings nicht sehr stilvoll – hat auch in den wenigsten Fällen mit Kunst zu tun, drum wirst du so was von mir nie hören.

Johnny Bottrop: Es heisst ja eigentlich auch „Spästen“ – mit Ä. Ich glaube das kommt noch aus den 90ers und hat was mit den Fans der Die Ärzte zu tun. Die Stefanie Sargnagel hat vor zwei Wochen über die Verwendung von unkorrekten Schimpfwörtern was sehr Kluges gesagt: „Ich bin zwar ein bekennender linkslinker Gutmensch, der keine Schimpfwörter verwenden will, die gegen marginalisierte Gruppen gehen – auf der anderen Seite bin ich aber auch ein Prolet und hab diese Dinge sehr verinnerlicht … Ich möchte diese Wörter eigentlich nicht mehr verwenden. Das Problem ist, dass es wirklich wenige Alternativen gibt – also, es ist eigentlich ganz schwierig politisch korrekt zu schimpfen, ohne wie ein gehirnamputiertes Lehrerkind zu klingen… Schimpfwörter entstehen leider auf der Strasse und nicht im linken akademischen Diskurs. Und ich bin immer auf der Suche nach Alternativen – eine, die mir bisher eingefallen ist, ist die, dass man sagen könnte: „Du Büro!“

Genau das suchen der MC und ich auch schon seit Jahren, zum Beispiel: „Du Flachbildschirm!“ – ein wirklich schönes Schimpfwort bei dem garantiert niemand diskriminiert wird. Ein paar andere hatten wir auch schon seit den 90ern in Songs oder Ansagen ausprobiert: „Biomasse“, „Eisenfrau“, „Nuttenprinz“, „Bausparkassen-Piercing“ … aber es wird wohl noch dauern, bis sich sowas durchsetzt. Emanzipatorische Kampfblätter wie der Human Parasit sollten da mal mitmachen und das progressive Schimpfwort „Flachbildschirm“ auch streuen und verbreiten.

Human Parasit Fanzine: „Punk darf alles“ wird oft als Ausrede für unreflektiertes Verhalten genutzt. Wenn ich mir eine Band anschaue, lege ich großen Wert auf Authentizität. Das darf dann auch gerne mal eine abgedrehte Kunst-Performance sein, aber infantile, sexistische und diskriminierende Ansagen muss ich mir nicht geben, vor allem wenn die vermeintliche Ironie dahinter nicht zu erkennen ist. Auch aufgesetzte Poserscheisse von studierten Flachbildschirmen, die mir was vom Sound der Straße erzählen wollen, empfinde ich als belanglos und überflüssig. Wobei ich mir z.B. ein GG Allin Konzert, wenn überhaupt, auch nur aus der hintersten Reihe mal angeschaut hätte.

MC Motherfucker: Wie oben schon erklärt, Punk darf Vieles (nicht „Alles“) solange der künstlerische Rahmen nicht verlassen wird. Wenn jetzt jemand im Publikum die Ironie hinter dem auf der Bühne Gesagtem nicht versteht – gut. Entweder da ist gar keine und du hast Recht, wenn du dem Künstler unreflektiertes, infantiles, diskriminierendes Verhalten vorwirfst. Ich will das nicht ausschliessen, hab ich selbst schon des öfteren erlebt …

Johnny Bottrop: Wir denken da zum Beispiel an ein bestimmtes Konzert einer englischen original 77er Punkband im alten Cafe Zapata irgendwann Mitte der 2000er Jahre.

MC Motherfucker: … Oder aber der Zuschauer versteht halt die Ironie nicht und läuft dem Künstler mit seiner Kritik ins offene Messer. Denn nichts anderes will er ja mit seiner Provokation erreichen. Blitzbirnen entlarven, Dogmatiker bloss stellen und eine Diskussion entfachen. Übrigens der Hauptgrund warum ich den „The Dickes“ in meinem kontroversen FB-Post den Ritterschlag verpasst habe.

