SCHÖNER STERBEN MIT HEROIN & KORN – Demo 2015 Tape

Dreckig, räudig, rumpelig. Oft genutzte Phrasen im Vokabular des Rezensenten und doch sind sie als Beschreibung der dargebotenen Musik selten so treffend, wie bei den vier Lübeckern mit dem ausgefallenen Bandnamen. Geht das überhaupt? Schöner sterben? Und dann auch noch ausgerechnet mit Heroin und Korn? Ich hab früher nie mit den fertigen Kapeiken Shore, Stein, Papier gespielt und bis heute auch noch keinen Freund oder Bekannten im Alkohol- oder Drogensumpf untergehen sehen. Klar, als Kiddie-Punker spritzt man sich gerne mal ne Pulle Haschisch in die Venen und frisst kleine Kinder, aber auf die Rock and Roll Highschool bin ich nie gegangen. Meine Drogen- und Hartalkerfahrungen sind da eher auf Vorschulniveau. SSH+K, die sich eigentlich mit SSHM+K abkürzen müssten, spielen dreckigen, räudigen und rumpeligen Deutschpunk, dessen Reminiszenzen ganz klar Anfang der 80er zu verorten sind. Außerdem mögen sie Abkürzungen, denn Lied 6 von 7 trägt den erst mal irreführenden Namen: SSSA. Hierbei handelt es sich nicht um eine Neuvertonung eines alten Slime Klassikers, vielmehr haben sie sich von Hammerhead inspirieren lassen und frönen dem alleinigen Alkoholkonsum. Sonne Scheisse Sauf Allein. Ich muss gestehen, dass ich ein bisschen Angst vor diesem Tape habe, auch noch als es seine erste Runde in der heimischen Anlage dreht und ich nebenbei Booklet, Bandlogo und selbst gemalte Bandpotraits begutachte. Die Texte verstehe ich nur bruchstückhaft, irgendwas mit süßer Suff mit Doppelkorn, Kirmespunk und Karneval, die anderen sind beim Wilwarin dabei lalala und die Anfangsmelodie von Alfred Jodocus Kwak. Der Gesang ist recht monoton, das Tempo auf konstant gleichbleibendem Niveau, eher im Windschatten eines LKWs, als mit 180 Sachen auf der Überholspur. Das Logo wirkt simpel, Microsoft Paint mit wenigen Klicks, aber zumindest ist Tom, der mal in Wiesbaden gewohnt hat und (immer noch) bei der Bildungslücke spielt zweifelsfrei im Booklet zu erkennen. Und so simpel und einfach gestrickt, wie es auf den ersten Blick und auf das erste Ohr erscheint, ist es am Ende dann doch nicht. Vielmehr fügen sich die genannten Punkte zu einem stimmigen Gesamtbild, das eben ganz klar Anfang der 80er gemalt wurde. Und auch die Texte sind alles andere als stumpf oder hohl und drehen sich nur ums Saufen. Da geht es um die Ärzte und die Toten Hosen, die sich echauffieren, weil sie von Heino und der CDU gecovert werden: „Dolchstoßpunk Totalverdruss“ oder um den Nestlé Konzern, der sich in den ärmsten Ländern Wasserrechte kauft, dort abfüllt und hier als „Pure Life“ verkauft, während dort viele Menschen verdursten. In „Eure Stadt“ geht es gegen Lokalpatriotismus, wobei ich nur mutmaßen kann, wie viel Inspiration sie sich dafür auf den Straßen Lübecks geholt haben. Drägerwerk und Holstentor, da kack ich euch nen Haufen vor. Sankt Lorenz auf dem Pestfriedhof, hier ist einfach alles doof. Lübeck, du Kackloch, erstick an deinem Marzipan“ (aus „Lübeck, meine Perle“ von Panzerband) Auch als ich noch dort in der Nähe gewohnt habe, verschlug es mich nicht wirklich oft in die Hansestadt, die fast genauso hässlich wie Kiel ist, obwohl Holsten ein ganz leckeres Bier ist und ich quasi alles von Niederegger abfeiere. Im Song „Wurm“ greifen sie den schwierigen Konflikt zwischen Antideutschen und Antiimperialisten auf, der natürlich in einem 2 Minuten Song stark verkürzt daher kommt, aber das Thema dennoch ganz gut anschneidet. Mutiger Text. Die Reime und die Wortwahl wirken zuweilen aber etwas hölzern, wie z.B.: „Bombenteppich aus den Staaten, das verschafft mir einen Harten“ aus Wurm oder „Die Messlatte schnell eingeführt… der Knabe hat dich doch verführt“ aus Pfaffe, wobei das aber auf der anderen Seite auch seinen ganz eigenen Charme hat. Und sie schaffen es im Song „Lug und Trug“ auf stolze 24 Zeilen, die sich am Ende alle auf „relativiert“ reimen, ohne sich dabei zu wiederholen und trotzdem noch einen stimmigen Zusammenhang zu behalten. Hut ab. SSHK sind Deutschpunk in Reinform, der sich in schimmeligen Azs oder verrauchten und verruchten Spelunken wohl fühlt, feierfreudig, feierfest, aber alles andere als stumpf.

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