KALTFRONT – Wenn es dunkel wird CD

Wenn du an Punk aus der ehemaligen DDR denkst, fallen dir sicherlich als Erstes Schleim-Keim, L‘Attentat oder Die Skeptiker ein. Ungestümer, roher und wilder Deutschpunk, wie er in den 80ern auch im Westen von vielen Bands zelebriert wurde. Kaltfront wurden 1986 in Dresden gegründet und haben sich damals immer schon ein bisschen anders angehört. Die Geschwindigkeit etwas gedrosselt, die Texte durchdacht und gehaltvoll, fernab gängigem Parolengedresche und Plattitüden. Und immer schon etwas düster, dunkel und bedrohlich. Direkt nach der Wende war dann erst mal Pause bis 2011 ein nächstes Album erschien. Sechs Jahre später kommt mit „Wenn es dunkel wird“ ein neuer Longplayer, der wieder via Rundling veröffentlicht wurde. Unter den 13 Songs befinden sich auch einige ältere Stücke, die aber neu arrangiert und aufgenommen wurden, so dass sie sich nahtlos in die gesamte Tracklist einfügen. Das erste Mal stieß ich auf diese Band beim Zusammenstellen des „Bundeswehr wegtreten“ Tapesamplers, auf dem sie mit dem Song „Kriegslied“ vertreten sind. Der Text stammt von Erich Mühsam, der ja auch schon für ein komplettes Slime-Album die Lyrics geschrieben hat. Draussen sind es knapp 40 Grad, ich sitze nur in Badehose vorm Rechner und warte darauf, dass Caro von der Arbeit kommt, damit wir endlich mit unserem Gummiboot über den Badesee paddeln können und es fällt mir ziemlich schwer, dieses Album nach ein paar Songs nicht wieder auszumachen. Denn auch wenn es zuweilen heisst: „This is a happy generation“ oder „Alles hier ist so schön bunt“ erwartet dich mit dem neuen Kaltfront-Album alles andere als Gute-Laune-Punkrock mit positive vibrations. Vielmehr regiert die Dunkelheit, der Trübsal, das alles verschlingende Grau mit Textzeilen wie: „Wir leben in der Eiszeit, wenn es dunkel wird, ich habe genug, Schreie in der Dunkelheit, mir ist kalt, die Uhr tickt in der Dunkelheit…“ Dystopie in Rein- und Reimform. „Wenn es dunkel wird“ ist eben kein Album für mal Zwischendurch, was belanglos im Hintergrund dudelt, es will intensiv und aufmerksam gehört werden und dafür braucht es schon den richtigen Moment. Ein bisschen hat dieses Album was von ChaosZ oder den Fliehenden Stürmen, auch EA80 dürfen als Referenz herhalten, alles Bands, mit denen ich nie so recht warm geworden bin, weil ich mich auch nie intensiv mit ihnen beschäftigt habe. Kaltfront habe ich in den letzten Tagen sehr oft gehört, auch die alten Sachen nochmal hervorgekramt und so ein kleines bisschen haben sie mich angefixt. Sehr oft werde ich diese Scheibe wahrscheinlich nicht mehr auflegen, aber im Regal verstauben wird sie definitiv nicht. Live werden die Jungs wohl auch vermehrt wieder auf den Bühnenbrettern zu sehen sein und sollte sich die Gelegenheit ergeben, werde ich mir das sicherlich mal anschauen. „Ich suche deine Augen, ich suche deinen Mund. Es ist kein menschliches Gesicht. Eine Maske aus bemalter Haut, im kalten Neonlicht.“

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