INNER CONFLICT – First they take Manhatten… LP

Als geflissentlicher Rezensent muss ich meinen musikjournalistischen Ansprüchen natürlich gerecht werden und deswegen habe ich mich im Vorfeld mit Leonard Cohen beschäftigt, von dem ich zuvor noch nie etwas gehört hatte. Ich lebe halt ganz gut in meinem kleinen Punk-Kosmos und alles, was so an Musik durch die Radiostationen dieser Welt dudelt, geht mir am Arsch vorbei. Auch Leonard Cohen ist unhörbarer Schrott und auf seine Bekanntschaft hätte ich liebend gern verzichtet. Danke dafür, Inner Conflict, denn von eben jenem kanadischen Singer- und Songwriter haben sich die fünf Kölner bei der Wahl ihres Albumtitels inspirieren lassen. Wobei sich mir nicht erschließt, wer hier mit „they“ gemeint ist und wenn sie sich schon mal Manhatten genommen haben, was wollen sie dann noch mit Kalk anfangen… Kalk ist so ein nichtssagender Stadtteil von Köln. Schonmal was von Calgonit gehört? Das ist gegen Kalk. Punkrock geht in Ehrenfeld und Mülheim ab. Da kommen auch ey die Hunde her. Kalk ist an den Höhnern schuld. Und an Karneval. Glaubst du, der Dom wurde in Kalk gebaut? Oder dass Gaffel, Reissdorf oder Früh Kölsch da gebraut werden? In Kalk gibt’s nur Sünner Kölsch, wobei die Plörre eigentlich IMMER scheiße schmeckt, das Polizeipräsidium oder die Arcaden stehen in Kalk. Na gut, seid 2010 auch das Autonome Zentrum (Quelle: Wikipedia) und Tom Gerhard ist dort geboren. Und die WB12 und eben auch INNER CONFLICT, um die es an dieser Stelle ja eigentlich gehen soll. Ich mag die Kölner und verfolge sie schon über einen sehr langen Zeitraum. Da war Ballo noch ein kleiner schwarzer Kasten, hat keine Widerworte gegeben, das Bandbier nicht angerührt und ins Handschuhfach gepasst. Der Neu-Bremer Drum-Computer hat die Band noch einmal bereichert und gerade live macht das jetzt deutlich mehr her. Heraus stechend ist seid der ersten Veröffentlichung Jennys glasklarer und poppiger Gesang, eben das genaue Gegenteil von wütend oder angepisst und dadurch irgendwie auch polarisierend. Wobei die Dame bei der ersten LP von 2000 (super Album) noch garnicht an Bord war, wenn ich mich nicht irre… muss ich nochmal auflegen… Ich jedenfalls kann mich in den Geschichten, die Inner Conflict in ihren fünf neuen Liedern erzählen, hervorragend verlieren und dazu passt dann auch der markante Gesang. Es sind kleine Alltäglichkeiten über das Alleine sein im Alter und die damit einhergehende Verbittertheit, tägliche Routine auf der Arbeit oder die Hoffnungslosigkeit auf der Suche nach bezahlbarem Wohnraum. Damit schaffen es INNER CONFLICT das große Ganze, das aktuelle Zeitgeschehen, die Unzulänglichkeiten, Themen wie Gentrifizierung oder Altersarmut pointiert in kleine Geschichten zu packen, die dadurch viel greifbarer und mittelbarer werden. First they take Manhatten ist ein tolles Album geworden, das gerade in voller Lautstärke über Kopfhörer sein volles Potential entwickelt, mich mitreisst und träumen lässt. Ich freue mich die Bande morgen im Stumpf nach langer Zeit mal wieder zu treffen.

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