FRONT – Dissonanz und Wahnsinn LP

Nun verfolge ich den musikalischen Werdegang des von mir sehr geschätzten Fanziner-Kollegen Falk Fatal schon eine ganze Weile. Angefangen bei den doch noch recht sperrigen BECKS STREET BOIS, die anno dazumal im Plastic Bomb von Micha ein sehr schlechtes Review bekommen haben, zum ersten Demotape von FRONT bis nun zum mittlerweile fünftem Album Dissonanz und Wahnsinn. Bei den ersten Konzerte standen sie noch im Einheitslook in weißen Maleranzügen und bunten Sonnenbrillen auf der Bühne. Und mit Gasmaske und Stahlhelm. Ich lud sie nach Eisenach ein, wo sie zusammen mit den SPASTIX einen gefeierten Auftritt im alten Grenzturm in Ifta hinlegten und es am nächsten Morgen bei einigen Bandmitgliedern lange Wurstgesichter gab, weil ich nur ein vegetarisches Frühstück vorbereitet hatte. Ich lud sie nach Flensburg ein, wo sie mit FINISTERRE einen gefeierten Auftritt in der Senffabrik hinlegten und ich den ganzen Abend mit Falk hinter seinen Plattenkisten verquatscht habe. Und es gab wieder keine Wurst. Aber auch keine langen Gesichter mehr. Und ich werde sie am 5.5. nach Hannover einladen und hoffe auf einen gefeierten Auftritt im Stumpf und glückliche vegetarische Wurstgesichter. Aus den weißen Maleranzügen sind schwarze Röhrenjeans und Hemden geworden und die einst jedes Artwork dominierende Farbe Weiß ist beim bald erscheinenden Album Dissonanz und Wahnsinn ebenfalls dem Schwarz gewichen. Und irgendwie wirkt dieses Album auf mich auch düsterer. FRONT haben es schon immer verstanden, eine kalte, kantige und dystopische Atmosphäre zu schaffen. Und dabei haben sie einige Hits fabriziert, die sich nicht hinter den Coverstücken von MALE, S.Y.P.H. oder MITTAGSPAUSE verstecken mussten. Songs im Stile von „Neonlicht“, „Acht Grad Unter Null“ oder „Prada Meinhof“ fehlen mir auf dem aktuellen Output. Dissonanz und Wahnsinn hatte einen schweren Start bei mir. Der erste Eindruck war eher mau. Alles solide Kost, typisch FRONT, aber eben ohne einen Ausreisser nach Oben, der sich nach dem ersten Hören direkt im Ohr fest setzt. Das war auf den vorherigen Alben anders. Und trotzdem habe ich das Album immer und immer wieder von vorne gehört, weil es im Gesamten extrem fesselnd und packend ist. Die Anleihen an den frühen 80er Jahre NDW-Punk oben aufgeführter Kapellen sind noch deutlicher zu spüren. Dabei schaffen sie es aber problemlos, den damaligen Zeitgeist ins Hier und Jetzt zu transportieren und nicht wie eine bloße Kopie zu klingen. Nicht eintönig, eher monoton im positiven Sinne, nicht frickelig oder experimentell, eher eine Veredelung des eigenen Stils in feinsten Nuancen. Sie erinnern mich ein bisschen an KALTFRONT. Das reißt mich musikalisch nicht vom Hocker oder animiert zum wilden Wohnzimmerpogo, vielmehr führt es zu einer düsteren, kalten und sterilen Stimmung, die ganz gut zum Film „Dark City“ passt. Ich lasse die Jalousien herunter, damit die wärmenden Sonnenstrahlen draussen bleiben, drehe die Heizung runter, setze mich unter die Neonröhre, die mein Zimmer in kaltes Licht taucht und singe: „Die Stadt ist tot, in den Kneipen gibt es keine Hoffnung mehr…“ und „Säg den Ast, auf dem du sitzt. Schlag den Kopf auf Beton, bis der letzte Knochen bricht…“ Denn gerade textlich präsentieren sich die 4 Wiesbadener extrem versiert und abwechslungsreich, mit Formulierungen und Ausdrücken, Metaphern und Fremdwörtern, wie es nur wenige Bands hinbekommen. PASCOW können das auch ganz gut. Im aktuellen Human Parasit kannst du übrigens nachlesen, was Falk so über Spiessbaden zu berichte hat. Müsste ich aus den zwölf Songs einen heraus picken, wäre es „Pharmazie“, der sich nach wiederholtem Hören langsam aber beharrlich als echter Hit kristallisiert. „Danke, danke Pharmazie, das Leben ist Chemie.“ Im Song „Das Streben nach Glück“ haben FRONT es sogar geschafft, mit „No Borders, No Nations…“ eine ausgelutschten Demo-Phrase zu vertonen, die auf den ersten Blick irgendwie deplatziert wirkt, doch „…kein Mensch ist illegal“ ist heute aktueller und wichtiger denn je und der perfekte Beweis, das die Band keine angestaubten Themen von vor dreissig Jahren aufwärmt, sondern aktuell zur Lage der Automation einiges zu sagen hat. Ich habe wirklich viel Zeit für Dissonanz und Wahnsinn gebraucht, so intensiv habe ich FRONT bisher noch nicht gehört und erlebt und muss jetzt doch mal die Heizung wieder aufdrehen, damit ich keinen Schnupfen bekomme und in Depressionen verfalle. Starkes Album im FRONT-typischen Artwork, wieder von Twisted Chords releast.

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