ILL! – Wenn alles endlich wertlos ist EP

Als alter Kreuzworträtselfuchs weiss ich natürlich, dass die Ill ein linker Nebenfluss des Rheins ist. Im Schulenglischen heisst es übersetzt aber auch „Krank“, doch diese Bezeichnung benutzen nur die Akademiker. Die krassen Punker sagen „sick“, „bad“ oder „morbid“. Wobei ich aber zugeben muss, dass das Schriftbild des Bandnamens mit dem Ausrufezeichen schon eine Menge her gibt. Seine Band „Krank“ oder nach irgendeiner Krankheit zu benennen zeugt jetzt aber nicht gerade von Ideenreichtum und Kreativität. Chorea Huntington, Pestpocken, Eisenpimmel, Tollwut, Schleppscheisse, Diarhhea Disco, Bluthusten, Atemnot, Fusspils, Herpes, Reizdarm, Sekretstau, Seuchenherd… Als Hypochonder bekomme ich schon allein durchs Aufschreiben irgendwie ein flaues Gefühl in der Magengegend. Wie muss sich wohl ein Mensch fühlen, der gleichzeitig an allen Krankheiten leidet, die auch als Namen für Punkbands herhalten müssen? Vielleicht ähnlich wie ein Mensch, der „Wenn alles endlich wertlos ist“ in Dauerschleife 2 Stunden am Stück hören muss? Ich jedenfalls bin ganz hibbelig und aufgekratzt, wie nach zu viel Koks und Koffein und Achterbahn. Ill aus Münster spielen Fastcore und haben mit ihrer zweiten EP die große Spastic Fantastic Familie verlassen, obwohl sie doch stilistisch bei Maz bestens aufgehoben wären. Ich kann mit diesem schnellen Krach, mit dem Gekeife und Geschreie nicht wirklich viel anfangen. Schade, dass mein Plattenspieler nicht mit 16rpm läuft, dann hätte ich vielleicht eine Chance, die sehr kurzen Texte auch zu verstehen. Es geht um stumpfe Fernsehunterhaltung, ein stechendes Messer, ein verhungerndes Pferd, schreiende Augen oder ums Kellerloch der Menschheit. Durch die Kürze der Texte geht die Aussage verloren bzw. wird sie mir erst gar nicht ersichtlich. So heisst es zum Beispiel im 18 Sekunden Song „Einsicht“: „Ich gehöre nicht dazu und fange lieber nochmal an. Besser aufhören und einsehen, irgendwann kommt jeder dran.“ Fertig. Fragezeichen. Live kann dir das bestimmt ordentlich die Gehörgänge durchpusten und für Kurzweil sorgen, immerhin dürften Auftritte dieser Band nicht allzu lange dauern. Für die Setliste brauchen die bestimmt mindestens ein DIN A3 Blatt und ich bezweifele, dass es groß auffallen würde, wenn sie nur drei oder vier Lieder spielen und diese dafür dann drei oder viermal wiederholen würden. Hochgeschwindigkeitspunkrock, der auf Vinyl zu schnell an mir vorbei rauscht. Caro sitzt gerade auf Klo, während in meinem Zimmer eine Horde Meerschweinchen auf dem Plattenteller massakriert wird. „Ey, mach die Scheiße aus, ich kann bei dem Krach nicht scheißen!“ ruft sie erbost und knallt die Badezimmertür zu.

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