Johnny Bottrop: Blitzbirnen entlarven, Dogmatiker bloss stellen und eine Diskussion entfachen – das ist alles durchaus „punktypisch“.

MC Motherfucker: Und zwischen einem „authentischen“ Künstler und einer Kunstperformance gibt es einen grossen Unterschied. Das ist die alte Frage: Sex Pistols oder The Clash? Oder auf neu zum Beispiel Terrorgruppe oder Feine Sahne Fischfilet? Während John Lydon oder Archi in ihre Kunstfiguren Johnny Rotten und MC Motherfucker mit ihren künstlichen, manchmal krassen Charakteren schlüpfen und nur soviel von ihrem wahren Ich preisgeben wie notwendig, sind Joe Strummer oder Monchi halt durch und durch authentische Performer, da gibt es keinen Unterschied zwischen der Privat- und der Kunstfigur. Ich finde beide Arten von Künstlern wichtig und interessant – aber es sind zwei grundverschiedene Herangehensweisen.

Johnny Bottrop: Und das gilt nicht nur für Punkrock, sondern für alle Musik und Kultur, Bruce Springsteen oder Frank Zappa? Boris Vian oder Simone de Beauvoir? Titanic Magazin oder Konkret? Wenzel Storch oder Volker Schlöndorf? Wolfgang Neuss oder Rudi Dutschke? Christoph Schlingensief oder Wim Wenders? The Fugs oder Joan Baez? Ich hab mich schon mit 13 oder 14 Jahren für die Seite von Rotten, Zappa, Vian und Neuss entschieden. Aber die andere Seite – die Seite der „ehrlichen Ernsthaften“ hat auch viel Grosses und Gutes zu bieten. Kein Frage.

Grossen Disput und Lacher gibt es immer dann, wenn die Anhänger der ehrlichen „ernsthaften Kunst“ mit akademischer oder dogmatischer Vorbelastung auf die andere Seite treffen. Noch nie hab ich gehört, dass die Anhänger von Satire und bösem Fun vor einem Kunstwerk oder einer Performance der ehrlichen eifrigen „Ernsthaften“ protestiert haben und nach Abbbruch, Dingfestmachen und Bestrafung der Übeltäter geschrien haben. Aber umgekehrt machen sich die dogmatischen ernsthaften Eiferer mindestens einmal im Jahr lächerlich mit Protest und Aktionen gegen tolle subversive Kunst, bloss weil sie diese nicht so ganz verstehen. Oder verstehen wollen. Aktionen gegen Bands, Konzertläden, Programmkinos und Filmemacher, zum Beispiel gegen Wenzel Storch und Christoph Schlingensief. Dabei gibt Wenzel Storch’s „Sommer der Liebe“ bloss einen ironischen Verweis auf die 70er Jahre Aktenzeichen XY Tramper-Mordgeschichten vom CDU-Law and Order Moderator Ede Zimmermann und der Christoph Schlingensief verwurstete den deutschen Hassmob von Hoyerswerda und Lichtenhagen in ein Russ Meyer mässiges Trash-Movie. Heutzutage – 25 Jahre danach – trauern und jammern die Filmkritiker darüber, dass sich angesichts von Heidenau, Clausnitz, Bautzen usw. kein Regisseur mehr traut so einen kruden und beleidigenden Angriff zu veranstalten wie das Schlingensief 1992 in „Terror-2000“ gemacht hat. Damals wurden (alternative) Programm-Kinos , welche die Filme von Schlingensief und Storch im Programm hatten von autonomen Feministinnen gestürmt und Filmrollen zerstört – bloss weil sie die Kunstform nicht so ganz kapiert hatten.

Und in diesem Jahr – drei Wochen vor den Wahlen, gegen Ende August – wurde sogar der Partei „Die Partei“ allen ernstes von mehreren Seiten „Sexismus“ und „Menschenverachtung“ vorgeworfen. What a joke.

