DIE STROHSÄCKE – Schmutzig, eklig, kalt LP

Zu dieser Band und insbesondere dem Label Attack Records habe ich ein ganz besonderes Verhältnis. Vor vielen Jahren hatte ich mal eine extreme Platten-Sammel-Phase, in deren Verlauf ich mir alle Releases des damaligen Berliner Labels besorgt habe, auch wenn dort z.B. mit den Ugly Aesthtetics oder Sixteen Eyes zum Teil ganz furchtbare Musik seinen Weg aufs Vinyl gefunden hat. Das Haus- und Hoflabel von Strohsäcke-Schlagzeuger Christian hat aber auch echte Perlen veröffentlicht, die ersten Singles der Shocks, Worhäts oder später Trash Torten Combo und Harnleita zählen zu Dauergästen auf meinem Plattenteller. Ganz groß ist übrigens der Sampler „Pogo Til Orgasm“ von 1996 mit u.a. den Barbie Bitches oder Lokalverbot. Auch das Attack Records Festival Anfang 2000 (?) im Berliner Drugstore ist ein unvergessenes Highlight, in dessen Verlauf die beiden damaligen Chefredakteure des Human Parasit Olli und Bäppi die nächste Ausgabe des Heftes in Kyrillisch verfassen wollten, um so auch den Ostmarkt zu erobern… und ein gewisser Micha vom Plastic Bomb den Abend mit literweise Sauerkrautsaft verbrachte… zwecks Entschlackung. Das Label und die Strohsäcke standen und stehen für ehrlichen, einfachen, auf-die-Fresse Deutschpunk, der zeitlich eher in den 80ern zu verorten ist und sich meilenweit von Nix-Gut, Hamburger Schule oder den ganzen Pascow oder Turbostaat-Klonen unterscheidet. Musik von Punks für Punks, keine weichgespülte Studentenjammerei und son Schmonz. Die Strohsäcke gründeten sich Anfang der 90er und brachten es in ihrer Bandgeschichte auf ein Album und diverse Singles. Nun erscheint über 10 Jahre nach ihrer letzten Veröffentlichung und lange nach der Auflösung diese Compilation mit unveröffentlichtem Material aus den Jahren 1992 und 1993. Oft haftet vergleichbaren Zusammenstellungen ein gewisser Mief an, es riecht nach verstaubtem Zeitdokument, das sich der nerdige Plattensammler in sein Plattenregal schiebt und dort verstauben lässt. Oft sind diese Geschichten auch recht lieblos zusammengeschustert, ein paar grottige Proberaumaufnahmen nochmal auf Vinyl gepresst, um noch ein paar Mark abzugreifen. Das ist hier glücklicherweise nicht der Fall. 8-Spur Proberaumaufnahmen und Livemitschnitte in echt guter Qualität haben den Weg auf die Scheibe gefunden, die sich hinter keiner aktuellen Deutschpunkveröffentlichung verstecken muss. Songs wie „Ich will ich selba sein“ (Reichtum, Macht, der Chef zu sein ist alles was noch zählt, doch keiner hat mich je gefragt ob mir das auch gefällt) oder „Frust“ (Den ganzen Tag nur Fernsehen, das kotzt mich langsam an, Keiner hat Ideen was man sonst noch machen kann…) sind zeitlose Hits, die sich prima auf einem Mixtape mit aktuellen Sachen wie Asselterror oder Frontex vertragen. Klar versprühen Songs wie „Bundeswehr“ oder „Südafrika“ eine gewisse Nostalgie und „Hallo Heino“ oder „Kanzler“ mit seinem furchtbaren Modern Talking Cover sind anstrengender Nonsens, trotzdem läuft diese Scheibe wie aus einem Guss und hat eigentlich keine Ausfälle zu verzeichnen, was bei 17 Liedern schon eine Leistung ist. Im Beiheft, das einem kleinen A5-Fanzine gleicht, findest du zudem alle Texte und den ersten Teil der Bandgeschichte, die Christian sehr persönlich und interessant zu Papier gebracht hat. Ein rundum gelungenes Paket, das in einer nächsten Compilation mit Songs aus den Jahren 1995 bis 2006 eine Fortsetzung finden soll und muss. Vor einigen Jahren hat es den Strohsack in die Niederlande verschlagen, wo er zusammen mit seiner Trash Torte bei den Placebotox lärmt, mit denen ich allerdings noch nicht so richtig warm geworden bin. Aber ich freue mich riesig auf das Kopernikus-Sommerfest in ein paar Wochen, wo neben den Placebotox auch noch eine Strohsäcke-Coverband auftreten wird. Die Strohsäcke sind tot, lang leben die Strohzakjes.

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