FONTANELLE – Noi!e Eindrücke LP

Glücklicherweise scheint die Zeit überstanden, in der sich neue Oi! und Ska-Skapellen auf Teufel komm raus ihre Musikrichtung in den Namen pressen. Und glücklicherweise scheint die Zeit, in der unpolitische Oi!-Bands wie Pilze aus dem Boden schiessen ebenso vergangen, denn mit FONTANELLE, SHARP X CUT, OIDORNO oder OI! OF THE TIGER (jaja, in Hamburg und Hannover ist man bei der Namensgebung noch deutlich konservativer) haben sich in jüngerer Vergangenheit einige klar antifaschistische Oi! Bands formiert. „Bring back the politics in Oi!“. Was ist eigentlich eine Fontanelle? Gabs das nicht jeden Freitag bei Mama und Papa zum Abendessen? Mit Pellkartoffeln in Sahnesoße? Ist das nicht irgendein analer Schweinskram, mit dem sich hippe Jugendliche beschimpfen? Du kannst mir ma die Fontanelle lutschen, du Alpha-Kevin! Weder noch. Hat etwas mit Löchern in Babyköpfen zu tun. Komischer Bandname, dann doch lieber Aquaristik oder Ghettoslang. FONTANELLE sind fünf Herren aus Leipzig, wovon einer sogar Haare auf dem Kopf hat und sie spielen typischen Oi!-Punk mit deutschen Texten in gemäßigte Tempo mit gut verständlichen Texten. Zum Teil werden meine Erwartungen und Klischees voll bedient, denn die 10 Songs haben eine ordentliche Prise Lokalkolorit, der mir aber nur in dem Fußball-Lied „Loitzsch“ mächtig auf die Nerven geht. „Skinheads Chemie – Uns besiegt ihr nie“, ansonsten geht es eher um die Gentrifizierung Leipzigs oder das Saufen am RASH-Stammtisch „Der Letzte der am Tresen steht, Oi! Oi!, ja das bin ich.“. Fußball, Saufen, Working Class, die hier aber nicht stumpf abgefeiert, sondern kritisch hinterfragt wird: „Schon lange ist’s vergessen, die working class-Bedeutung. Es heißt Klassenkampf und nicht der Stolz auf die eigene Ausbeutung. Hör auf dich zu feiern für deine 40-Stunden-Woche. Denn der Mehrwert, den du schaffst, der bleibt am Ende nicht in deiner Klasse…“ Das finde ich sehr gut, die Jungs nehmen kein Blatt vor der Mund und scheuen auch nicht vor eigener Szene-Kritik zurück. Sie nennen die Scheiße beim Namen, ob das jetzt Bands wie Martens Army oder Prolligans (im Anti Grauzonen-Song) oder plumpe Mitläufer betrifft, die sich auf eine angebliche Tradition einen runter holen („Lauf nicht mit, setz dich zur Wehr. Für uns heißt Skinhead Klassenkampf. Keine Sympathie fürs Vaterland. Tradition ist nur ein Trend…“). Wie ein roter Faden zieht sich die klar antifaschistische Position durch die Platte. FONTANELLE gewinnen mit ihren Texten jetzt keinen Lyrik-Preis, sie haben eine klare und einfach formulierte Message: Nazis auf die Fresse hauen! und auch wenn mich das Ganze musikalisch jetzt eher weniger packt, haben sie mit „Noi!e Eindrücke“ ein starkes Debut abgeliefert, das vor allem in Punkto Einstellung und Attitüde aus der Masse an Oi!-Bands heraus sticht. Ist das eigentlich ein Peniskopf auf dem Cover, der da aus dem Grab steigt?

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