AUWEIA! – Kaskade Der Irre EP

Irgendwann vor vielen Jahren hab ich Ulrich kennen gelernt. Vermutlich auf einem Konzert in Köln, vermutlich auf dem Bauwagenplatz „Wem gehört die Welt“, vermutlich hat eine schrammelige Deutschpunkband gespielt. „Hier guck mal, ich singe jetzt in einer schrammeligen Deutschpunkband“ sprach der Barde und überreichte mir mit einer wohlwollenden Geste das Demotape seiner Band AUWEIA!. Die Band war eng mit dem damaligen Bundschuh-Fanzine-Netzwerk um die Jungs von T.O.D. verwoben und so freundeten auch wir uns schnell an. Mit einem Mob von Punkern besuchten wir seine ersten Geh- und Stehversuche auf den Kleinkunstbühnen des Kölner Laientheaters (die Anfänge einer großen Schauspiel-Karriere), etliche AUWEIA!-Konzerte, die stets in wilden Sauf- und Pogoexzessen gipfelten und einmal durfte ich sogar in den heiligen Hallen des extrovertierten Herrn Faßnacht in Köln nächtigen. Eine echte Punkerbude, alles dreckig, versifft und chaotisch, die Wände mit alten YPS-Heften tapeziert. Durch ihn und sein Label Terrortubbies inspiriert, wurde Human Parasit Pladden ins Leben gerufen, was schnell zu einer gemeinsamen Kooperation bei der ersten DIE BILANZ LP führte und über all die Jahre verloren wir uns nie aus den Augen, trafen uns und tranken gemeinsam in allen Winkeln dieser Republik Unmengen Birnennektar, Bananensaft, Brombeersirup und andere Kaltgetränke, die mit dem Buchstaben „B“ beginnen. Schnell übernahm der von mir sehr geschätze Emanuel den Bass, obwohl er noch nie ein Instrument in den Händen gehalten hatte, aber einfach menschlich perfekt in die Chaotentruppe passte. Ruben am Schlagzeug ist für etliche Human Parasit Fanzine-Cover und das Panzerband-Logo verantwortlich, er wurde später durch Porky ersetzt, mit dem ich auch schon vor vielen Jahren auf einer Verrottungsfahrt nach Peine gereist war und Gitarrist Nils muss man trotz Melone einfach gern haben. Ich muss also gestehen, dass ich nicht ganz unbefangen mit dieser Band und dieser Single umgehen kann. Mit Panzerband und auch Pflasterstein haben wir etliche Male die Bühnenbretter geteilt und es war jedes Mal ein Fest. In der sehr überschaubaren Diskographie von Human Parasit Pladden befindet sich auch der einzige Longplayer der Band, die mittlerweile aus Köln, Bremen und Berlin stammt. 2010 erschien mit „There‘s No Freedom, There‘s Nur Scheisse!“ ein Meilenstein der jüngeren Schrammel-Deutschpunkgeschichte. AUWEIA! standen von Anfang an für ehrlichen und erdigen Punk, ohne Allüren und ohne Ambitionen. Und nun ist Schluss. Nach über zehn Jahren und einer letzten feucht-fröhlichen Tour mit befreundeten Bands durch befreundete Läden, verliert der jüngere Deutschpunk eine seiner prägendsten Bands. Und „Kaskade Der Irre“ ist ein würdiges Abschiedsgeschenk. 6 Lieder, die der aufmerksame Fan zum Teil schon von Livekonzerten kennt, die einige Jahre zurück liegen, denn die Jungs waren in den letzten Jahren alles andere als fleissig, weswegen ich hier aber auch glücklicherweise auf ausgelutsche Phrasen verzichten kann. AUWEIA! haben ihren Sound nicht verfeinert, AUWEIA! waren nicht in der Musikschule und können auf einmal ihre Instrumente beherrschen, AUWEIA! haben sich nicht weiterentwickelt, auch nicht in feinen Nuancen. Aber sie haben gelernt Hits zu schreiben. Was sich schon auf der letzten Veröffentlichung, der Split-EP mit PLACEBOTOX mit den Songs „Bla, Bla“ und „Was tun, wenn‘s brennt“ andeutete, findet hier im Opener „Wunderland brennt“ die kaum zu übertreffende Steigerung. Ein echter Ohrwurm, der beste AUWEIA! Song, der je ins Vinyl geritzt wurde. Die Band löst sich auf dem Höhepunkt ihrer Schaffensphase auf, aber man soll ja aufhören, wenns am Schönsten ist. Auch „Kaskade der Irre“, „Kopf des Navigators“ und „Punkt Null“ sind typische AUWEIA! Pogokracher und mit „Fight!“ und „Pogo bis die Oma schreit“ befinden sich auch wieder zwei Nonsens-Stücke ganz im Stile von „Mama ist die Beste“ auf der Scheibe. Das gehört einfach zu der Band, bei der der Spaß niemals zu kurz gekommen ist. Ich werde dieses Stück Vinyl noch oft auf meinen Plattenteller legen und wehmütig in vielen tollen Erinnerungen an eine Ausnahmeband schwelgen. Ein echtes Kleinod.

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