SLIME – Unsere Lieder 7″

Groß geworden bin ich mit den Schlachtrufe BRD Samplern, nachdem die Toten Hosen zuvor mit „Hier kommt Alex“ und der „Schwarzwaldklinik“ den Weg geebnet hatten. Die erste Slime Veröffentlichung „Wir wollen keine Bullenschweine“ erblickte im selben Jahr wie ich das Licht der Welt und das letzte „gute“ Album „Schweineherbst“ erschien vierzehn Jahre später. Da hab ich noch wohlbehütet in meinem Kinderzimmer gesessen und goldene Türme aus Legosteinen gebaut. Ich hatte also nie eine wirklich enge Bindung zu der legendären Band aus Hamburg und bin erst sehr viel später an die ersten Platten gekommen. Natürlich waren Songs wie „Karlsquell“, „Bullenschweine“, „Religion“, „Linke Spießer“ und etliche weitere Hits der Band regelmäßig im Kassettenrekorder, meine Punksozialisation verdanke ich dann aber eher späteren Bands wie P.S.R., Die Versauten Stiefkinder oder Dritte Wahl. Irgendwann habe ich dann auch mal meine Slime-Diskographie komplettiert und neige heute eher dazu die späteren Werke „Viva La Muerte“ oder „Schweineherbst“ aufzulegen… wenn ich überhaupt mal wieder eine Slime-LP auf meinen Plattenteller bemühe. Nach der zweiten Reunion von 2009 habe ich sie dann auch im Mülheimer AZ live gesehen und war am Ende eher enttäuscht. Klar war es cool, die alten Gassenhauer nochmal vorgesetzt zu bekommen, da versprühen Bands wie z.B. 1982 aber deutlich mehr Glaubwürdigkeit, Aggression und Tempo wenn sie „Yankees Raus“ oder „Deutschland“ covern. Nach der Trennung von Schlagzeuger und Texter Stefan Mahler, mit dem ein sehr gutes Interview in der Plastic Bomb #100 zu finden ist, und dem Erscheinen des letzten Albums „Sich fügen heisst Lügen“ von 2012 verlor die Band für mich völlig an Bedeutung. Die vertonten Texte des Anarchisten Erich Mühsam sind einfach ein ziemlich tiefer Griff ins Klo gewesen, für mich eine unerhörte und unhörbare Angelegenheit. Jetzt, fünf Jahre später, wird ein nächstes Slime-Album erscheinen, das mit dieser vorherigen Single-Auskopplung angekündigt wird. Das Dortmunder Label People Like You hat sich den dicken Hamburger Fisch geangelt und stand in der Vergangenheit mal für liebevolle Aufmachungen, mit Herzblut und Sinn für Ästhetik. Diese Single dagegen ist eine absolute Frechheit. Sechs Euro kostet das kleine schwarze Stück Vinyl (alles streng limitiert und in Farbe auch ein bisschen teurer), das in billigster, dünner Papphülle steckt und ansonsten keinerlei Mehrwert aufbieten kann. Kein Textblatt, kein Downloadcode, einfach garnix. Das Artwork ist schlicht und nichtssagend, hier reicht das Bandlogo auf dem Cover wohl als Kaufanreiz völlig aus. Slime als Marke hat sich etabliert. Da bleiben die Inhalte dann eben auf der Strecke. Schon letztes Jahr erschien auf People Like You die Single „Sie wollen wieder schiessen (dürfen)“ in ähnlich dürftiger Aufmachung, die zumindest heute eine Wertsteigerung von über 250% auf Discogs erzielt. Slime als Geldanlage. Der Titeltrack weist zumindest einen ganz guten Text auf. Die Hamburger echauffieren sich, dass ihre alten Lieder immer noch nichts an Aktualität eingebüßt haben: „…Ich hätte lieber Unrecht, wär‘ gestrig nicht ganz richtig. Und hätte Feinde, die es gar nicht gibt. Wär‘ gern‘ ein armer Irrer, der einsam fantasiert, während im Gegenzug der Rest der Welt sich solidarisiert…“ wirkt auf mich ziemlich resignierend. Untermalt wird das Ganze dann von fürchterlichster Stadionmusik. Ein gar gruseliger Abklatsch der aktuellen Toten Hosen, Deutschrock, der auf die große Bühne möchte und sich irgendwo zwischen den rebellischen Düsseldorfern und Dritte Wahl einsortiert. Mit meinem Verständnis von Punk hat Slime 2017 in etwa so viel zu tun wie diese unsäglichen Shitlers. Da wird auf dem Ruhrpott-Rodeo vor einem riesigen Transparent gepost, auf dem voll exklusiv das Coverartwork der neuen Scheibe präsentiert wird, da wird ein Bohei darum gemacht, wer die aktuellen Texte verfasst hat, da wird ein professionelles Video zur aktuellen Singleauskopplung produziert, was auch als Audi oder Mercedes-Werbespot durchgehen könnte… die Alex Schwers Promomaschinerie läuft auf Hochtouren… fehlen nur noch Autogrammstunden und Starschnitte in der nächsten Visions. Im Promotext zu dieser Veröffentlichung heisst es: „Unsere Lieder“ ist ein Song, der SLIMEs Situation 2017 reflektiert, weil die Themen, die sie aufgreifen, heute noch und teilweise sogar in verschärfter Form vorliegen. SLIME sind auch 2017 musikalisch kraftvoll und relevant wie eh und je….“ Geht ihr mal schön euren Weg in Richtung Rock am Ring… ich frage mich ernsthaft, für wen diese Band heutzutage noch relevant ist. Die neue Platte werd ich mir aber natürlich in allen Farb-Variationen kaufen, um sie ein paar Jahre später mit sattem Gewinn wieder abzustoßen und vom Erlös hol ich mir dann ein Rock am Ring Ticket und bewerf Slime mit Plastikbechern.