(Ganz zu schweigen von dieser Geschichte, dass sich ein schwitzender Punk-Drummer nicht auf der Bühne sein T-Shirt ausziehen darf – aber das ist eine andere Baustelle, damit will ich jetzt erst garnicht anfangen, hat ja nur wenig mit Satire und Ironie zu tun)

All diese Aktionen richten sich viel zu häufig gegen die eigenen, die bunten, die aufgeklärten, die linken, die rebellischen, die unangepassten Daseinsformen von Underground- und Gegenkultur – nicht gegen die grosse Gesamtscheisse da draussen. Da hauen Leute aufeinander ein, die eigentlich zu 95% oder 99% der gleichen Ansicht sind und verbinden dabei in ihrem Kern reichlich dämliche Argumente mit einer absurden Sprache aus akademischen Worthülsen, während es draussen – in der Realität ausserhalb unserer Gegenkultur – wirklich brennt – so richtig. Überall in der westlichen Welt ziehen Parteien mit hochgradig frauenverachtender, homophober und rassistischer Agenda in die Parlamente. Grundlegende Erkenntnisse zu Gleichberechtigung, fairem Lohn oder zu Schwangerschaft / Verhütung werden weltweit von rechten, ultrakonservativen, nationalistischen, rassistischen und autokratischen Männern angegriffen. Überall spriessen und schiessen Abtreibungsgegner und Frauen-zurück-zu-Kindererziehung-und-Herd aus dem braunen Morast. Und Medien und Werbung wurden in den letzten Jahren auch nicht gerade weniger sexistisch, nur halt ein bisschen subtiler und hinterhältiger. Aber verglichen mit der Situation der Frauen in der Dritten Welt sind das alles fast noch Luxusprobleme, dort kommen zusätzlich zur täglichen Unterdrückung und Ausbeutung noch Hunger, Armut, Krieg, Flucht, Vertreibung … oder Ermordung durch die eigene Verwandtschaft.

Bei all der ganzen grossen Gesamtscheisse da draussen finde ich es ein wenig bizarr ausgerechnet in Punk, Satire und Gegenkultur Frontlinien eröffnen zu wollen, das wirkt fast wie eine Übersprungshandlung aus Machtlosigkeit. Etwa so: „Ich kann nichts daran ändern, dass 48% der gültigen Wählerstimmen in meinem Land an einen sexistischen marktradikalen Tycoon voller Sympathien für den KKK gegeben wurden, also stürze ich mich stattdessen auf den Sänger der Dickies und seine Performance-Utensilien, denn der ist für meine Aktionen erreichbar. Dabei ist es mir herzlich scheissegal, dass dieser Sänger vermutlich genauso entsetzt ist darüber, dass 48% der gültigen Wählerstimmen in seinem Land einem sexistischen marktradikalen Tycoon voller Sympathien für den KKK gegeben wurden.“

Aber ich schweife schon wieder vom Thema ab. Und das ist „Punk“.

Ich krieg in Gesprächen mit anderen Punkbands schon manchmal mit, dass einige Sänger wirklich mittlerweile ein bisschen Angst davor haben mit ihrer Performance irgendwo anzuecken und dass sie deshalb eine möglichst „cleane“ Sprache verwenden wollen, die bloss niemanden von irgendeiner Szene-Fraktion vor den Kopf stossen könnte. Es gibt Bands, die gehen vor der Plattenaufnahme zu Profi-Textern, Musik-Beratern und sogar Jugendpsychologen (!!) um ihre Artikulationen 100% durchchecken zu lassen. Ganz schön „safe“ und steril. Und langweilig. Oder?

Human Parasit Fanzine: Ist Punk zu weich gespült, nur noch mit angezogener Handbremse und Sicherheitsnetz und doppeltem Boden?

MC Motherfucker: Für mich stellt sich das im Allgemeinen so dar, ja. Mit einigen wenigen Ausnahmen wie z.B. PISSE ist Punk in allen Richtungen zu selbstgefällig und feige geworden.

