STILLER – Stiller LP

Die Fachpresse wird dieses Release abfeiern, von Kontrastierungen wie Dissonanzen und von Feingefühl und Moll und Harmonie im Wechsel schwärmen und natürlich darauf verweisen, dass hier unter anderem ein gewisser Nico trommelt, der auch bei dieser einen berühmten Band aus Mönchengladbach hinterm Schlagzeug sitzt. Wobei STILLER explizit nicht Nebenprojekt genannt werden will. Der andere mach Radio, einen Internetblog und hat in einer nicht so berühmten Mönchengladbacher Band musiziert. Nein, ich meine nicht Die Strafe, es gibt durchaus mehr als zwei Bands, die aus der niederrheinischen Metropole kommen, obwohl fast alle wie eben diese beiden berühmten Aushängeschilder klingen. Das nennt sich wohl Mönchengladbacher Schule. Eine Begrifflichkeit, die mir ähnlich wie das Hamburger Pendant, nicht so recht schmecken will. Wer ist schon gerne zur Schule gegangen und wer mag eigentlich Kopfpunk mit Brille und Strickpullunder von ein paar alt gewordenen Männern? Der dritte im Bunde kommt eigentlich aus Siegen und spielt in der berühmtesten Band aus Siegen. Aus der Stadt kommen übrigens auch Fotzenkrampf, Roimfahrzoich und die Eichelkäse-Elephanten. Geil. Ich glaube, einen Tonträger dieser Bands zu rezensieren, würde mir deutlich leichter fallen, denn ich finde sehr schwer Zugang zu STILLER. Die drei Musiker sind also Band und Bühnenerprobt. Und das seit vielen Jahren. Und da treffen sie sich also zwischen Prostata-Vorsorge, Sonntagsspaziergang und Gartenarbeit im Studio und nehmen diese Platte auf. Ohne vorher geprobt zu haben. Die Songs entstehen spontan. Das finde ich spannend. Herausgekommen ist eine Post-Punk Platte, die sich nicht so recht in eine Schublade stecken lässt. Mal ein bisschen Wave, dann NDW, dann wird es auch mal flotter und punkiger, aber meistens bleibt es kryptisch und sperrig und noisig. Das ist nichts für Mainstream-Konsumenten. 10 Songs befinden sich auf der sehr edel aufgemachten Schallplatte, davon ist Einer instrumental und Einer auf Thailändisch! Songthaeo ist eine Art Sammeltaxi, das typisch für Thailand und Laos ist. Wenn ich mein multilinguales Internet den Text übersetzen lasse, kommt folgendes heraus: Ein herzliches Willkommen, macht nichts, gib Trinkgeld. Und obwohl das alles zuweilen etwas holprig, verschwoben oder willkürlich wirkt, bieten die Texte genügend Raum für deine eigenen Interpretationen und passen dann am Ende doch irgendwie perfekt auf die Musik. „Was nicht passt, wird passend gedacht.“ Es gibt einen Diss gegen Thees Uhlmann und seine Armee der Spießer, geht um die Demontage des eigenen Körpers oder auch mal ganz profan gegen die tägliche Lohnarbeit. Aber immer schlau um die Ecke gedacht und zwischen den Zeilen versteckt. Dieses Album macht mir tatsächlich Spaß und ich habe ein bisschen Angst, dass mir auf einmal auch Tomte oder Klotz gefallen könnten. Entspannt auf dem Sofa liegen und in den Texten versinken, gelegentlich mit dem Kopf nicken und über das Leben sinnieren. Den Dackel ausführen, das Kleingeld im Portemonnaie für den nächsten Einkauf sortieren und Steckrübeneintopf kochen. In Würde altern und dabei STILLER hören, wenn um dich herum alles stiller wird. „Man sollte stets mit dem zufrieden sein, was man hat.“ Ich bin ganz überrascht, bei dieser Rezension ganz ohne dämliche Anspielungen auf den Bandnamen ausgekommen zu sein, zumal STILLE und STILLEN gerade ganz große Themen auf dem heimischen Bauernhof sind… Die Platte erscheint im Eigenvertrieb, obwohl sich da wahrscheinlich etliche Label die Finger nach geleckt hätten, ist auf 300 Exemplare limitiert und wird sicherlich schnell vergriffen sein und zum gesuchten Sammelobjekt werden.

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