KNIFEMAN – Özmein LP

Messermann. Der Messermann aus der Ukraine. Klingt nach einem neuen Teil der John Sinclair Hörspiel Reihe oder einer reißerischen Schlagzeile aus dem Axel Springer Verlag, ist aber der Name einer Crustband aus Kharkov, die auf dem Oldenburger Label Pandora Records ihre erste LP veröffentlicht hat. Die Ukraine… was weiss ich eigentlich über die Ukraine? Durch den Krieg und die Krim ist dieses Land in den internationalen Fokus gerückt, Andrij Schewtschenko und die Klitschko Brothers sind die bekanntesten Hanswürste und natürlich Tschernobyl. Ansonsten fristet dieses Land auf meiner inneren Landkarte eher ein trauriges Schattendasein, obwohl ein Urlaub und Besuch in Kiew sicherlich sehr reizvoll wären. Punk aus der Ukraine genießt in der heimischen Plattensammlung einen ähnlichen Exotenstatus wie Punk aus Panama. Also schnappe ich mir meine Tigerente und mache mich auf den Weg zu Milla Jovovich. Oh wie schön ist Ukraine. Oh wie laut und oh wie aggressiv sind KNIFEMAN. An dieser Stelle möchte ich mal das äußerst liebevoll zusammengestellte Begleitschreiben von Labelboss Tammo zitieren: !“Im Osten der Ukraine gibt es vor allem viel Landschaft, kaputte Atomkraftwerke und blutige politische Konflikte. Perfekte Voraussetzungen also, um eine richtig angepisste Hardcoreband zu gründen.“ Ich habe mich in den letzten Jahren ein gutes Stück weit von Bands wie VICTIMS, WOLFBRIGADE oder anderen immer wieder zitierten Genrevertretern aus Panama oder Schweden entfernt und erst durch Bands wie EXILENT oder MORIBUND SCUM, die zu ihrem Sound eine gehörige Portion Metal mischen, einen erneuten Zugang zu diesem sogenannten Crust gefunden. Und genau in diese Kerbe schlagen auch KNIFEMAN. Damit haben sie das Rad sicherlich nicht neu erfunden, aber mit aufgerissener Anlage drücken sie ein ordentliches Brett aus den Boxen, dass ich die schwarz gekleideten Dreadlockträger, Käppi, Bart, Karabinerhaken mit Schlüsseln neben siebzehn weiteren kleinen Gürteltaschen am Hosenbund, begeistert mit dem Fuß wippend, mit grimmigem Gesichtsausdruck dem Takt folgend und leicht nickend, im Halbkreis vor der Bühne stehen sehe. Das Albumartwork ist recht martialisch, passt damit aber sehr gut zu den Texten, in denen es viel um Krieg, Tod und Ausweglosigkeit geht. „Blood, pain, death… Time to die! Leave my body rotting. It‘s too late to run – the tribe wants war! In my hands a gun… and the light goes out…“ wobei KNIFEMAN aber in ihrer Landessprache schreien und brüllen, auf dem Textblatt finden sich die englischen Übersetzungen. Etwas heraus sticht der Titeltrack „Özmein“, in dem es vage um den Umgang mit Drogen geht („How stupid you were…“) und der mir auch musikalisch am besten gefällt. Hier ist deutlich eine gewisse Nähe zu Bands wie ESKALTOLOGIA oder aktuell MYTERI herauszuhören, die es vor allem live schaffen, ein enormes Feuerwerk zu zünden und hier zu gern gesehenen Gästen auf dem Plattenteller gehören. Und das Zeug dazu haben auch KNIFEMAN. Der DIY-Spirit trieft hier aus jeder Rille und ist förmlich zu riechen… ein bisschen wie eine alte Jeans, die jahrelang im feuchten Keller gelegen hat, ein bisschen wie dicke Wollsocken im Hochsommer, nach drei Stunden Waldlauf und ein bisschen wie Furz, nach drei Portionen Sojagulasch. Die Ukrainer hinterlassen einen sehr sympathischen Eindruck und sind damit bei Tammo und Pandora Records bestens aufgehoben.

KNIFEMAN: facebook, bandcamp