BLUE CHIPS TO EAT – Standardabweichung CD

Was ist denn das bitte für ein selten dämlicher Bandname? Was soll das denn sein? In Curacao getunkte Pringles? Mit Eierfarben angemalte Erdnussflips? Besoffene Motorradbullen, die die Quadratwurzel der Varianz auffressen? Nee. Is Schrammelpunk aus Duisburg von fünf langhaarigen und teils bärtigen Jungs, die gerne Karohemden tragen und wahrscheinlich BWL studieren oder gerne Der Aktionär TV oder Deutsches Anleger Fernsehen schauen. Blue Chips haben nämlich irgend etwas mit hoch dotierten Börsenunternehmen oder wertvollen Casino-Jetons zu tun und eigentlich kann man die überhaupt nicht essen. Welche Drogen habt ihr konsumiert, um auf solch einen hanebüchenen Dummfug zu kommen? Laut Paragraph 3 des DGB (Deutschpunk-Gesetz-Buch) haben Namen einer Deutschpunkband griffig oder aggressiv zu sein, oder irgendwas mit Bullen muss drin vorkommen. Die psychedelischen Einhörner, der fleissige Doktorant oder Feine Sahne Fischfilet gehen zum Beispiel überhaupt nicht und stehen auf der schwarzen Liste. Ich habe gerade echt viele Dinge im Kopf, über die ich in dieser Rezension schreiben könnte, um vom einfältigen Deutschpunk des Ruhrmetropolen-Quintetts abzulenken. Wie ich mal im Casino von einem einarmigen Banditen ausgeraubt wurde, wie ich mir wegen Jan Ullrich Telekom-Aktien kaufen wollte, wie ich nach drei Tüten Chio Tortillas drei Tage lang krank gewesen bin, dass ich auch mal Holzfäller werden wollte und zwar ein Karohemd, aber eine keine Arbeitswut zu bieten hatte, was Herr Lenz mir im Mathematik Leistungskurs so alles beigebracht hat oder was ich neben Eisenpimmeln und plastischen Bomben noch so alles in Duisburg erlebt habe. Aber damit auch du in den Genuss einer Standardabweichung kommst, erzähle ich dir lieber gleich etwas über die erste Veröffentlichung der seit 2013 existierenden Band BCtE. Aber erst gleich… Da lag also ein Abholschein der Deutschen Post im Briefkasten. Nix ungewöhnliches, bei dem hohen Päckchen und Paketaufkommen seit einigen Wochen. Caro hat nämlich jetzt ein Smartphone und kann sich unter der Dusche neue Schuhe bei Zalando bestellen und neue Bonbons für Candy Crush und Textilfarben für die Waschmaschine, Badelatschen, Eierbecher… Ungewöhnlich war aber dann, dass es sich um keine gewöhnliche Postsendung, kein Päckchen oder Paket handelte, sondern um ein Einschreiben mit Rückschein, dass nur gegen Unterschrift ausgehändigt wird. Das wird in der Regel für hoch offizielle behördliche Post genutzt und verheisst im Normalfall nichts Gutes. Nach zwei schlaflosen Nächten mit Albträumen von Einzelhaft, MPU oder Abschiebung konnte ich nach dem Wochenende endlich in meiner Postfiliale die Sendung in Empfang nehmen. Da steckte also in dem mit 6,80 Euro frankierten Brief eine selbstgebrannte CD mit einem absolut hässlichem Cover, einem handschriftlich verfasstem Beipackzettel und ein viermal gefaltetes DIN A4 Textblatt. Da war wohl selbst der gepolsterte Umschlag doppelt so teuer wie der Inhalt, mit dem ich mich jetzt nach knapp 450 Wörtern endlich auseinander setzen möchte. Denn das, was Blue Chips To Eat hier auf den Silberling gepackt haben, gefällt mir ganz gut. Schrammeliger Deutschpunk, herrlich unaufgeregt und unambitioniert, mit ner gehörigen Portion Dreck und Wut in der Stimme. Unter die zehn Songs gesellen sich echt gute, wie der Opener „Guten Appetit“, in dem undogmatisch mit den Fleischfressern abgerechnet wird oder „Biene ohne Stachel“, in dem es um sexuelle Selbstbestimmung und vorgefertigte Rollenbilder geht. „Kapital hat kaum Moral, der Mythos stimmt genau, nichts entspricht dem Sachverhalt, Geld braucht leider jede Sau“ heisst es in „Das Kapital“ und auch die Rassisten kriegen in „Denk nach“ ihr Fett weg. Mal nicht in stumpfer Hau-Drauf Manier, sondern eher belehrend mit erhobenem Zeigefinger statt geballter Faust. Dazu gesellen sich dann Nonsens-Lieder wie „Französisch“, einem Liebeslied für Schnaps oder „Frei Haus“, bei dem der Text aus einer Pizzakarte besteht. Das hab ich mit 17 Jahren bei meinen ersten Gesangsversuchen im Gerderrather Hühnerstall mit der Band Norm-A gemacht, weil ich nicht wusste, was ich sonst ins Mikro brüllen sollte. Hier wirkt das deplatziert, uninspiriert und wenn ihr nach vier Jahren Proberaum keine besseren Song fabriziert bekommt, seid ihr echt stinkefaul. Das schmälert den Gesamteindruck dann leider schon ein Stück, denn gerade durch den markanten Gesang haben Blue Chips To Eat einen echten Wiedererkennungswert und auch der einfach strukturierte Deutschpunk weiß zu gefallen. Sie reihen sich damit problemlos in die Riege neuer Deutschpunkbands wie Pogendroblem, Gedrängel oder Trümmerratten ein, die gerne Mülheim Asozial hören und zu den schlauen Menschen gehören, die das Augenzwinkern der Kölner auch verstehen. Abzüge gibt’s in der B-Note wegen dem schäbigen Artwork und den Lückenfüllersongs, unterm strich bleibt’s aber eine echt stimmige Deutschpunkscheibe von wirklich sympathisch erscheinenden Jungs, die mit ihren knapp 270 Facebook-Likes zwar noch zu den Small Cap Unternehmen zählen, ich ihnen aber eine stetige Kurssteigerung prognostizieren würde.

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