Entweder fahren Bands die Dienstleistungspunkschiene mit den üblichen 08/15 Agitationen gegen Nazis, gegen Hipster, gegen Spiesser, gegen Bullen, dann ein Liebeslied und ein „Wir sitzen mit den Freunden an der Bar und feiern unsere Erinnerungen“ Song, mit dem üblichen Uptemposound und den zu lauten Marshall-Gitarren.

Oder Bands haben den Düsseldorf-Virus, machen komplett auf Pathos und versuchen damit ins Radio und in die Stadthallen zu kommen.

Dann gibt es noch das Heer an Jens Rachut-Epigonen (wobei der sich ja eigentlich auch bloss viel bei Peter Hein / Fehlfarben abgeschaut hatte) – eine Armee von dutzenden Bands mit dem immer gleichen eintönigen Plärrgesangs-Style im monotonen 1/4 Takt Flow mit indie-artigen Zupfgitarren-Sounds und unverständlich verklausulierten Texten.

Und der Rest kopiert als Retro-Band so die jeweilige Lieblingspunkzeit, ihre Sounds, Mode, Inhalte und den dazugehörigen Habitus.

Neue Bands die die gesamte Szene krass auf den Kopf stellen wollen, die angreifen und wirklich eine neue krasse Vision haben gibt es leider so gut wie nicht. Da hat der HipHop dem Punk schon einiges voraus.

Johnny Bottrop: Vielleicht geht es den unterschiedlichen Fraktionen und Moden ja heutzutage einfach zu gut. Denk mal an die Anfänge vom Ami-Hardcore in 1980/81, zum Beipiel mit welchen Mut und offensiven Drang die frühe Skate- und Hardcore-Punk Szene in den Südstaaten loslegte. In einer Gegend voller rassistischer, gewalttätiger Bullen und Polizeichefs oder Richtern, die Sonntags nach der Kirche mit ihrer Freundschaft zum KuKluxKlan prahlten, gab es in jeder grösseren City eine kleine Crew von 3-4 Punkbands und ca. 50 −100 Kids, welche auch schon die gesamte existierende Szene ausmachten. All diese Bands sangen krudes anarchistisches Zeugs , nicht nur über die texanischen Bullen und den KKK sondern auch ganz Schräges, es gibt Songs über pädophilen Fuss-Sex (The Dicks) oder wie man sich auf das Türklingeln der Avon-Beraterin freut, weil man die mal so richtig flachlegen möchte (The Feederz). Damals haben anscheinend alle im Publikum sofort verstanden wie böser Spass und subversiver Fun gemeint sind. Und die Sorge auf dem Nachhauseweg von einem übereifrigen Sheriff, welcher sich gerade auf Punker- und Schwulen- und Mexikanerjagd wähnt, in den Rücken geschossen zu werden, war dringlicher als irgendein Disput darüber, welche Wörter und welche Bühnen-Utensilien man vor 16jährigen Mädchen verwenden darf oder auch nicht.

Apropos 16 Jährige Mädchen – da fällt mir gerade noch ein: Glauben die 30jährigen Protestierenden von „Safer Scenes“ eigentlich wirklich, dass 16jährige Mädchen nicht ganz gut für sich selber entscheiden können, ob sie einem alten Punksänger mit Penis-Handpuppe bei seiner Show zusehen wollen oder nicht?

Anyway – die texanischen Bands Dicks und Feederz gelten mittlerweile als legendär, zurecht – aber eine junge Band, die heute ähnlich skurriles Zeugs singen würde, die hätte sicher ein paar Probleme und Auftrittsverbote.

Noch mehr als für Hardcore 1981 gilt das natürlich für nasty 77-Punk, Songs wie „Loudmouth“ , „Beat On The Brat“ oder „The Bitch“ – geht das überhaupt noch? Selbst Songtexte von Wire: übersetz doch einfach mal die Wörter von „Mannequin“ wortwörtlich in die deutsche Sprache, nimm dann einen eigenen Song mit deiner Band auf und bewirb dich bei ’ner Konzertgruppe. Viel Spass!

Human Parasit Fanzine: Ist der 77er-Punk-Modus überholt, nicht mehr en vouge und gehört in die Geschichtsbücher, weil ihn nur noch die Ü40-Fraktion versteht?

