PLASTIC PROPAGANDA – Bunker EP

Es gibt im Internet eine Punk-Wiki-Seite, die mir erklärt, dass 77er Punk quasi oldschool ist, und sich diese erste Schublade des Punk damals richtig gut verkauft hat. „Heute gibt es eine kleine Szene und einige Amateurbands, die diese sympathische Anfangszeit idealisieren. Auch die quasi-uniformierte Kleidung junger Mode-Punks beruft sich auf diese Zeit.“ Anfang des Jahrtausends hatte der 77er Punk Hochkonjunktur auf meinem Plattenteller. Es waren Bands wie Lake Pussy, Copy Cats, The Disasters, Revolvers, Public Toys und vielleicht noch die Vageenas. Herausragend in diesem Genre ist die Split-Scheibe „Bad News For This District“ und über alledem thronten natürlich die Aushängeschilder The Briefs und The Shocks. Aktuell fallen mir da neben Sachen wie Modern Pets oder Reiz kaum noch andere Combos ein, aber es gibt ja heute auch nur noch einige Amateurbands, die diese sympathische Anfangszeit idealisieren… geh kacken Internet. Plastic Propaganda sind ein Hamburger Quartett und das riesige Bandfoto in der Innenhülle zeigt die quasi-uniformierte Kleidung nicht mehr so ganz junger Mode-Punks. Die sehen eben aus, wie du dir eine 77er Punkband vorstellst, dazu gesellen sich dann Künstlernamen wie Pablo Langeweile, Julian Humankapital oder Nina Nö. Außerdem blicken sie ziemlich gelangweilt aus der Wäsche, was dann aber auch zu den drei neuen Songs auf dieser EP passt. Denn „Closed Door“, „One-Man Scene“ und „Civilized“ strotzen nur so vor Klischees. Außer mir selber gehen mir alle anderen am Arsch vorbei, ich bin ein ewig gestriger, die Modernisierung hat mich überholt, der technische Fortschritt abgehängt und es gibt keine Zukunft mehr. Auch musikalisch schaffen sie es, eine gewisse No-Future Stimmung aufzubauen, trostlos, trist und trotzig, „Now I am all alone on my one-man scene.“ die dann im Gesamten aber wieder recht stimmig wirkt. Dazu passt dann auch das schlichte Artwork, so dass ich hier schon von einer rundum gelungenen Angelegenheit sprechen kann. Mich erinnern sie an einen Bastard aus den alten Avengers und den Gee Strings. Ich kannte das selbst betitelte Erstlingswerk von 2015 nicht und habe im Internet einfach mal auf gut Glück in die beiden Songs „Raw Energy“ und „Menschen dieser Stadt“ reingehört. Wow. Die können ja auch abwechslungsreiche, richtig mitreissende Stücke schreiben. Eine Prise Wave hier, da eine Reminiszenz an die guten alten Shocks… ich bin begeistert. Die Sachen gefallen mir um Längen besser als der aktuelle Output, gerade die deutschen Texte stehen ihnen sehr gut zu Gesicht. Schade, dass die neuen Songs nicht in diese Richtung gehen, sonst wäre aus einer zwar stimmigen, aber nicht wirklich mitreissenden 77er-Punk-Scheibe, ein echtes Kleinod geworden. Trotzdem lohnt es sich, die vier Hamburger mal im Auge zu behalten.

PLASTIC PROPAGANDA: facebook, bandcamp