Johnny Bottrop: Genauso wie ich oben geschrieben habe, dass sich angesichts von Heidenau und Clausnitz die Filmkritiker wieder nach mutigen schrägen und offensiven Filmen wie „Terror-2000“ zurücksehnen, genauso sollte es heute eigentlich auch viel mehr bitterbösen Fun und Spott in der Musik geben. Von einigen Punk-Bands kommt da wenig, viel Appelle und Predigten vor Bekehrten und zuwenig böse Schadenfreude. Dann lieber die Stefanie Sargnagel.

MC Motherfucker: Du fragst „ …ist 77-Punk überholt, weil ihn nur noch die Ü40 Fraktion versteht….?“ Das würde ja bedeuten die unter-40 Fraktion hätte mehr Recht darauf Punk zu definieren als die alten Zeitzeugen. Kann man so den gut bürgerlichen Ottonormal-Generationskonflikt auf die ganze Punksache übertragen? Wenn dem überhaupt so wäre, sollen nicht einfach diejenigen unter-40 Punker, welche den 77-Modus nicht verstehen, mal eine eigene Subkultur für sich erfinden, wie wärs denn damit? Neuer Name, neue Regeln, neues Glück!

Ohne die 70er Jahre und ihrem Style kein Punk, so einfach ist das. Und wer’s nicht erwarten kann bis auch der letzte Punkveteran aus der Zeit sein Maul hält, muss sich halt einfach mal in der guten alten Geduld üben.

Aber ich habe eigentlich gar nicht das Gefühl dass Jung-Punx uns alte Säcke so scheisse finden und nicht verstehen, ich stosse da eher auf Bewunderung und grosses Interesse.

Johnny Bottrop: Von Punkmusik muss einfach wieder die klare Botschaft ausgehen: „Punkers sind Täter – keine wehklagenden Opfaz.“ Deshalb mag ich Hammerhead und deshalb find ich auch den ersten Videoclip „Zurück in unserer Stadt“ zur neuen Platte von Feine Sahne Fischfilet sehr anregend und richtungsweisend.

Human Parasit Fanzine: „Punkers sind Täter – keine wehklagenden Opfaz.“ ist doch ein wunderbares Fazit für dieses sehr interessante Gespräch und wir könnten uns wahrscheinlich noch seitenlang über 77er Punk, Feine Sahne Fischfilet, KIZ und wie sich „Punk“ in den letzten Jahren verändert hat, unterhalten. Vielleicht treffen wir uns einfach noch mal, wenn alle Beteiligten der Ü-40 Fraktion angehören und erörtern das auf ein Neues… Ich danke euch beiden ganz herzlich für die ehrlichen und ausführlichen Antworten und freue mich auf ein gemeinsames Bier in Hannover.

weiterführende Links:

Warped Tour Statement

https://www.altpress.com/news/entry/warped_tour_founder_kevin_lyman_on_the_dickies_controversy

Leonard Graves Phillips zum Ersten

https://www.facebook.com/notes/the-dickies/the-disgusting-old-man-behind-the-dick-puppet/10155395725655891

Leonard Graves Phillips zum Zweiten

https://www.facebook.com/notes/the-dickies/moving-forward-and-back-to-where-it-all-started/10155416711340891/

( Da auch in der Kommentarspalte scrollen und die Comments von der Fotografin mit FB-Namen „Pia Zadorable“ lesen)

Lina Lecaro

http://www.laweekly.com/music/the-dickies-warped-tour-rant-was-safer-scenes-right-to-heckle-leonard-graves-phillips-8397230

dazu nochmal Leonard:

http://www.laweekly.com/music/the-dickies-leonard-graves-phillips-responds-to-our-article-about-his-warped-tour-rant-8527393

Epiphany Exe

https://www.youtube.com/watch?v=nTuWJem6X_I

Ink Disease

https://www.facebook.com/pg/inkdiseasefanzine/photos/?tab=album&album_id=1255713274551243